Der Kommentar zum Morgen Das Populismus-Paradox

Die Europawahl startet mit einer kleinen Sensation: In den Niederlanden haben die Rechtspopulisten von Geert Wilders offenbar eine Schlappe erlitten. Die vermeintlich unaufhaltsame Bewegung der Euro-Skeptiker stößt an ihre Grenzen.
Ukip-Chef Nigel Farage: Grenzen des Populismus

Ukip-Chef Nigel Farage: Grenzen des Populismus

Foto: HANDOUT / Reuters

Briten und Niederländer haben am Donnerstag als Erste bei der Europawahl abgestimmt - und in den Niederlanden gab es eine handfeste Überraschung. Laut einer ersten Nachwahl-Befragung ist die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders nicht wie erwartet stärkste Partei geworden, sondern mit rund 12 Prozent nur auf dem dritten oder vierten Platz gelandet. Überrundet wurde sie von lauter EU-freundlichen Parteien.

In Großbritannien wurde auf Prognosen am gestrigen Wahlabend verzichtet. Doch wird nun bis Sonntag, wenn alle 28 EU-Ergebnisse verkündet werden, heftig spekuliert: Hat der hiesige Rechtspopulist Nigel Farage mit seiner Unabhängigkeitspartei Ukip den erwarteten Wahlsieg geschafft - oder hat er wie Wilders enttäuscht?

Letztlich ist es zweitrangig, ob die EU-Feinde auf dem ersten oder dritten Platz landen. Im Fall Ukip bleibt ein Wahlsieg das wahrscheinlichste Szenario. Doch bei allem Händeringen sollte man nicht vergessen: Die große Mehrheit der Briten und Niederländer hat Farage und Wilders eine Absage erteilt. Nationalistische Parolen sprechen offenbar nur eine Minderheit an. Während die Populisten sich selbst gern als rasant wachsende, unaufhaltsame "Bewegung" darstellen, bestätigt diese Wahl eher das Gegenteil: Die vermeintliche Bewegung stößt schnell an ihre Grenzen - selbst unter idealen Bedingungen.

Selbst in Großbritannien gibt es richtige EU-Fans

Die EU wird gern als hoffnungsloser Fall abgetan. Doch bei allem Unmut über das Brüsseler Machtzentrum scheinen die meisten Bürger das Prinzip der europäischen Zusammenarbeit weiterhin einleuchtend zu finden. So reformbedürftig das ganze Konstrukt erscheint, es wird nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Das gilt selbst für das Mutterland der EU-Skepsis. In Großbritannien ist gerade das Farage-Paradox zu beobachten: Auf der einen Seite sammelt Ukip mit der Forderung "Wir wollen unser Land zurück" rechts und links Stimmen ein. Auf der anderen Seite wächst die Zahl der Briten, die in der EU bleiben wollen. Eine Mehrheit ist inzwischen gegen den Austritt, Tendenz steigend. Briten unter 30 sind laut einer Pew-Umfrage sogar richtige EU-Fans: Drei Viertel dieser Altersgruppe sehen die Gemeinschaft positiv.

Experten führen die steigende Zahl der EU-Befürworter darauf zurück, dass im Königreich seit einem Jahr heftig über die Vor- und Nachteile der EU debattiert wird. Die Ankündigung von Premierminister David Cameron, bis 2017 ein Referendum über den EU-Austritt abzuhalten, hat viele Briten aufgeschreckt: Konfrontiert mit dem drohenden Verlust der Mitgliedschaft scheinen sie zu realisieren, was sie an der EU haben.

Ein ähnliches Paradox gibt es in der Euro-Zone: Lautstark wird im Norden gegen die Schulden-Union und im Süden gegen das Spardiktat gewettert. Doch den Euro abschaffen wollen die wenigsten. Vielmehr setzen sie darauf, dass sich die Mängel der Währungsunion beheben lassen.

Leute wie Farage und Wilders spotten gern über die Illusion der europäischen Integration. Aus ihrer Sicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Letzte die EU als neue Sowjetunion erkannt hat. In Wahrheit sind sie es, die einer Illusion anhängen: Es gibt keine Mehrheit gegen EU und Euro. Und es ist unwahrscheinlich, dass der zerstrittene Haufen selbst ernannter Patrioten im Europaparlament in den kommenden Jahren daran etwas ändern wird.