Exklusiv-Interview mit Michail Gorbatschow "Zum jetzigen Zeitpunkt verhält sich Putin richtig"

Mangelnde Offenheit, Schlamperei, Bestechung: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erhebt Ex-Präsident Michail Gorbatschow schwere Vorwürfe gegen die russischen Behörden vor Ort. Ihr Versagen habe die Tragödie von Beslan erst möglich gemacht.

SPIEGEL ONLINE:

Wo befanden Sie sich, als die ersten Nachrichten von der Geiselnahme in Beslan eintrafen?

Gorbatschow: Ich lag mit einer Grippe zu Bett, wurde allerdings sofort über die Geschehnisse in Nordossetien informiert und habe dann die Medienberichterstattung aufmerksam verfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Fernsehbilder der Geiselbefreiung erlebt?

Gorbatschow: Das war emotional sehr belastend, sehr schwer. Ich dachte und denke, dass da die terroristische Gewalt unvorstellbar grausame, unmenschliche Formen annimmt.

SPIEGEL ONLINE: Unterscheidet sich die Form der Gewalt so extrem von dem, was wir bisher an kriegerischen Auseinandersetzungen im Kaukasus erlebt haben?

Gorbatschow: Ohne Zweifel. So etwas gab es noch nie, dass die Banditen so weit gingen, Kinder als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen oder ihnen in den Rücken zu schießen. Das sind keine Menschen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zu der Informationspolitik von Präsident Wladimir Putin im Fall Beslan?

Gorbatschow: Kritisch, sehr kritisch. Ich war ja schließlich selbst eine Weile Präsident und hatte genug Zeit, den Informationsfluss aus den Regionen und Ministerien zu analysieren und zu bewerten. Manchmal hat man mich desinformiert und hinter dem Rücken dann gegen meinen Willen gehandelt.

SPIEGEL ONLINE Ist das auch in Beslan so gelaufen?

Gorbatschow: Man muss das sehr aufmerksam beobachten und entsprechend aufklären. Klar ist, dass die Terroristen den ganzen Sommer diese Aktion geplant haben. Trotzdem haben die örtliche Polizei, die Sicherheitskräfte und Kontrollposten offenbar nicht reagiert. Bestenfalls handelt es sich dabei um Schlamperei. Aber in Wahrheit haben vermutlich einige Leute daran verdient, ihr Wissen nicht weiter zu geben. Das muss geklärt werden. In eine Schule, die gerade repariert wird, vor den Augen der Bewohner massenweise Sprengstoff zu transportieren, ohne dass es jemand bemerkt, ist ein sehr unwahrscheinliches Szenario.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Putin sich richtig verhalten hat?

Gorbatschow: Zum jetzigen Zeitpunkt verhält er sich richtig. Ich denke, Putin hat inzwischen eine sehr ernste und verantwortungsvolle Position eingenommen. Wie das in den ersten Stunden nach der Geiselnahme war, ist mir nicht bekannt. Da waren hohe Beamte des FSB und des Innenministeriums bereits mit der Untersuchung betraut - ich habe sie aber nicht gesehen. Sie sind nicht an die Öffentlichkeit getreten.

SPIEGEL ONLINE: Hätten sie das tun sollen?

Gorbatschow: Selbstverständlich.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Spezialtruppen des Innenministeriums vor Ort versagt?

Gorbatschow: Die Omon-Truppen haben nicht versagt. Der Stab vor Ort hätte dafür sorgen müssen, dass die Verwandten und Freunde der Eingeschlossenen von dem Gelände entfernt werden. In einem solchen Fall muss das Terrain sofort weiträumig absperrt werden. Auch auf Grund dieses Versagens wurde die Tragödie überhaupt möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätten Sie sich als Präsident verhalten?

Gorbatschow: Zu meiner Zeit gab es ähnliche Krisen. Es kam vor, dass ich zu spät kam, wenn Informationen nicht rechtzeitig eintrafen. Das Wichtigste im Falle von Beslan war es, für das Leben der Kinder zu kämpfen und so lange wie möglich zu verhandeln, um einen Sturm der Schule zu vermeiden. Davon ist Putin ausgegangen. Ich glaube aber auch, dass die Geiselnehmer von Beginn an nicht nur die Schule, sondern auch die Situation auf dem Kaukasus zum Explodieren bringen wollten.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie während Ihrer Regierungszeit mit einer ähnlichen Situation konfrontiert?

Gorbatschow: In unserer Geschichte gab es das alles bereits. Mein Credo war immer, sämtliche Konflikte ohne Blutvergießen zu lösen. Aber auch mir ist das nicht immer gelungen. Manchmal wurde hinter meinem Rücken massiv interveniert, um friedliche Lösungen zu vereiteln. Auch in Tschetschenien soll ein Prozess der Gesundung und des Wiederaufbaus der Republik offenbar gestört werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann der Konflikt auf dem Kaukasus überhaupt gelöst werden?

Gorbatschow: Man muss politische Lösungen finden, die Strukturen der Sicherheitsorgane umbauen und natürlich soziale und wirtschaftliche Prozesse in Gang bringen. Der politische Prozess muss dringend fortgeführt werden, damit die Tschetschenen langfristig für sich selbst sorgen. Sie haben das verdient.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Tschetschenen denn dazu schon bereit?

Gorbatschow: Sie sind dazu bereit, endlich Frieden zu haben und ihr Land wieder aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn sich Tschetschenien endgültig von Russland abspalten sollte?

Gorbatschow: Das ist absolut unanehmbar, das dürfen wir nicht zulassen. Das sind Prozesse, von denen es unmöglich ist zu sagen, wohin sie führen.

Das Interview führte Annette Langer

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.