Anschläge in der Türkei Radikale Kurdengruppe bekennt sich zu Terror in Istanbul

Eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK hat sich zum Doppelanschlag in Istanbul bekannt. Die "Freiheitsfalken Kurdistans" (Tak) übernahmen die Verantwortung.

Tatort in Istanbul
AFP

Tatort in Istanbul


Eine radikale kurdische Gruppe hat sich zu den Terrorattacken in Istanbul mit Dutzenden Toten bekannt. Die beiden Anschläge in der Nähe des Fußballstadions von Besiktas seien zur gleichen Zeit ausgeführt worden, teilte die Splittergruppe Tak (Freiheitsfalken Kurdistans) auf ihrer Website mit. Dabei seien zwei ihrer Anhänger getötet worden.

Mit den Anschlägen hat die Tak nach eigenen Angaben auf die Gefangenschaft des PKK-Anführers Abdullah Öcalan und die türkischen Militäroperationen vor allem im Südosten des Landes aufmerksam machen wollen. Solange diese anhielten, solle "niemand erwarten, ein geruhsames Leben in der Türkei führen zu können".

Die Tak gilt als radikale Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Sie bekannte sich im vergangenen Jahr wiederholt zu Anschlägen auf die Sicherheitskräfte in Istanbul, Ankara und anderen Städten. Unter Experten ist umstritten, wie weit die Tak mit der PKK verbunden ist. Seit dem Zusammenbruch eines zweijährigen Waffenstillstands im Sommer 2015 liefern sich die PKK und die türkischen Sicherheitskräfte erneut erbitterte Kämpfe im Südosten des Landes.

Nach neuesten Angaben wurden bei den zwei Anschlägen in Istanbul mindestens 38 Menschen getötet und mehr als 150 verletzt. Unter den Toten seien 30 Polizisten, sagte der türkische Innenminister Süleyman Soylu. 13 Menschen seien festgenommen worden.

Steinmeier und Leyen übermitteln Beileid

Die erste Bombe wurde nach Angaben Soylus am Samstagabend in der Nähe des Stadions des Fußballklubs Besiktas im gleichnamigen Viertel gezündet. Es habe sich um eine Autobombe gehandelt, die nach ersten Erkenntnissen gegen die Sondereinsatzpolizei gerichtet war. Nur 45 Sekunden nach dem ersten Anschlag sprengte sich nach Angaben Soylus ein Selbstmordattentäter im Macka-Park neben dem Stadion in die Luft. Auch dieses Attentat sei gegen Polizisten gerichtet gewesen, die die Gegend wegen eines Spiels der Erstligisten Besiktas und Bursaspor abgesichert hatten.

Das Spiel war etwa eineinhalb Stunden vor der ersten Explosion zu Ende gegangen. Die Zuschauer hatten sich zu dem Zeitpunkt schon zerstreut, es waren jedoch noch viele Polizisten vor Ort. Das Match zwischen den verfeindeten Mannschaften galt als Risikospiel, bei dem die Polizei Auseinandersetzungen zwischen Fans verhindern sollte.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, sein Land werde weiter gegen den Terror kämpfen. "Wann immer die Türkei einen positiven Schritt in Richtung Zukunft macht, ist die Antwort sofort Blut, Leben, Brutalität, Chaos mit den blutigen Händen von Terrororganisationen", hieß es in der auf der Webseite des Präsidenten verbreiteten Erklärung.

Der Nationale Sicherheitsrat der USA verurteilte die Anschläge auf das Schärfste. "Wir stehen der Türkei zur Seite, unserem Nato-Verbündeten, gegen alle Terroristen, die die Türkei, die USA und den Weltfrieden und die Stabilität bedrohen", sagte Sprecher Ned Price in Washington.

Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) reagierten erschüttert. "Wir verurteilen diese terroristischen Anschläge auf das Schärfste und trauern gemeinsam mit unseren türkischen Partnern", sagte Steinmeier in Berlin. Verteidigungsministerin von der Leyen schrieb ihrem türkischen Kollegen: "Meine Gedanken sind mit Ihnen und allen, die unter diesem unmenschlichen Terror leiden."

