Exil-Uigurin Rebiya Kadeer Chinas Staatsfeindin Nummer eins

Sie war eine der reichsten Frauen Chinas und saß im Volkskongress - doch Ende der neunziger Jahre wurde die Uigurin Rebiya Kadeer zur "Staatsfeindin Nummer eins". Nun bezichtigt Peking sie, die Unruhen in Xinjiang angezettelt zu haben. Kadeer weist die Vorwürfe zurück.

Von und Julia Walker


Hamburg - Sie ist der Sündenbock für die chinesische Führung - Rebiya Kadeer, Chefin der uigurischen Exil-Organisation mit Wohnsitz in Washington. "Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der separatistische uigurische Weltkongress unter seiner Anführerin Rebiya Kadeer die Gewalt geschürt hat", meldet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf die Provinzregierung.

Rebiya Kadeer: Auschreitungen hätten verhindert werden können
AFP

Rebiya Kadeer: Auschreitungen hätten verhindert werden können

Erkin Zunun, Sprecher des Weltkongresses in Deutschland, weist den Vorwurf, seine Organisation hätte die Ausschreitungen mit 140 Toten angezettelt, als "Lüge der Chinesen" zurück. "Wie hätten wir aus dem Exil einen Aufstand organisieren können, an dem sich 3000 Menschen beteiligen?", fragt Zunun. Die Ausschreitungen hätten ihren Ursprung im Tod von zwei Uiguren im südchinesischen Shaoguan am 26. Juni. Kadeer sagt am Montagnachmittag, die Ausschreitungen "hätten verhindert werden können, wenn die chinesischen Behörden die Shaoguan-Morde richtig untersucht hätten".

Es ist nicht das erste Mal, dass die Chinesen Rebiya Kadeer in den Mittelpunkt ihrer Propaganda stellen. Die Uigurin wurde 1999 wegen Geheimnisverrats zu acht Jahren Isolationshaft verurteilt. Sie hatte ihrem Ehemann, dem Exilanten und Menschenrechtler Sidik Hadji Rouzi, Zeitungsberichte aus China schicken wollen. Von ihrer Haftstrafe saß Kadeer fast sechs Jahre in verschiedenen Gefängnissen ab. "Ohne meinen festen Glauben an Gott hätte ich nicht durchgehalten", sagte sie später.

2005 setzte Condoleezza Rice ihre Freilassung durch: Die damalige US-Außenministerin machte Kadeers Freiheit zur Bedingung ihrer Peking-Reise. Im Gegenzug sollte die Menschenrechtlerin Stillschweigen über ihre Haftbedingungen bewahren, verlangte die chinesische Zentralregierung.

Kadeer hielt sich jedoch nicht daran, sondern sprach offen über Folter und Hinrichtungen. Im November 2005 entging sie daher nur knapp einem Mordanschlag. Seit drei Jahren steht Kadeer an der Spitze des Weltkongresses der Uiguren, dreimal wurde sie bereits für den Friedensnobelpreis nominiert.

Doch nicht immer war die 1948 geborene Uigurin "Chinas Staatsfeindin Nummer eins", wie sie die Autorin Alexandra Cavelius in dem 2007 erschienenen Buch nennt. Zeitweise war sie sogar eine Art Vorzeige-Uigurin, saß seit 1992 im Volkskongress und galt als eine der reichsten Frauen Chinas. Das Regime schmückte sich mit ihr, wollte sie als Ausweis einer minderheitenfreundlichen Politik präsentieren.

Kadeer nutzte jedoch ihren Einfluss, um auf Menschenrechtsverletzungen im Nordwesten Chinas aufmerksam zu machen. Nachdem das Militär 1997 Proteste der Uiguren gewaltsam niederschlug, erhob Kadeer im Volkskongress ihre Stimme und forderte ein sofortiges Ende der Gewalt. Daraufhin wandte sich die kommunistische Partei von ihr ab.

Fünf ihrer elf Kinder leben noch in China, zwei Söhne wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. "Sie macht sich große Sorgen um ihre Kinder", sagte Asgar Can SPIEGEL ONLINE. Er ist einer von Kadeers Stellvertretern beim "World Uyghur Congress" und hat am Sonntagabend zuletzt mit ihr gesprochen.

Ebenso wie Kadeer weist er die Vorwürfe, der WUC und Kadeer seien Schuld an den Unruhen, entschieden zurück. Can sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Chinesen suchen die Schuld immer bei anderen, wenn sie Fehler gemacht haben. Es war eine friedliche Demonstration, die durch das Verhalten der Polizei eskaliert ist." So hätten die Demonstranten chinesische Fahnen in der Hand gehalten, was zeige, dass sie keine Separatisten seien.

Can hat in München ein Zentrum gegründet, das über die Situation der Uiguren informiert. In der bayerischen Hauptstadt lebt ein Großteil der 600 Uiguren, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben. Seit Beginn der Ausschreitungen in Xinjiang versammeln sich Dutzende von ihnen, um aktuelle Nachrichten von Familien und Freunden zu teilen. Für Dienstagnachmittag planen die Münchener Uiguren eine Demonstration auf dem Marienplatz.

Mit Material von dpa, AFP

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