Ex-Botschafter über Geheimdepeschen "Es wird eine Menge Drama geben"

Die Veröffentlichung von mehr als 250.000 geheimen Botschaftsberichten schockiert Amerikas Diplomatie. John Kornblum, Ex-US-Botschafter in Berlin, sagt im SPIEGEL-ONLINE-Interview ernsthafte Schwierigkeiten für Washingtons Außenpolitik voraus - und hält weitere Enthüllungen für wahrscheinlich.

mehr als 250.000 geheimen Botschaftsdepeschen

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Veröffentlichung von für die US-Diplomatie?

Kornblum: Es wird wohl erst mal eine Menge Drama geben. Schließlich ist der Diebstahl von Dokumenten aus offiziellen Archiven nicht umsonst ein krimineller Akt. Ihre Veröffentlichung kann die Zusammenarbeit zwischen Regierungen behindern und in manchen Ländern sogar das Leben von Informanten gefährden, die den USA vertraut haben. Ich hoffe, dass die Medien, die diese Dokumente veröffentlichen - darunter auch DER SPIEGEL - sehr vorsichtig agieren. Einfach angebliche Geheimnisse zu veröffentlichen, hilft nicht unbedingt der internationalen Verständigung.

SPIEGEL ONLINE: Werden Diplomaten anderer Länder jemals wieder offen mit den Amerikanern diskutieren - oder immer fürchten, dass die ganze Welt bald diese Gespräche nachlesen kann?

Kornblum: Manche Regierungen werden sicher erst einmal vorsichtiger sein, wenn sie mit uns sprechen. Aber wenn die erste Aufregung vorbei ist, werden sich die Dinge langsam wieder normalisieren. Ich glaube nicht, dass sich Amerikas Rolle in der Welt durch diese Enthüllungen dramatisch ändern wird. Vielleicht schafft die Lektüre der Memos sogar mehr Verständnis dafür, wie frustrierend und schwierig Diplomatie sein kann - und warum sie manchmal im Geheimen durchgeführt werden muss. Außerdem sind Diplomaten, genau wie Politiker und Journalisten, auch nur Menschen. Sie lästern und klatschen gerne, das wird auch in Zukunft nicht aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die US-Regierung neue Sicherheitsmaßnahmen einführen wird, um ähnliche Lecks zu verhindern?

Kornblum: Solche Lecks hat es in der Diplomatiegeschichte immer wieder gegeben. In Zukunft werden wir sie eher noch häufiger erleben. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis es dazu kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Kornblum: Die Dokumente, die jetzt bekannt werden, stammen offensichtlich von einem offiziellen Internet-Netzwerk der US-Regierung. Zu dem haben 2,5 Millionen Menschen Zugang. Ironischerweise wurde das System nach den Anschlägen vom 11. September 2001 installiert, damit relevante Informationen zu Terroristen schneller über Landesgrenzen hinweg ausgetauscht werden können. Selbst die ausgeklügeltsten Sicherheitsmaßnahmen können nicht ein Datenleck verhindern, wenn so viele Menschen Zugang zu sensiblen Informationen haben. Die US-Politik ist derzeit extrem zerstritten - und so ist die Versuchung für viele Leute zu groß, durch den Diebstahl solcher Daten eine politische Botschaft zu senden.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz
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