Exil-Iraner im Widerstand Der Mann, der die Knüppel-Perser identifiziert

Als Student war Farshad Ebrahimi Anführer einer regimetreuen, paramilitärischen Gruppe in Iran. Heute lebt er im Exil und identifiziert in seinem Blog Ex-Kollegen, die Oppositionelle niederknüppeln. Seine Form des Widerstands ist umstritten - und gefährlich.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Die Wohnung, in der er lebt und arbeitet, ist ein Stück Heimat mitten in der deutschen Großstadtwüste: Orangenbäumchen, verzierte Teegläser, bunte Teppiche auf dunklen Dielenböden. Iran selbst wird Farshad Ebrahimi freilich nicht so bald wieder besuchen können. Jedenfalls nicht, solange sich das derzeitige Regime an der Macht hält.

Aktivist Ebrahimi: "Es verunsichert sie"
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Aktivist Ebrahimi: "Es verunsichert sie"

Dass sich das ändert, daran arbeitet Ebrahimi derzeit jedoch Tag und Nacht und unter Zuhilfenahme moderner Technologie: Über Facebook und Twitter hält er Kontakt zu Gleichgesinnten in Iran und außerhalb. Vor allem aber betreibt er ein Blog, das es in sich hat und einzigartig sein dürfte: Ebrahimi identifiziert die Schläger des Regimes. Er nennt Namen von Knüppelschwingern und Pistolenschützen, die den Oppositionellen zusetzen. Selbst Telefonnummern und Adressen publiziert er.

"Es gibt Menschen, die das nicht gut finden, was wir tun", sagt der 33-Jährige. "Aber ich finde es wichtig, weil es sie verunsichert."

Gesichter scannen, Namen zuordnen

Sie, das sind die paramilitärischen Organisationen, auf die sich das iranische System bei der Bekämpfung der Revolte stützt, die nach den Präsidentschaftswahlen einsetzte, weil viele Iranerinnen und Iraner überzeugt sind, dass der offizielle Erdrutschsieg für Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad getürkt war.

Zahllose Verletzte und etliche Tote hat es seitdem auf Seiten der Opposition gegeben, wie viele genau es sind, weiß niemand: Die iranische Führung hat die internationale Presse aus dem Land geworfen und die inländische unter die Knute gezwungen.

Trotzdem gelangen Bilder nach draußen, die zeigen, wie die Handlanger der Regimes zuschlagen. Es sind Revolutionswächter darunter, aber auch die sogenannten Basidsch-Milizen und Mitglieder der Organisation "Ansar-e Hisbollah". Die ordentlichen Sicherheitskräfte, etwa die Polizei, sagt Ebrahimi, seien nicht involviert. Es sind paramilitärische Milizen, von denen die Gewalt ausgeht, ist er überzeugt. Zum Teil sollen diese auch für Geld arbeiten.

Findet er neue Bilder oder werden sie ihm zugespielt, beginnt Farshad Ebrahimi mit seiner selbst auferlegten Aufgabe: Er scannt die Gesichter und versucht Namen zuzuordnen.

"Ich will, dass sie ihre Ehre verlieren"

Bislang hat Ebrahimi, gemeinsam mit anderen Aktivisten, deren Namen und Aufenthaltsort er aus Sicherheitsgründen nicht nennen kann, nach eigenen Angaben ein rundes Dutzend Schläger identifiziert. Das ist, als absolute Zahl, nicht viel. Aber es wirkt. Nachdem er die Adresse eines der Männer veröffentlichte, klebten Oppositionelle in der Straße des Schlägers Plakate gegen den Mann, berichtet Ebrahimi. Er war es auch, der den Namen eines Mannes veröffentlichte, der auf eine Menge von Demonstranten geschossen hatte.

