Extremismus MI5 sucht den Prototyp des Terroristen

Es sollte eine Typologie des Terrors werden, doch bei einer Studie des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 kam heraus: Es gibt kaum stringente Merkmale, die einen Durchschnittsmenschen vom Attentäter unterscheiden. Jeder kann zum Extremisten werden.


Hamburg - Die Anschläge vom 7. Juli 2005 waren ein Trauma für die britische Gesellschaft. Die Attentäter lebten jahrelang unverdächtig unter ihren Nachbarn - und schlugen plötzlich unbarmherzig zu. 56 Tote, Dutzende Verletzte - und viele Fragen. Wer tut so etwas? Wie konnte es so weit kommen?

Eine Antwort auf diese Fragen hatten sich die Ermittler des Inlandsgeheimdienstes MI5 von einer bislang geheim gehaltenen Studie erhofft, aus der nun die britische Zeitung "Guardian" zitiert. Das beunruhigende Ergebnis: Diejenigen, die in terroristische Aktivitäten in Großbritannien verwickelt sind, passen in keine Schublade.

Für die Studie wurden laut "Guardian" mehrere Hundert Menschen befragt, die "in gewalttätige extremistische Aktivitäten verwickelt waren oder zumindest Kontakt dazu" hatten. Unter den Probanden waren Personen, die Geld für Terrornetzwerke gesammelt hatten, aber auch welche, die selbst Anschläge in Großbritannien geplant hatten. "Das Wichtigste, was die Untersuchung ergeben hat, ist: Diejenigen, die zu Terroristen werden, sind keiner bestimmten Gruppe zuzuordnen", zitiert die Zeitung aus der Studie.

Potentielle Terroristen sind demnach, allen Vorurteilen zum Trotz, keine Einzelgänger, geistig Verwirrte oder religiösen Fanatiker. Die Herkunft der Untersuchten spiegele zudem den Durchschnitt der britischen Bevölkerung wider. Die meisten Probanden waren männlich und in festen Beziehungen, oft auch Familienväter. Besonders religiös war der Großteil der Befragten nicht. Viele wuchsen in nicht-religiösen Verhältnissen auf, trinken mitunter Alkohol, nehmen Drogen oder gehen ins Bordell.

Welche Konsequenzen aus den Erkenntnissen der Studie nun folgen, ist unklar. Vom MI5 gab es keine offizielle Stellungnahme zum Bericht des "Guardian". Eine Sprecherin des Geheimdienstes, die namentlich nicht genannt werden wollte, sagte auf Anfrage nur, man werde zu durchgesickerten Informationen keinen Kommentar abgeben.

Fachleute allerdings halten die Ergebnisse der Untersuchung für nützlich - trotz der Unklarheiten. "Ich glaube, es bringt uns schon etwas zu wissen, dass die Stereotype bröckeln", sagte Sandra Bell, Expertin für Innere Sicherheit. "Wenn man etwas so Komplexes wie die Anschläge von London durchführen will, braucht man Leute aus allen Bereichen", sagte sie.

ffr/AP



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