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09. Oktober 2015, 10:34 Uhr

Ex-Premier Kan über Fukushima-Katastrophe

"Die Frage war, ob Japan untergeht"

Ein Interview von

Der Atomunfall von Fukushima hätte noch viel schlimmer ausgehen können, nur Zufälle bewahrten Japan vor einem Kollaps, sagt der damalige Premier Naoto Kan. Er erwog sogar, die Mega-Metropole Tokio zu evakuieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kan, als Regierungschef kämpften Sie am 11. März 2011 und den Tagen danach mit den Folgen des Atomdesasters von Fukushima. War die Lage damals ernster, als die Welt ahnte?

Kan: Wir sind nur um ein Haar einer noch viel schlimmeren Katastrophe entgangen. Hätten wir damals auch Tokio und Umgebung mit insgesamt 50 Millionen Menschen evakuieren müssen, hätte das den Kollaps unseres Landes bedeutet. Die Hauptstadt liegt nur etwa 250 Kilometer von Fukushima entfernt. Dass es dazu nicht gekommen ist, verdanken wir letztlich zweierlei: Dem aufopferungsvollen Einsatz des Personals des Stromversorgers Tepco. Zum anderen kam uns eine Reihe glücklicher Zufälle zu Hilfe. Ich kann das nur als göttliche Fügung bezeichnen.

SPIEGEL ONLINE: Japans Kernkraftwerke galten bis dahin als absolut sicher. Tatsächlich aber hing alles nur von Zufällen ab?

Kan: Ja. Dass sich damals beispielsweise im Abklingbecken für die Brennstäbe des Reaktors Nr. 4 noch Wasser befand, lässt sich nur mit glücklichen Umständen erklären. Außerdem waren in den Sicherheitsbehältern Nr. 1 bis 3 Löcher entstanden, durch die Druck entweichen konnte. Wären Behälter geplatzt, hätte es viele Opfer gegeben. Und die Anlage wäre so stark verstrahlt worden, dass sich Rettungskräfte ihr nicht mehr hätten nähern können.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Hauptstadt nicht evakuiert?

Kan: Ich dachte schon sehr früh daran, dass Tokio gefährdet sein könne. Doch hätte ich als Regierungschef öffentlich darüber gesprochen, hätte ich eine Panik auslösen können. Denn dann hätte ich ja auch einen Evakuierungsplan parat haben müssen. Stattdessen habe ich den Radius für die Evakuierung um das Kernkraftwerk nach und nach ausgeweitet: erst von drei auf fünf Kilometer, dann auf zehn und schließlich auf 20 Kilometer. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, hätte ich den Radius vielleicht schlagartig vergrößert. Doch so etwas zu entscheiden, ist äußerst schwierig: Verdoppelt man den Radius, müssen auch gleich viel mehr Menschen in Sicherheit gebracht werden.

SPIEGEL ONLINE: Was wissen Sie heute, was sie damals nicht wussten?

Kan: Zum Beispiel begann die Kernschmelze bereits zweieinhalb Stunden nach dem Erdbeben und nicht erst am nächsten Tag, wie es zunächst geheißen hatte. Das ging alles rasend schnell, wir hinkten der Entwicklung hinterher. Wegen der Arbeit unter hoher Strahlenbelastung gelang es der Betreiberfirma Tepco erst am Nachmittag des 12. März, zwei Druckklappen zu öffnen, um Wasserstoff aus dem Sicherheitsbehälter abzulassen. Doch es war bereits zu viel Wasserstoff entwichen. Kurz darauf explodierte dann die äußere Hülle des Reaktorgebäudes.

SPIEGEL ONLINE: Die äußeren Hüllen von einem Reaktorgebäude nach dem anderen flogen in die Luft. Kamen Sie sich da nicht entsetzlich hilflos vor?

Kan: Von der Explosion des Reaktorgebäudes Nr. 1 erfuhr ich erst aus dem Fernsehen. Da waren bereits fast zwei Stunden vergangen. Ich erhielt keine Informationen, weder durch den Beamtenapparat noch von Tepco.

SPIEGEL ONLINE: Gleichwohl wurden Sie in den japanischen Medien kritisiert, weil sie am 15. März frühmorgens ins Auto stiegen, zu Tepco fuhren und die Manager zusammenstauchten. Es hieß, Sie hätten Ihre Kompetenzen als Premier überschritten.

Kan: Damals hatte der Chef von Tepco dem Wirtschaftsminister gesagt, er wolle sein Personal aus Fukushima abziehen. Damit stellte sich für mich die Frage, ob Japan untergeht. Ich sah keine andere Möglichkeit, als persönlich zu Tepco zu fahren und die Manager zum Durchhalten aufzufordern. Wer hätte später die Verantwortung übernommen, wenn wir 50 Millionen Menschen hätten evakuieren müssen? Tepco?

SPIEGEL ONLINE: Es fällt schwer zu glauben, dass ein Industrieland wie Japan praktisch nicht auf einen Atomunfall vorbereitet war.

Kan: In meinen früheren Ämtern als Gesundheitsminister und Finanzminister konnte ich mich stets auf den Rat von Fachleuten verlassen. Doch als ich unmittelbar nach dem Unfall den Chef der Atomaufsichtsbehörde zur Lage befragte, kapierte ich nicht, was er sagte. Da habe ich ihn gefragt: Sind Sie Nuklearexperte? Seine Antwort: Nein, ich habe Wirtschaft studiert. Schon bei der personellen Besetzung der Behörde war man davon ausgegangen, dass ein Atomunfall prinzipiell ausgeschlossen sei.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sie selbst hatten als Premier ja zunächst an den Mythos der sicheren Atomkraft geglaubt.

Kan: Nach meinen Erfahrungen mit Fukushima habe ich meine Einstellung um 180 Grad geändert: Jetzt setze ich mich dafür ein, dass wir die Kernkraft in Japan und möglichst in der ganzen Welt aufgeben.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder fließt in Fukushima radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik. Gleichwohl betreibt der jetzige Premier Shinzo Abe den Neustart heimischer Kernkraftwerke, die nach dem Fukushima-Unfall abgeschaltet wurden.

Kan: Ich halte das für völlig falsch. Jetzt, da wir wissen, welch hohe Risiken Kernkraftwerke bergen, sollten wir sie abschaffen und alternative Energiequellen entwickeln, wie es Deutschland bereits beschlossen hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum hält die japanische Regierung hartnäckig an der Kernkraft fest - gegen die Mehrheit der Bevölkerung?

Kan: Das lässt sich vor allem mit den Interessen der Stromversorger, Bürokratie und der Industrie erklären.

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