Exil-Afghanen in Frankfurt Ethnien, haltet zusammen!

Parallel zur Konferenz auf dem Petersberg haben sich am Wochenende in Frankfurt am Main zahlreiche Exil-Afghanen versammelt, um über die Zukunft des Landes zu beraten. Ein Teilnehmer der Konferenz, Yama Olumi, fasst für SPIEGEL ONLINE seine Eindrücke zusammen.


Frankfurt am Main - Am Anfang stand das islamische Gebet. Mit ihm begannen rund 900 Exil-Afghanen, ihrer Herkunft nach mehrheitlich Paschtunen, ihre außerordentliche Konferenz. Diskussionsleiter und Referent Mohammed Hassan Kakar, ein parteiloser Dozent an der Kabuler Universität, der nach seiner vorübergehenden Verhaftung nach dem Einmarsch der Sowjets Anfang der achtziger Jahre im Exil lebt, beschrieb für die Anwesenden im Hotel "Orient Palace" das Dilemma der gegenwärtigen Krise am Hindukusch.

Dort habe seit der "Saur"-Revolution 1978 keine Regierung, welcher ideologischrn Richtung auch immer, Fuß fassen können. Alle seien gescheitert. "Von 1992 bis 1996 hat Afghanistan Taten erlebt, die nicht mal unter Dschinghis Khan durchgeführt worden sind", skizzierte Kakar die Lage in Afghanistan vor der Taliban-Herrschaft.

Kritik an der Nordallianz

Anwar ul-Haq Ahady, der für das Wochenende von der Bonner Afghanistan-Konferenz nach Frankfurt gereist war, stimmte Kakar zu und übte Kritik an der Regierung von Burhanuddin Rabbani, der immer noch von den Vereinten Nationen als offiziell amtierender Staatspräsident anerkannt wird. Eine politische Lösung Afghanistans benötige ein Programm, die dauerhaft sein muss, unterstrich al-Haq Ahady. Diesem Programm müsse eine Strategie zugrunde liegen, die auf den langfristigen Wiederaufbau Afghanistans abziele.

"Eine neue Regierung muss nach den Plänen der Vereinten gebildet werden. Nicht der Alleingang einer Fraktion ist entscheidend, sondern der Wille des Volkes", so Ahady mit einem Seitenhieb an die Adresse der Nordallianz, die sich im Vorfeld der Bonner Afghanistan-Konferenz zunächst geweigert hatte, dann aber doch ihre Vertreter an den Rhein entsandte und sich mittlerweile explizit auch zu einem Machtverzicht durchgerungen hat.

Wer sorgt für Sicherheit ?

Breite Unterstützung fanden Ahadys Worte zum Thema Sicherheit: "Jede Regierung, die in Kabul die Macht übernehmen wird, benötigt Sicherheit. Diese Sicherheit kann nicht allein durch die Kämpfer der Nordallianz gewährleistet werden", machte er klar. Auch Fatima Gailani, Tochter des in Peschawar lebenden Stammesführer Phir Sayed Ahmad Gailani, sprach sich für die Entsendung von Blauhelmsoldaten nach Kabul aus, um die Sicherheit einer künftigen Übergangsregierung zu gewährleisten. "Sicherlich werden keine ausländischen Truppen von den Menschen in Afghanistan richtig akzeptiert, aber wir haben derzeit keine andere Wahl", fügte sie hinzu.

Zum Thema der Frauenbewegung äußerte sich Gailani zuversichtlich: "In Zukunft wird in Afghanistan die Frauenbewegung große Veränderungen spüren. Wir haben uns in Bonn darauf einigen können, dass den Frauen eine wichtige Rolle zugeteilt wird. Diese Rolle werden sie im Einklang mit dem Islam einnehmen".

Die Frauen-Frage

Eine Afghanin, die die Herrschaft der Nordallianz in den Jahren 1992 bis 1996 als besonders frauenfeindlich erlebt hat, berichtete, dass in diesen Jahren vor allem junge Frauen und Mädchen Opfer der anarchistisch herrschenden Soldaten von Präsident Rabbani geworden seien. Um eine Wiederholung dieser Ereignisse auszuschließen, müsse daher eine Regierung unter der Führung Präsident Rabbani auf jeden Fall verhindert werden, forderte die Frau nachdrücklich.

Harsche Kritik übte so mancher Konferenzteilnehmer im "Orient Palace" an der Vorgehensweise der USA im Afghanistan-Krieg. Die Bombardierung afghanischer Städte und Dörfer sei nicht legitim - auch nicht, um die Taliban zu bezwingen. Bei den gesuchten Terroristen handele es sich zudem um einstige Verbündete im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer, so genannte "Freiheitskämpfer", argumentierten sie.

Auch die Machtübernahme der Nordallianz wurde wegen ihrer skrupellosen Gewaltanwendung kritisiert. Ein aufgebrachter Zuhörer äußerte seinen Unmut, indem er auf die Waffen und das militärische Gerät der Nordallianz verwies, das allesamt den Sowjets während ihrer Invasion gedient hätte. Vor allem aber die Einmischung der entsendeten russischen "Hilfsarbeiter" in Afghanistan erhitzte die Gemüter der im Saal debattierenden Afghanen - die Präsenz der sowjetischen Armee ist allen noch in allzu schlechter Erinnerung.

Zum Abschluss riefen die versammelten Afghanen zur Einheit der Ethnien in ihrem Heimatland auf. Bei allen Unterschieden und Zwistigkeiten, so der Tenor, müsse an die friedliche Zukunft des Landes geglaubt werden.



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