Republik Iran
Land
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Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
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Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Khamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
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Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz fünf). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
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Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2013 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 4750 Dollar. Nach der minimalen Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen keimt im Land derzeit Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. 2013 schrumpfte die Wirtschaft noch um schätzungsweise 1,7 Prozent nach mehr als fünf Prozent 2012. Neben der Arbeitslosenquote, die offiziell bei rund 13 Prozent, inoffiziellen Schätzungen zufolge aber wohl weit höher liegt, ist die Inflation nach wie vor eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2013 lag sie bei 35 Prozent, für 2014 rechnet der IWF mit 23 Prozent. Im Jahr 2013 machte Teherans Verteidigungsbudget laut IISS rund vier Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,2 Prozent).
Menschenrechte
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Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2013 mindestens 369 Menschen hingerichtet. Dem International Centre for Prison Studies zufolge saßen 2012 pro 100.000 Einwohner 284 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 79). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2013 bei 177 beobachteten Staaten den 144. Rang ein (Deutschland: 12).
"Ich will, dass sie ihre Ehre verlieren", begründet er seine Aktion. Aber was er tut, polarisiert auch. Es gibt Exil-Iraner, die seine Arbeit für eine Hilfestellung zum Lynchen halten.

Dass Ebrahimi überhaupt in der Lage ist, die Männer zu identifizieren, hat mit seiner Vorgeschichte zu tun: Er war als Student Führungskader der "Ansar-e Hisbollah", einer paramilitärischen Truppe, deren vornehmliche Tätigkeit darin bestand, Proteste niederzuschlagen. An seinem Rechner zeigt er auf das Bild eines Schlägers: "Den hier mit dem Messer, den kenne ich zum Beispiel noch von früher."

Ebrahimi macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er einst stand. "Ich selbst habe aber nie Gewalt angewendet", macht er geltend. Belegen lässt sich das naturgemäß kaum. So schreibt die spätere Friedensnobelpreisgewinnerin Schirin Ebadi, eine iranische Anwältin, der Ebrahimi sich einst offenbarte, in ihren Memoiren: "In seiner aktiven Zeit war er auch an gewaltsamen Angriffen auf zwei Reformminister beteiligt." Ebrahimi sagt indes, als Führungsfigur sei aktive Gewalt gar nicht seine Rolle gewesen. Er habe sich stattdessen sogar öffentlich dafür entschuldigt, wenn seine Leute Gewalt ausübten.

Als 12-Jähriger in den Krieg

Ebrahimi ist ein Angehöriger jener tragischen Generation von Iranern, die heute zwischen 30 und 40 Jahren alt sind von denen viele als Kinder in den von 1980 bis 1988 dauernden Krieg gegen den Irak ziehen mussten - Ebrahimi ging als 12-Jähriger zum Kämpfen, gegen den Willen seiner Eltern. Als er wiederkam, war der Weg in eine der systemtreuen paramilitärischen Einheiten quasi vorgezeichnet, sagt er. Ebrahimi war zum Beispiel auch Revolutionswächter - in seiner Darstellung "automatisch".

Die "Ansar-e Hisbollah" sei, so sagt Ebrahimi, ursprünglich als rein politische Gruppe gedacht gewesen, die Gewalt sei später hinzugekommen. Daran, dass Ebrahimi als Teil des Establishments betrachtet wurde, können indes keine Zweifel bestehen: 1997 ging er für zwei Jahre als Attaché an die Botschaft im Libanon, in Nordkorea wurde er in einem offiziellen Austauschprogramm in Menschenführung ausgebildet.

Der Bruch in seinem Leben kam im Jahr 1999 - und sein Fall sorgte später nicht nur im Iran für Aufsehen. In einem 2008 für eine Menschenchtsorganisation verfassten Protokoll berichtet Ebrahimi, wie es dazu kam: Er habe erfahren, dass die "Ansar-e Hisbollah" plante, die damals protestierenden Studenten zu attackieren; er habe die Truppe daraufhin verlassen, sich den Oppositionellen angeschlossen und eine entsprechende Rede gehalten. Am nächsten Tag hätten Reformzeitungen dies auch berichtet, er sei daraufhin festgenommen worden.

