Europawahl in Großbritannien Die Brexit-Klatsche

Tories und Labour erzielen bei der Europawahl in Großbritannien desaströse Ergebnisse, das Zweiparteiensystem liegt in Trümmern. Vor allem Nigel Farage profitiert - und könnte den Brexit-Kurs der neuen Regierung beeinflussen.

Nigel Farage jubelt bei der Verkündung von Wahlergebnissen
Tolga AKMEN/ AFP

Nigel Farage jubelt bei der Verkündung von Wahlergebnissen

Aus London berichtet


32 Prozent, so steht es schwarz auf türkis auf dem TV-Bildschirm. Andrea Carlo, bald Student in Cambridge, blickt auf, seine Augen fixieren den Fernseher. Zwei Jahre lang ist der 22-Jährige marschiert, hat Stimmung gemacht, seine Freunde überredet, wollte den Brexit doch noch aufhalten.

Heute ist er in einen Londoner Pub gegangen, auch um zu sehen, was seine Mühen gebracht haben. Und jetzt das: 32 Prozent für die Brexit-Partei - der klare Sieg bei der Europawahl in Großbritannien. So prognostiziert es die BBC nach Auszählung von acht der zwölf Regionen. Nach Auszählung von rund 90 Prozent der Wahlbezirke kommt die Brexit-Partei auf 31,6 Prozent der Stimmen.

Was Andrea Carlo auf dem TV-Bildschirm in der Ecke sieht, sind die Ergebnisse einer Wahl, die nie hätte stattfinden sollen - schließlich wollten die Briten längst draußen sein aus der EU. In Großbritannien gab es im Wahlkampf deshalb nur ein Thema: Brexit.

Mays Tories landen bei gerade einmal neun Prozent

Das Ergebnis der Ein-Themen-Wahl ist ein Sieg der Brexit-Partei von Nigel Farage. Die konservativen Tories von Noch-Premierministerin Theresa May: abgestraft. Sie kommen gerade einmal auf rund neun Prozent. Ein einstelliges Ergebnis - was für eine historische Niederlage.

Auch die Labour-Partei verlor stark, nur rund 14 Prozent der Wähler stimmten für die Sozialisten von Parteichef Jeremy Corbyn. Die Liberaldemokraten haben sie überholt, kommen auf rund 20 Prozent der abgegebenen Stimmen. Selbst die britischen Grünen schlossen mit rund 12 Prozent beinahe zu Labour auf. Die Wahlbeteiligung ist laut BBC im Vergleich zur vergangenen Europawahl im Jahr 2014 leicht gestiegen: auf etwa 37 Prozent.

Wie viele Sitze die beiden einst großen Parteien genau verlieren, wird erst Montagmorgen endgültig feststehen. Die Frage ist an diesem Abend in London fast nebensächlich, ging es doch bei der Wahl vor allem um ein innerbritisches Kräftemessen.

Und da ist der Befund eindeutig: Das Zweiparteiensystem liegt in Trümmern. Den Kräften, die die britische Politik seit Jahrzehnten bestimmt haben, bleibt plötzlich nur noch die Statistenrolle. Sie hatten beim mit Abstand wichtigsten Thema der vergangenen Jahre keine klare Antwort. Die Labour-Partei hat bis heute keine einheitliche Position zum Brexit gefunden. Corbyn weigert sich nach wie vor, sich auf ein zweites Referendum festzulegen.

Nach dem Triumph seiner Brexit-Partei bei der EU-Wahl fordert Nigel Farage Mitspracherecht bei den Verhandlungen über Großbritanniens Ausstieg aus der EU. "Wir sollten jetzt zum Team gehören, das ist ziemlich klar", sagte der 55-Jährige am Montag. Er pocht auf ein Ausscheiden seines Landes aus der EU bis zur derzeitigen Frist am 31. Oktober - im Zweifel auch ohne Vereinbarungen über das künftige Verhältnis Großbritanniens zur Staatengemeinschaft.

"Ich bin einfach nur enttäuscht von ihm und seiner Wischi-Waschi-Position beim Brexit", sagt Carlo im Pub. Noch vor zwei Jahren war er glühender Labour-Fan, trat in eine Ortsgruppe ein, postete eine Wahlempfehlung auf Instagram. Jetzt hat er die britischen Grünen gewählt - weil sie klar gegen den Brexit kämpfen.

Viele andere Briten dachten offensichtlich ähnlich und wählten die Grünen oder Liberaldemokraten. Wie lange Corbyn seinen Kurs noch durchhalten kann, ist nach diesem Abend offener denn je.

Andrea Carlo in London
SPIEGEL ONLINE

Andrea Carlo in London

Noch bitterer verlief die Wahlnacht für die Tories. Auch sie bekamen die Quittung für ihre gescheiterte Brexit-Politik. Nach dem Referendum hatte Premierministerin May erst viel versprochen, Sätze gesagt wie: "Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal." Doch dann konnte sie ihre Versprechen nicht halten. Nicht mal Wahlkampf machte May vor der Europawahl.

