Explosion bei Teheran Rätsel um getöteten iranischen Raketen-Experten

Es ist ein mysteriöser Vorfall: Bei einer Explosion nahe Teheran ist ein hochrangiger Militärexperte mit engen Verbindungen zur Hamas ums Leben gekommen. Angeblich soll es sich um einen Unfall in einem Munitionslager handeln - aber die Berichte über die Detonation sind widersprüchlich.

Trauer um getöteten Raketenexperten Moghaddam
AFP

Trauer um getöteten Raketenexperten Moghaddam


Teheran/Tel Aviv - 17 Menschen kamen am Samstag bei einer Explosion nahe Teheran ums Leben. Es habe sich um einen Unfall gehandelt, hieß es aus Iran.

Jetzt wachsen die Zweifel an der Darstellung: Denn unter den Toten ist auch ein ranghoher Raketenexperte. Die iranischen Revolutionsgarden teilten am Montag mit, General Hassan Moghaddam, Leiter der logistischen Forschungseinheit, sei bei der Detonation gestorben. Moghaddam habe eine wesentliche Rolle "in der Entwicklung der Landesverteidigung" gespielt, erklärte die paramilitärische Elitetruppe laut einer Meldung der halbamtlichen Nachrichtenagentur Fars.

Die Angaben zu den genauen Umständen der Explosion sind widersprüchlich: Der Revolutionsgarde zufolge ereignete sich die Explosion am Samstag in einem Munitionslager bei Bidgane, 40 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Teheran. Auslöser sei ein Unfall beim Transport von Munition gewesen. Eine iranische Exilgruppe widersprach diesen Angaben: Der frühere Sprecher der Volksmudschahedin, Alireza Jafarzadeh, erklärte in Washington, vielmehr sei die Detonation auf einem Raketenstützpunkt erfolgt.

Israelische Medien berichten Details über den toten Militär. Moghaddam sei unter anderem für die Entwicklung der iranischen Raketensysteme des Typs "Schihab" und "Silsal" zuständig gewesen, schreibt die israelische Zeitung "Jediot Achronot". Er habe auch enge Verbindungen mit Mahmud al-Mabhuh unterhalten, einem ranghohen Funktionär der radikal-islamischen Hamas, der im Januar vergangenen Jahres in Dubai ermordet worden war. Ermittler in Dubai gingen damals davon aus, dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter der Tat steckte. Al-Mabhuh soll für den Schmuggel von Raketen in den Gazastreifen verantwortlich gewesen sein.

Niederländischer Außenminister will Militärschlag nicht ausschließen

Moghaddam sei auch für die Entwicklung von Raketen mit kurzer und mittlerer Reichweite zuständig gewesen, die von Hamas sowie der libanesischen Hisbollah-Miliz eingesetzt würden, schrieb das Blatt. Ein Sprecher des israelischen Verteidigungsministeriums wollte sich nicht zu den Berichten äußern. Verteidigungsminister Ehud Barak hatte am Sonntagabend zu dem tödlichen Vorfall in Iran gesagt: "Je mehr, desto besser."

Das iranische Regime gibt sich verschlossen und verfolgt scharf Berichterstattungen über die Explosion. Ein Iraner ist festgenommen worden, nachdem er angeblich für die britische BBC über die Detonation berichtet haben soll. Fars berichtete, der Mann sei abgeführt worden, nachdem er am Samstag live über die Explosion berichtet hatte. Der BBC-Dienst in der Sprache Farsi darf nicht aus Iran berichten. Jeder, der für den Sender arbeitet, macht sich strafbar. Die BBC erklärte am Sonntagabend, sie habe keine Mitarbeiter in Iran. Der Festgenommene habe sich als unabhängiger Kommentator geäußert.

Immer offener wird derweil international wegen des iranischen Atomprogramms über einen möglichen Militärschlag gegen das Land diskutiert. US-Präsident Obama erklärte, sein Land halte sich alle Optionen offen. Ähnliche Stimmen sind aus Europa zu hören: Der niederländische Außenminister Uri Rosenthal sagte: "Wir reden heute über verschärfte Sanktionen. Und ich denke, wir sollten derzeit keine andere Option ausschließen", so Rosenthal in Brüssel zu Beginn von Beratungen der EU-Außenminister zum Bericht der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA über ein Atomwaffenprogramm Teherans.

Obama wirbt um Zusammenarbeit mit China und Russland

Scharf gegen eine Diskussion über ein militärisches Vorgehen äußerte sich Bundesaußenminister Guido Westerwelle. "An einer Diskussion über eine militärische Operation, über eine militärische Intervention beteiligen wir uns nicht", sagte Westerwelle in Brüssel. Es gehe jetzt "erst einmal darum, dass wir den politischen und auch diplomatischen Druck auf Iran erhöhen". "Auch scharfe Sanktionen sind unvermeidlich, wenn Iran sich unverändert weigert, mit der Internationalen Atomenergieorganisation zu kooperieren." Iran dürfe Atomenergie zivil nutzen, habe aber "auch die Pflicht, auf jede nukleare Bewaffnung zu verzichten und dies auch transparent vor den Augen der Weltöffentlichkeit deutlich zu machen."

US -Präsident Obama versucht unterdessen China und Russland für eine engere Zusammenarbeit gegen Iran zu gewinnen. Man verfolge die gleichen Ziele, er rechne mit einer engeren Kooperation, so Obama.

Bislang sieht es nicht nach einer Aufweichung der russischen Haltung aus - Moskau will sich weiter nicht offen gegen Iran stellen. Stattdessen kamen aus Russland Vorwürfe gegen den Westen, auf einen Machtwechsel in Teheran hinzuarbeiten. Der jüngste Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), wonach Iran an der Herstellung von Atomwaffen gearbeitet haben soll, sei auf Konfrontation und eine Anheizung der gespannten Situation gerichtet, kritisierte der russische Außenminister Sergej Lawrow. Die Entwicklung gehe in eine Richtung, die nach dem Versuch eines "Machtwechsels" aussehe, sagte er nach Angaben der Agentur Interfax. "Es wird mit Sanktionen und Bombardierung gedroht - aber das wird uns der Möglichkeit einer Lösung auf dem Verhandlungsweg nicht näher bringen", sagte Lawrow.

Der IAEA-Bericht über iranische Pläne für den Bau einer Atombombe sei eine Zusammenstellung bereits bekannter Fakten aus den vergangenen acht Jahren, aber keine neue Beweislage, sagte Lawrow. Russland halte an seiner Ablehnung von weiteren Strafmaßnahmen gegen Iran fest. "Für uns ist der Sanktionsweg gegen Iran erschöpft", führte Lawrow aus. Als Vetomacht im Weltsicherheitsrat hatte Russland im vergangenen Jahr Sanktionen gegen Iran zugestimmt.

anr/dapd/dpa

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