Europawahlkämpfer Martin Schulz "Er ist der gute Deutsche"

Martin Schulz auf großer Europatour: Der Brüsseler Insider präsentiert sich im Wahlkampf als Reformer, der viele Aufgaben aus der EU-Zentrale auf die nationale und lokale Ebene delegieren will.
Sozialdemokrat Schulz: "Martin Who?"

Sozialdemokrat Schulz: "Martin Who?"

Foto: Jens Wolf/ dpa

Er kommt gerade aus Dublin und fliegt später weiter nach Bratislava. Doch nun steht Martin Schulz vor dem Stadtratsgebäude in Belfast, umringt von lauter Jungsozialisten mit roten T-Shirts, auf denen steht: #knockthevotes for @MartinSchulz. Sie begrüßen ihn mit lautem Jubel. "Guten Tag", sagt der lokale Labour-Kandidat - auf Deutsch.

"Herr Martin Schulz", wie er hier genannt wird, ist auf Europa-Tour. Erstmals macht der Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten Wahlkampf auf dem gesamten Kontinent. Seit der Osterwoche geht es Schlag auf Schlag: Italien, Bulgarien, Rumänien, Niederlande, Irland, Nordirland. Den Rest der Woche geht es über Bratislava nach Wien und Warschau. Überall erwarten ihn Aktivisten in roten Hemden. Europaweit sind es 35.000, die von einer 35-köpfigen Wahlkampfzentrale in Brüssel dirigiert werden.

Die Rundreise ist ein historisches Experiment. "Ich will Europas erster demokratisch gewählter Kommissionspräsident werden", ruft Schulz. Bislang seien die Posteninhaber immer von den EU-Regierungschefs hinter verschlossenen Türen ausgekungelt worden. Nun sollen die Bürger in allen 28 Mitgliedsländern die Entscheidung treffen.

Mit einem US-Wahlkampf sei das natürlich nicht zu vergleichen, sagt Schulz. "Nur in Ansätzen". Das Konterfei des deutschen Kandidaten fährt durch die Straßen von Paris, seine Wahlplakate hängen in Spanien und Italien. Hier kommt er auch auf hohe Bekanntheitswerte. In Nordirland hingegen hängen nur Plakate der lokalen Kandidaten. Die meisten Wähler würden fragen "Martin Who?", sagt David Phinnemore, Politikprofessor an der Queen's University in Belfast.

Im Rest des Vereinigten Königreichs ist Schulz unerwünscht. Der britische Labour-Chef Ed Miliband fürchtet, dass der Mann aus Brüssel die EU-kritischen Wähler nur vergraulen würde. Er hat ihn gebeten, fernzubleiben.

Der Insider will der Reformkandidat sein

Die Tatsache, dass Schulz um Großbritannien einen Bogen machen muss, zeigt, wie weit entfernt der Traum von einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit noch ist. Auf der grünen Insel hingegen wird dem SPD-Mann ein warmer Empfang bereitet. "Er ist der gute Deutsche", sagt eine Jungsozialistin. Als "großen Freund Irlands" lobt ihn Außenminister Eamon Gilmore bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dublin. Man habe es ihm nicht vergessen, dass er sich als erster europäischer Politiker für ein Hilfspaket stark gemacht hatte. Und wenn er erst Kommissionschef sei, könne er für Irland "den besten Deal" herausholen.

In Dublin und Belfast spricht Schulz vor wenigen Dutzend Parteiaktivisten. Doch sei er auch schon vor vollen Hallen aufgetreten, sagt er. "11.000 am Samstag in Rumänien. Ich war der Hauptredner". Geholfen haben dürfte, dass zu dem offiziellen Wahlkampfauftakt auch der rumänische Ministerpräsident erschienen war.

Schulz tritt als Reformer an. Wer den Wandel in Brüssel wolle, müsse ihn wählen, erklärt er seinen Zuhörern. Die Botschaft dürfte manchen Wähler stutzen lassen, zählt der Sozialdemokrat doch ebenso wie sein konservativer Widersacher Jean-Claude Juncker zum Brüsseler Inventar. 20 Jahre im Europaparlament, acht davon als Fraktionschef, zwei als Parlamentspräsident - ausgerechnet der Insider will der Reformkandidat sein?

Großbritannien will ihn stoppen

Er sei kein Brüsseler Bürokrat, beteuert Schulz. Als Kommissionspräsident werde er als Erstes einen Brief an alle seine Beamten schreiben und sie auffordern, so viele Aufgaben wie möglich auf die nationale und lokale Ebene zu delegieren. "In Brüssel kümmern wir uns um zu viele kleine Dinge." Dies will er allerdings nicht als Zugeständnis an den euroskeptischen Zeitgeist verstanden wissen. Schon als Bürgermeister seines Heimatorts Würselen habe er stets dafür geworben, Politik so lokal wie möglich zu machen, sagt er.

Früher leidenschaftlich verfochtene Ideen wie Euro-Bonds zur Lösung der Schuldenkrise erwähnt Schulz gar nicht mehr. Die Debatte sei vorbei, erklärt er. Nachdem die EZB erklärt habe, alles Nötige zu tun, um den Euro zu retten, brauche man darüber nicht mehr zu reden. Stattdessen drehen sich seine Wahlkampfreden um die Jugendarbeitslosigkeit ("Skandal") und die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen - jedes Mal großer Applaus. Auch eine Attacke auf die Spekulanten in den Finanzvierteln darf bei keinem Auftritt fehlen.

Für den britischen Premier David Cameron ist Schulz ein rotes Tuch, der Tory will ihn auf jeden Fall als Kommissionspräsident verhindern. Doch der Deutsche setzt darauf, dass er nach einem sozialdemokratischen Wahlsieg genug Unterstützer unter den EU-Regierungschefs hätte. Der EU-Rat würde es nicht wagen, sich über den Favoriten des Volkes hinwegzusetzen, kalkuliert er.

Schulz ist sich bewusst, dass er umstritten ist. Als Europapolitiker müsse man hart sein im Nehmen, sagt er. Er lasse eben niemanden kalt, weil er gern Klartext rede. "Entweder die Leute finden mich gut oder abgrundtief scheiße".