Schirin Ebadi beschreibt in ihren Erinnerungen, wie Ebrahimi sie dann im März des Folgejahres aufsuchte und sagte, er habe Informationen über diejenigen "Ansar-e Hisbollah"-Kameraden, die an dem Angriff auf ein Studentwohnheim beteiligt gewesen seien. Ebadi nahm seine Aussagen auf Video auf und überließ diese dem Büro des stellvertretenden Innenministers; die damalige Regierung wurde von den Reformern gestellt.

Inneriranisches Intrigenspiel

Doch anstatt die Übergriffe aufzuklären, lösten Ebrahimis Aussagen ein nicht ohne weiteres zu durchschauendes inneriranisches Intrigenspiel aus. In dem Video beschuldigte Ebrahimi hochrangige Kleriker, zusammen mit "Ansar-e Hisbollah" Angriffe auf Reformer geplant zu haben. Die Justiz, in der Hand der Konservativen, wies die Anschuldigungen zurück und behauptete stattdessen, Ebrahimi sei seinerseits von den Reformern gezwungen worden, die Anschuldigungen zu erheben. Verantwortlich gemacht wurde dafür unter anderem Schirin Ebadi - man klagte sie an.

Im neuen SPIEGEL 28/2009:

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Warum auf den Ersten Weltkrieg ein zweiter folgen musste
Bis heute lässt sich nicht zweifelsfrei rekonstruieren, was genau geschah. Es sei leider unmöglich, die Angaben Ebrahimis zu verifizieren, schrieb seinerzeit die "International Herald Tribune". Der "Financial Times" zufolge zog Ebrahimi seine Aussage vor Gericht zurück. Er selbst spricht von erzwungenen Geständnissen, die er unter Folter ablegte. Schirin Ebadi berichtet in ihren Aufzeichnungen aber auch, dass Ebrahimi in ihrem eigenen Prozess "mutig bei seiner ursprünglichen Geschichte" blieb. Freilich schreibt sie auch, dass sie mehrmals den Gedanken gehabt habe: Das ist eine Falle.

Letztlich wurde Ebrahimi zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Er sagt, er sei seit seiner ersten Festnahme 1999 in verschiedenen Gefängnissen gewesen, auch gefoltert habe man ihn: "Ich hatte eine Kapuze über den Kopf und sie schlugen mich mit Holzknüppeln", sagt er. "Sie brachen mir das Kinn." Eine Narbe ist noch heute unübersehbar.

Flucht über die Türkei

Nach der Freilassung blieb er, so berichtet er, noch sechs Monate im Land, wurde jedoch mehrmals wieder verhaftet. Schließlich ging er in den Untergrund und floh: 15 Tage lang, zu Fuß, bis in die Türkei. Über Umwege gelangte er 2003 nach Deutschland.

Ein kompliziertes, bewegtes Leben für einen erst 33-Jährigen. Farshad Ebrahimi spricht trotzdem ruhig, leise und fast regungslos. Kaum, dass er einmal zu Gesten ausholt oder die Stimme hebt. Es ist, als habe er seine Geschichte schon zu oft erzählt. Oder als würde er glauben, dass sie ohnehin nur schwer zu verstehen ist. Vielleicht ist das auch so. Denn während er mit seinen heutigen Aktivitäten das Regime unzweifelhaft an einer äußerst empfindlichen Stelle trifft, muss er gleichzeitig damit leben, dass nicht alle Exil-Iraner davon überzeugt sind, dass es so etwas wie einen geläuterten "Ansar-e Hisbollah"-Kader geben kann.

In jedem Fall bezahlt er einen Preis - in Form von gegen ihn gerichteten, teils massiven Drohungen und Einschüchterungsversuchen. Ebrahimi erhält viele anonyme Drohungen, über das Internet, über das Telefon. "Wir werden dir deine Ehre nehmen", sagte ein Anrufer. "Wir bringen dich um."

Hat er Angst? "Irgendwie schon", sagt Ebrahimi. "Aber nicht so viel, dass es mich davon abhält, weiterzumachen. Die Leute in Iran lassen ihr Leben. Und das hier ist eben unser Beitrag zu Kampf und Widerstand. Das ist das, was wir im Ausland machen können, etwas anderes können wir nicht tun."

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