VIDEO: Türkische Polizei veröffentlicht Bilder von Überwachungskameras

REUTERS

anr/dpa/AFP



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ogg00 11.12.2016
1. Zufall
Was für ein Zufall. kurz vor der Abstimmung über ein Ermächtigungsgesetz gibt es einen Anschlag durch die Truppe, gegen das es sich angeblich wendet. mein Beileid den Menschen, die in diesem schmutzigen Spiel nur die Opfer sind.
syuyucu34 11.12.2016
2. Radikale PKK Splittergruppe Tak?
Diese Bezeichnung suggeriert, als wenn PKK selbst nicht radikal genug ist und eine radikalere Gruppe aus ihr hervorgeht. PKK selbst ist radikal genug und diese neue Namensgebung ist m.e. keine neue Organisation sondern PKK selber und benutz halt diese Bezeichnung für solche Terrorakte.
Velociped 11.12.2016
3. Der Geheimdienst spielt über Bande
Der Kurdenstaat im Irak wird von einem autoritären türkei-freundlichen demokratisch nicht mehr legitimierten Präsidenten Barzani geleitet. Ihm stehen die meisten Kurd_innen sehr reserviert gegenüber. Sicher gibt es Kurd_innen, die sich dagegen wehren, dass sie vom türkischen Militär in Syrien bombardiert werden. Dabei bleibt natürlich die Frage, warum das eine als Terror und das andere nicht einmal als Krieg gilt. Das ist eine mögliche Alternative. Umgekehrt hat Erdogan ein Interesse daran, für sein Eingreifen in Nordsyrien eine klare Rechtfertigung zu haben. Daher wird sein Geheimdienst ihn dabei unterstützen entsprechende Gründe zu schaffen. Der Verfassungsschutz hat in Deutschland erwiesenermaßen die RAF unterstützt (Celler Loch). Weitere Akten werden auch 40 Jahre danach noch unter Verschluss gehalten. Da dürfte der türkische Geheimdienst weniger Hemmungen haben. Die News bedeuten daher nur, es sind wieder Unschuldige umgekommen und die Leute sollen in Terrorangst versetzt werden. Wer wirklich dahinter steht, wird vielleicht die Geschichte zeigen.
testuser2 11.12.2016
4. Der Blick sollte sich endlich auch auf die Tätergruppen richten
Wenn solche Anschläge - wie es sie wöchentlich oder monatlich in der Türkei gibt ? - in Deutschland gäbe, wäre der Blick der Medien ganz anders, als er vom warmen Deutschland aus jetzt erfolgt. Medie wie SPON sollten meiner Meinung nach den Blick endlich mal auch Richtung Tätergruppen richten und die Morde nicht nur als Kollateralschaden eines gerechten Widerstands ansehen. Es gibt immer mehrere Sichtweisen. Kurdische Gruppen beanspruchen das Recht zur Gewalt aufgrund jahrelanger Unterdrückung, die Türkische Regierung beansprucht das Gewaltmonopol aufgrund der Terrorangriffe und Morde. Wie wäre es hier in Deutschland ?
syracusa 11.12.2016
5. Erdogan erntet den Terror, den er gesät hat
Welche andere Option haben die Kurden in der Türkei, um sich politisch Gehör zu verschaffen? Die Aufhebung der Immunität der HDP-Abgeordneten und der Verhaftungen der meisten von Ihnen, die Entmachtung kurdischer Regionalpolitiker und Bürgermeister, die willkürlichen Verhaftungen kurdischer Politiker kommen einem Verbot der politischen Betätigung für Kurden gleich. Die Unterstützung des IS durch die Türkei und damit die indirekte Verantwortung des Erdogan-Regimes für den IS-Terroranschlag gegen türkische Kurden in Suruc, und auch die militärischen Handlungen des Regimes gegen die türkischen Kurdengebiete stellen eine offene Kriegserklärung dar. Der bewaffnete Kampf der türkischen Kurden gegen des Erdogan-Regime ist deshalb gerechtfertigt, weil er alternativlos ist. Und dass er alternativlos ist, hat alleine das Erdgan-Regime zu verantworten. Eine andere Möglichkeit, sich politisch zu betätigen, hat Erdogan den türkischen Kurdsen nicht gelassen. Erdogan erntet den Terror, den er gesät hat.
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