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19. Mai 2009, 16:01 Uhr

Exil-Kubaner in Miami

Little Havanas Hardliner strecken die Waffen

Aus Miami berichtet

"Obama hat recht. Es ist eine einzigartige Gelegenheit": Die Lockerung der amerikanischen Kuba-Politik weckt in der Exil-Gemeinde in Miami große Erwartungen - selbst bei lebenslangen Castro-Gegnern. Doch längst nicht alle sind so optimistisch.

Ein halbes Jahrhundert hat Francisco Hernandez für die Freiheit gefochten. Erst als Student und Dissident. Dann als Mitglied der legendären Brigade 2506, die 1961 mit CIA-Hilfe die Invasion in der Schweinebucht unternahm. Nach deren Scheitern und zwei Jahren politischer Haft setzte er die Mission im US-Zwangsexil fort, als härtester der Hardliner im Kampf gegen das Regime Fidel Castros.

Doch jetzt, im Alter von 72 Jahren, ereilt ihn eine späte Einsicht. "All diese Zeit war verloren", sagt er mit feuchten Augen. "Wir werden nicht mehr die Protagonisten des Wandels sein." Er ringt nach Worten. "Es ist nicht leicht. Aber wahrscheinlich ist es besser."

Francisco Hernandez ist der Präsident der Cuban American National Foundation (CANF), der mächtigen kubanischen Exilantenlobby. In Miami, wo sie ihn alle nur Pepe nennen, ist er eine legendäre Institution. "Hast du schon mit Pepe geredet?", fragen sie. "Sprich mit Pepe!"

Schon fast ein Leben lang führt Hernandez seinen Kleinkrieg gegen Kubas Staatschef Fidel Castro. Einziger Wandschmuck in seinem Büro in Little Havana, der Exilanten-Enklave Miamis, sind eine Landkarte Kubas und ein Poster der Brigade 2506 mit dem Schlachtruf "Jamas abandonaremos nuestra patria" ("Wir geben unser Vaterland nie auf").

"50 Jahre, und immer noch keine Freiheit", resümiert Hernandez seine Odyssee. Furchen durchziehen sein melancholisches Gesicht. "Wir haben zu lange nicht erkannt, dass die alten Waffen nichts bewirkt haben."

Die alten Waffen: Umsturzversuche, CIA-Operationen, dann Containment-Politik, der von den USA finanzierte Sender Radio Martí, Isolation, das gesetzlich seit 1992 verankerte Embargo: Nichts brachte Castro ins Wanken. Weshalb Washington nun eine neue, sanftere Waffe zückt, die Hernandez still mit drei Worten umschreibt: "Der Obama-Faktor."

Die Lockerung der Kuba-Politik durch US-Präsident Barack Obama sorgt in Little Havana, in der Diaspora an Miamis Calle Ocho, für Aufregung. Auch wenn sie manchen nicht weit genug geht, weil sie das Embargo bisher ausklammert.

Reiseerleichterungen für Exilanten, eine Aufhebung der Gepäck- und Devisenbeschränkungen, US-Mobilfunk auf der Insel: Diese Maßnahmen sollen den Kubanern ermöglichen, den "Wandel von unten" zu propagieren. Jahrzehntelang galten solche Gedanken hier als Sakrileg, als Verrat. Aber Obama hat den Abschottungskurs per Federstrich beendet. Er nannte ihn ein Relikt "des 20. Jahrhunderts".

Auch er selbst, seufzt Hernandez, sei nun ein Relikt des 20. Jahrhundert. Und dann sagt der Republikaner, dessen Vater von Che Guevara höchstpersönlich zum Tode verurteilt wurde, das Unglaubliche: "Obama hat recht. Dies ist eine einzigartige Gelegenheit."

Die alten Feindbilder taugen nicht mehr

Auch wenn der Rest der Welt längst nicht mehr auf Kuba starrt ("Wir standen mal am Abgrund des Atomkriegs", erinnert Hernandez) - in Little Havana sind das Worte von tektonischer Kraft. Denn bisher hat die CANF als Stimme der Vertriebenen jede Aufweichung der Politik verhindert, unter Androhung von Sanktionen: Gegnern verweigerte sie einfach die Wählerstimmen - und ohne die wurde keiner was - nicht in Florida, nicht in Washington.

Dann kam Obama - und mit ihm die Chance für einen Wechsel an mehreren Fronten: Die Weltwirtschaftskrise zwingt auch Kuba in die Knie, und seinen knallharten Herrschern mangelt es an Charisma. Den USA fehlt unter Obama plötzlich der bisher so gut auszuschlachtende Ruf des globalen Bösewichts. Weder Washington noch Havanna taugen also mehr als Feindbild füreinander.

Derweil stirbt die alte Garde von Hernandez in Miami aus - die "historische Generation", wie sie sich nennt. Denn die jüngeren Exilantensprösslinge, die hier geboren sind, haben andere Prioritäten. Zum Beispiel Giancarlo Sopo. "Little Havana hat sich geändert", sagt der 26-jährige Aktivist und Blogger, der seine meinungsfreudige Website "Generation Miami" betitelt hat. "Nach all den Jahren siegt selbst hier die Realität."

