SPIEGEL ONLINE

Prism-Whistleblower "Ich erwarte nicht, mein Zuhause wiederzusehen"

Einst war er selbst ein Rädchen im Geheimdienstgetriebe: Ein 29-jähriger Ex-CIA-Mann hat zugegeben, das Spähprogramm Prism enthüllt zu haben. Ihm drohen schwere Konsequenzen - doch auch US-Präsident Obama hat nun ein enormes Problem.

Der junge Mann sitzt in einem Hotelzimmer in Hongkong. Er ist blass und unrasiert, seine Stimme leise, doch fest. Aus Angst vor Spionen hat er die Tür mit Kissen abgedichtet. In den letzten drei Wochen, sagt er, sei er nur dreimal draußen gewesen. Als auf einmal der Feueralarm losheult, vermutet er dahinter eine Falle, die ihn aus seinem Versteck locken soll.

Ed Snowden, 29, ist auf der Flucht. Die Szene, kolportiert vom Londoner "Guardian" , ist das jüngste und bisher dramatischste Kapitel eines Geheimdienstkrimis, der nicht nur die USA seit voriger Woche in Atem hält: Snowden ist der vielgesuchte Mann, der das berüchtigte US-Spähprogramm Prism an die Presse verraten hat - einer der wohl größten Enthüllungsskandale der Spionagegeschichte.

Dass er der Whistleblower hinter dieser Story ist, das hätte Snowden sicher noch etwas für sich behalten können. Doch er zog es vor, sich jetzt freiwillig zu outen, in einem gut zwölfminütigen Video-Interview , das der "Guardian" am Sonntagabend auf seine Website stellte.

Fotostrecke

Prism-Skandal: Whistleblower Snowden auf der Flucht

Foto: ? Kevin Lamarque / Reuters/ REUTERS

Snowden gibt seiner Protestaktion gegen die staatliche Datenschnüffelei einen moralischen Drall: "Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die so was tut", sagt der frühere CIA-Mann, der zuletzt bei der militärischen Vertragsfirma Booz Allen Hamilton gearbeitet hat. "Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird."

Dafür dürfte es aber sowieso zu spät sein. Die Debatte, die Snowden anzustoßen hoffte, hat offenbart, dass das virtuelle US-Abhörnetz nahezu allumfassend ist - und der Bürger dagegen machtlos. "Willkommen in der Zukunft", schreibt Ross Douthat in der "New York Times" resigniert. "Achte bloß darauf, dass du nichts zu verbergen hast."

Historischer Coup auf Hawaii

Auch Snowden fürchtet diese Zukunft. Deshalb habe er eben gehandelt: Die US-Regierung sei "darauf erpicht, sich Kenntnis zu verschaffen über jede Unterhaltung und jede Art von Verhalten auf der Welt".

Denn Snowden war ja selbst mal ein Rädchen in diesem Getriebe der Geheimnisträger. Nach kurzem Gastspiel in der Armee fing er seine klandestine Karriere bei der Spionagebehörde NSA an, wechselte dann zur CIA. Dort will er seine ersten Zweifel bekommen haben: "Mir wurde klar, dass ich an etwas beteiligt war, das mehr Schaden anrichtet als Gutes tut."

2009 ging Snowden in die Privatwirtschaft und landete bei Booz Allen Hamilton, einem Milliardenunternehmen, das eng mit der US-Spionageszene verbandelt ist. Zuletzt arbeitete er, wie die Firma spürbar konsterniert bestätigte, als IT-Leiharbeiter in einer NSA-Einrichtung in Hawaii.

Und dort kam es zu dem historischen Coup: Snowden kopierte Dokumente, die zwei gigantische NSA-Geheimprogramme offenlegten - die massive Abschöpfung von Telefondaten sowie das Anzapfen von Internetkommunikation - und spielte sie unter anderem dem "Guardian" zu.

Danach habe er seinen Vorgesetzten mit einer Ausrede um "ein paar Wochen" Auszeit gebeten und sei nach Hongkong geflogen. Auch seiner Freundin habe er nichts Genaues über den Hintergrund gesagt.

Obamas PR-Problem

Dabei hatte er ein "sehr bequemes Leben", samt 200.000 Dollar Jahresgehalt und Haus auf Hawaii. "Ich bin bereit, all das zu opfern", sagt Snowden aber: Er könne "nicht guten Gewissens zulassen", dass die US-Regierung "mit dieser massiven Überwachungsmaschine" die Privatsphäre zerstöre.

Was droht ihm nun? Auslieferung, Entführung, Prozess: "Ich habe nur schlechte Optionen", weiß Snowden. Er suche nun "Asyl bei jedem Land, das an Redefreiheit glaubt und dagegen eintritt, die weltweite Privatsphäre zu opfern", erklärte er der "Washington Post": "Ich erwarte nicht, mein Zuhause wiederzusehen."

Mehrmals erwähnt er auch den WikiLeaks-Informanten Bradley Manning, der gerade vor einem US-Militärgericht steht - einer von etlichen Fällen, in denen die Obama-Regierung gnadenlos gegen Whistleblower vorgeht.

Schon forderte der Republikaner Mike Rogers, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Repräsentantenhaus, strafrechtliche Ermittlungen. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein stimmte dem zu und regte außerdem Anhörungen im Kongress an.

Der US-Geheimdienst selbst beließ es zunächst bei einer trockenen Erklärung: "Die Sache wurde ans Justizministerium verwiesen." Denn Obama steht nun auch vor einem enormen PR-Problem. Hat er selbst doch gesagt, er begrüße die Debatte um staatliche Ausspähung. Doch jetzt den Mann verfolgen, der eben diese Debatte ausgelöst hat?

Fest steht: Snowden wird gesucht - vom Geheimdienst, von der Justiz, von Reportern. Ob Held oder Schurke, schreibt Garance Franke-Ruta im "Atlantic" - er habe dabei eines übersehen: "Er wird nun eine der meistdurchleuchteten öffentlichen Personen auf der ganzen Welt werden."