In diese Lücke stieß Nigel Farage mit seiner neu gegründeten Brexit-Partei. Die gesamte britische Demokratie sei gefährdet, rief der Antieuropäer seinen Anhängern immer wieder zu - und ließ sich dafür feiern. Der Brexit müsse jetzt endlich kommen. Wenn es sein müsse, auch ohne Deal.

Wenn die EU nicht nachgebe, handle man eben nach den Regeln der Welthandelsorganisation, sagte er. Brexit-Gegner nennen dieses Horrorszenario No-Deal-Brexit - und befürchten schwere wirtschaftliche Schäden, vor allem für das Königreich selbst. Vielen Wählern war das offensichtlich egal. Noch in der Nacht triumphierte Farage. Wenn Großbritannien die EU nicht am 31. Oktober verlasse, werde seine Partei den Wahlerfolg bei einer nationalen Parlamentswahl wiederholen, drohte er den Konservativen. Für seine Brexit-Partei forderte er außerdem eine Rolle in den Brexit-Verhandlungen.

Zwar waren Europawahlen in Großbritannien schon immer Protestwahlen. Allerdings ist Farages Sieg zu deutlich, um ihn einfach als Eintagsfliege abzutun. Im Vergleich zu seinem Erfolg mit Ukip bei der Wahl 2014 legte er noch mal zu. Außerdem ging es im Wahlkampf um die eine Frage, die noch auf Jahre hinaus im Zentrum einer jeden nationalen Wahl in Großbritannien stehen wird.

Schwere Aufgabe für Mays Nachfolger

Der Sieg der Brexit-Partei bei der Europawahl fällt mitten ins Rennen um die Nachfolge von Theresa May. Seit Mays Rücktrittsankündigung am Freitag haben bereits acht Kandidaten angekündigt, die Tory-Partei führen zu wollen. Der neue Parteivorsitzende muss unter anderem versuchen, die zu Farage abgewanderten Wähler wieder zurückzugewinnen. Die aber wollen den Brexit um jeden Preis, gerne auch ohne Abkommen mit der EU.

Der deutliche Favorit auf Mays Nachfolge heißt Boris Johnson. Londons Ex-Bürgermeister ließ bereits verlauten, dass man sich auf einen harten Brexit am 31. Oktober vorbereiten müsse, um mit Brüssel ordentlich verhandeln zu können. Viele halten das für einen Bluff, sicher kann man sich beim unberechenbaren Johnson nie sein. Auch Dominic Raab, einer von Johnsons Widersachern, äußerte sich am Sonntag ähnlich.

Andrea Carlo seufzt, als er nach Boris Johnson gefragt wird. "Der Mann ist ein Clown", sagt er. "Aber ich habe Angst vor ihm." Johnson oder ein anderer Brexit-Hardliner könnte das Wahlresultat tatsächlich als Auftrag verstehen, einen harten Brexit durchzusetzen. Er habe Theresa May noch nie gemocht, sagt Carlo nachdenklich.

Aber bei ihrem Rücktritt habe er nicht gejubelt. "Ich fürchte, dass es nun noch schlimmer wird."

insgesamt 108 Beiträge
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Ökofred 27.05.2019
1. Wahlbeteiligung
"Die Wahlbeteiligung ist laut BBC im Vergleich zur vergangenen Europawahl im Jahr 2014 leicht gestiegen: auf etwa 37 Prozent." Danach brauch man nicht mehr weiterzulesen. Für GB ist das Wahlergebnis wenig relevant, für Europa auch nicht, da diese Abgeordneten ja bald wieder weg sind. Schlimm genug, dass Farage sich auf einer dicken Pension aus seiner "Tätigkeit" als EU Abgeordneter ausruhen kann.
PeterVietz 27.05.2019
2. Pro-Brexit Farage und Tories habe gerage mal 40 %
Die Parteien, die gegen den Brexit sind (auch mehrheitlich Labour) haben rund 60 %. Von einem Erfolg der Brexitianer kann keine Rede sein! So wird auch eine zweite Volksabstimmung ausgehen und die Briten in der EU bleiben.
PeterVietz 27.05.2019
3. Pro-Brexit Farage und Tories habe gerage mal 40 %
Die Parteien, die gegen den Brexit sind (auch mehrheitlich Labour) haben rund 60 %. Von einem Erfolg der Brexitianer kann keine Rede sein! So wird auch eine zweite Volksabstimmung ausgehen und die Briten in der EU bleiben.
chinawoman 27.05.2019
4. Liebe Briten,
wie kann es sein das ihr nur eine Wahlbeteiligung von 37% habt???? Ich denke etwa 50% sind für einen Verbleib in der EU??? Nur am Maulen, dann aber wieder nicht wählen gehen! Und der Feigling Farage, der nur Unruhe stiftet und sich, wenn es Ernst wird und er Verantwortung übernehmen soll, still und leise vom Acker macht, bekommt wieder 31% der Stimmen.
skeptiker-today 27.05.2019
5. Europawahl als 2.Referendum
Da sollte man meinen, dass die Briten diese Europa Wahl als 2.Referendum nutzen - und dann so eine lächerliche Wahlbeteiligung... Und die, die wählen gehen, sind pro brexit.. Wo waren denn die ganzen Pro-Europa Befürworter ?! So wird das nichts, und Farage und Johnson lachen sich krumm....
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