Sopo sitzt mit Freunden im Exilantentreff "Versailles", einst das Hauptquartier der Unbelehrbaren. Ein Anwalt, ein Grassroots-Aktivist, ein Lobbyist: junge Professionelle, die sich als "progressiver" Flügel der Exilgemeinde präsentieren. "Wenn wir früher an diesem Ort über solche Sachen geredet hätten", grinst der Lobbyist, "wären wir hier nicht lebend rausgekommen."

"Das Embargo ist moralisch verwerflich"

Es ist Lunchzeit, alle Tische sind besetzt. Draußen an der Stehtheke gestikulieren ältere Herren auf Spanisch, sie trinken Café Cubano und tragen "Guayaberas", die plissierten, weißen Karibik-Hemden.

Dies, sagt Sopo, sei erst der Anfang. Ein "Paradigmenwechsel" sei nötig. "Das Embargo ist moralisch verwerflich", sekundiert der Anwalt. Doch Beton bröckele eben langsam - wenigstens habe Obama den ersten Schritt getan. Hinter den Kulissen, so lässt die Gruppe durchblicken, sei längst Größeres im Gange.

Dabei haben auch sie alle einen perfekten Anti-Castro-Stammbaum. Sopos Großvater starb in kubanischer Haft, sein Vater war ebenfalls ein Schweinebucht-Veteran. Einer der Redner auf seiner Beerdigung war Félix Rodríguez, der CIA-Mann, der Che Guevara verhört hatte und später in die Iran-Contra-Affäre verwickelt war.

Giancarlo Sopo war auch mal Republikaner. Wegen des Irak-Kriegs wechselte er das Lager, für Obama gründete er die Gruppe "Unidos con Obama". Als Obama 2007 nach Miami kam, durfte Sopo in der Kolonne mitfahren. Seine Großmutter gab ihm zum Schutz ein Kruzifix: "Es gibt hier viele Verrückte, die dem Senator schaden wollen."

Es war bei jenem Besuch, als Obama das Fundament für den jetzigen Umschwung legte. Francisco Hernandez erinnert sich noch gut, was der damalige Senator ihnen hinter verschlossenen Türen gesagt habe: "Ich weiß nichts über Kuba, aber ich will lernen. Helft mir zu lernen."

Glaubt man Hernandez, war die Lockerung der Kuba-Sanktionen von vorneherein die Idee der CANF, Obama habe sie nur übernommen. "Wir waren immer gegen die Restriktionen", sagt er - eine Darstellung, die manche sicher als revisionistisch bezeichnen würden. Vielleicht ist diese Version erträglicher für Hernandez.

Obama skizzierte seine Politik erstmals im Mai 2008, bei einer Rede vor der CANF - mit dem gleichen Tenor wie in seinen Wahlkampf: Gebt dem Volk Macht, und der Wandel wird kommen: "Demokratie von unten."

Zwar gewann John McCain noch die Mehrheit der Exilantenstimmen. Doch Obama steigerte den Anteil der Demokraten bei Miamis Kuba-Clique um fast zehn auf 35 Prozent. 84 Prozent der Cuban-Americans über 65 wählten McCain. 55 Prozent der Jüngeren wählten Obama.

Nicht allen schmeckt das. "Ich bin zutiefst skeptisch", sagt José Azel, 61. "Ich glaube nicht, dass sich in Kuba etwas ändern wird." Azel kam als 13-Jähriger nach Miami - dank der "Operation Peter Pan", mit der Anfang der sechziger Jahre mehr als 14.000 kubanische Kinder von ihren Eltern in die USA geschickt wurden. Heute schreibt er am Institute for Cuban and Cuban-American Studies (ICCAS) der University of Miami Essays über die Zukunft seiner Heimat. Im Foyer hängen alte Bilder von Havanna. Der Malecón, die Seepromenade. Die Catedral de San Cristobal.

Azel kritisiert Obamas Avancen als zu "unilateral" und "bedingungslos": "Man muss sich doch Druckmittel bewahren." Solange Castro und sein Bruder Raul am Leben seien, werde sich nichts ändern. Einzige Aussicht auf eine Wende: "Die Biologie nimmt ihren Lauf."

Auch habe Kuba keine Zivilgesellschaft, die eine friedliche Opposition nähren könnte, keine nennenswerte Kirche, keine Gewerkschaften wie in Polen, wo dieser Ansatz funktionierte. Stattdessen fürchte er, sollte auch dieser Hoffnungsschimmer verschwinden, "einen neuen Massenexodus". Er selbst habe kein Interesse, nach Kuba zu reisen. "Jedenfalls nicht, solange die politischen Verhältnisse sich nicht geändert haben."

Auch Francisco Hernandez sieht für sich keine Heimkehr nach Kuba mehr: Bis heute warte dort ein Todesurteil auf ihn. Und: "Ich bin zu alt, um das neue Kuba noch zu erleben."

Eine Erkenntnis, deren Tragik ihm bewusst ist. Ein Leben lang habe er gekämpft, nun komme der Sieg für ihn selbst zu spät. Am Ende bleibe eine Lehre: "Du findest die Zukunft nicht, wenn du die Augen auf der Vergangenheit hältst."

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