TV-Debatte zur Europawahl Juncker und Schulz im Charaktertest

Es war ein erstaunlich lebendiger Austausch zwischen Wählern und den Spitzenkandidaten der Europawahl bei der letzten TV-Debatte. Und es wurde klar, mit welch unterschiedlichen Mitteln Martin Schulz und Jean-Claude Juncker um den Topjob in Brüssel kämpfen.
Spitzenkandidaten Juncker und Schulz in der ARD-"Wahlarena" in Hamburg: Liebe zu Europa mal ganz stark, mal bei Bedarf vergessen

Spitzenkandidaten Juncker und Schulz in der ARD-"Wahlarena" in Hamburg: Liebe zu Europa mal ganz stark, mal bei Bedarf vergessen

Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS

Die TV-Debatte ist nur ein paar Minuten alt, als klar wird, dass Jean-Claude Juncker die Zuschauer ziemlich Wurst sind. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Spitzenkandidat der Christdemokraten wird gleich zu Beginn dieser ARD-"Wahlarena" eingeladen, Conchita Wurst und deren Sieg beim Eurovision Song Contest zu kommentieren, ein Studiogast hatte vom verbindenden Charakter des europäischen Wettbewerbs geschwärmt. Eine Steilvorlage zur Anbiederung beim Zuschauer, eigentlich. Doch Juncker verzieht bloß das Gesicht, und stellt trocken fest, es habe schon schönere ESC-Siegerinnen gegeben.

Ein erstaunlicher Auftakt, doch bald wird klar: Diesem Mann ist auch Rücksichtnahme auf seine politische Verankerung in Deutschland ziemlich Wurst. Wenn es jemals Zweifel daran gab, dass der Luxemburger kein Konservativer ist, der etwa den EU-kritischen Flügel der CSU zufrieden stellt, dann hat Juncker sie an diesem Abend im Hamburger Hafen ausgeräumt: Er wird den Europaskeptikern in der Union nie gefallen, und er versucht es auch gar nicht.

Frage auf Frage stellt Juncker klar, dass er ein sehr überzeugter Europäer ist, auch wenn er sich Seitenhiebe auf den Regulierungswahn Brüsseler Beamter ("Duschköpfe") nicht verkneift - während sein Gegenüber Martin Schulz nicht in erster Linie als Kämpfer für Europa und seine SPD auffällt, sondern vor allem als sehr gewandter Kämpfer in eigener Sache.

Beispiel Euro-Bonds: Da sagt ein junger Studiogast, er wolle keine Solidarität mit Nachbarn zeigen, die sich verschuldet hätten. Schulz tut so, als ob Euro-Bonds - die so eine Solidaritätshaftung festschreiben könnten - eine kurzzeitige Schnapsidee gewesen sei, längst nicht mehr aktuell. Juncker hingegen betont: Es muss innerhalb der EU auch Solidarität geben und anders als in vielen deutschen Debatten ist zwischen Tätern und Opfern in der Euro-Krise keineswegs immer leicht zu unterscheiden.

Beispiel EU-Freizügigkeit: Die CSU fand dazu den knackigen Slogan "Wer betrügt, der fliegt" - die Bayern wetterten so gegen vermeintlichen Sozialmissbrauch von EU-Bürgern in anderen Mitgliedstaaten. Juncker aber, der auch für die Christsozialen als Europa-Spitzenkandidat fungiert, verdammt die "Scheindebatte" zu dem umstrittenen Thema und weist darauf hin, dass nur drei Prozent der EU-Bürger in anderen Mitgliedstaaten als ihrem Heimatland lebten. Die Möglichkeit, dies zu tun, sei ein europäischer Grundwert, den es zu schützen gelte, wirbt der Christdemokrat - und wirkt dabei weit leidenschaftlicher als sein sozialdemokratisches Gegenüber.

Beispiel Transatlantisches Freihandelsabkommen TTIP: Da wettert Schulz in bester Kenntnis der Volksängste vor diesem Abkommen, die Amerikaner müssten halt einfach europäische Standards akzeptieren, fertig. Das ist nicht nur ein seltsamer Verhandlungansatz, sondern lässt auch die Frage offen, ob die Europäer dann auch höhere amerikanische Standards, etwa bei der Medikamentenzulassung, akzeptieren würden. Vor allem aber ignoriert Schulz mit dieser Basta-Taktik völlig die Frage, ob die EU-Mitgliedstaaten - die immerhin den Auftrag zu diesen Verhandlungen erteilt haben - sich von dem Abkommen nicht wenigstens einige Vorteile erhoffen.

Juncker hingegen mahnt zwar ebenfalls, die Amerikaner müssten "hinhören, nicht nur abhören". Doch danach spricht er von möglichen Arbeitsplätzen in Europa, von den Chancen transatlantischer Kooperation für die EU - was durchaus mutig ist, da sich in Deutschland selbst Christdemokraten vom umstrittenen TTIP-Vorhaben zu distanzieren beginnen.

Und so taugt dieses TV-Duell nicht als Abbild der Lage in Europa, weil sehr wichtige Themen keine oder so gut wie keine Rolle spielen - etwa die Lage in der Ukraine, die komplizierten Beitrittsverhandlungen mit der Türkei oder die Frage, wie sich die Europäische Union eigentlich gegen die nächste mögliche politische und finanzielle Krise wappnen will.

Doch der Schlagabtausch taugt als ein Charaktertest, da er einen Eindruck zweier unterschiedlicher Kandidaten vermittelt. Juncker ist ein überzeugter Europäer, das belegen seine beinahe liebevollen Worte über Europa, das er eine sanfte Macht nennt.

Auch Martin Schulz ist ein überzeugter Europäer. Aber dieser Abend ließ klar werden, dass er im Machtkampf um den mächtigsten Posten in Brüssel - die Präsidentschaft der EU-Kommission - williger ist als Juncker, das bei Bedarf mal zu vergessen.

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