Gibraltars Ministerpräsident zum Brexit "Wir bleiben britisch"

Der EU-Ausstieg Großbritanniens würde auch Gibraltar treffen. Hier erklärt Regierungschef Picardo, was er am meisten fürchtet.
Fabian Picardo

Fabian Picardo

Foto: Monica Gumm/ DER SPIEGEL

Gibraltar liegt zwar am Südzipfel der iberischen Halbinsel, gehört aber zum Vereinigten Königreich und müsste daher auch die Folgen eines Brexit mittragen. Am 23. Juni stimmen die Briten über die weitere EU-Mitgliedschaft ihres Landes ab - in Gibraltar trommeln Regierung, Opposition, Gewerkschaften und Verbände für einen Verbleib in der Gemeinschaft. Man fürchtet, vom wichtigen EU-Markt ausgeschlossen zu werden. Im Interview erklärt der Premierminister von Gibraltar, Fabian Picardo, warum ein Ausscheiden seiner Ansicht nach fatal wäre.

SPIEGEL ONLINE: Was droht Gibraltar im Fall des Brexit?

Picardo: Das ist komplett unklar. Wir wissen nicht, wie die anderen 27 Mitglieder nach dem Referendum reagieren. Schon jetzt hat der spanische Außenminister gesagt, Gibraltar müsste in diesem Fall akzeptieren, dass Spanien gemeinsam mit Großbritannien die Souveränität hier ausübt. Nur unter dieser Bedingung könnten wir weiter Zugang zum EU-Binnenmarkt behalten. Aber genauso klar ist unsere Antwort: Gibraltar steht nicht zum Verkauf, wir werden den Zugang zum gemeinsamen Markt nicht mit der Souveränität bezahlen, wir bleiben weiterhin britisch.

SPIEGEL ONLINE: Würde die Unsicherheit nach einem Brexit Investoren abschrecken?

Picardo: Schon wegen der nicht abschätzbaren Risiken, die neue Vertragsverhandlungen mit sich bringen, sollten die Menschen lieber für den Verbleib in der EU stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Umfragen in Großbritannien sehen einen sehr knappen Ausgang voraus. Könnten die Stimmen aus Gibraltar ausschlaggebend sein?

Picardo: Bis zu 24.000 von insgesamt 33.000 Bewohnern sind berechtigt, sich in die Wählerlisten eintragen zu lassen. Jede Stimme zählt. Darüber hinaus sollten wir ein klares Zeichen setzen, dass Gibraltar in der EU bleiben will. Wenn dann die anderen dagegen entscheiden sollten, heißt das, dass wir zur Trennung gezwungen werden.

SPIEGEL ONLINE: Besonders junge Leute beteiligen sich oft nicht an Abstimmungen.

Picardo: Für das Vereinigte Königreich sagen die Umfragen, dass Menschen über 45 mehrheitlich für den Brexit sind, die Jüngeren aber für die EU-Mitgliedschaft. Sollten die Jungen also nicht teilnehmen, könnten sie überstimmt werden. Der Austritt wäre sehr unfair der jungen Generation gegenüber, er nähme ihr die Zukunft. In Gibraltar haben wir aber eine gute Wahlbeteiligung.

SPIEGEL ONLINE: Für Spanien ist Gibraltar ein Relikt der Kolonialzeit. Madrid besteht auf bilateralen Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich ohne Gibraltar. Aber nur drei Tage nach dem Referendum wählen die Spanier ihr Parlament neu. Macht es für Gibraltar einen Unterschied, wer gewinnt?

Picardo: Das ist die Haltung der rechten Volkspartei. Die Sozialisten unter den Regierungen von José Luis Rodríguez Zapatero hatten einen sehr positiven und verständnisvollen Zugang zu unserer Bevölkerung. Wir müssen mit jeder Regierung zusammenarbeiten. Es gibt auch fortschrittliche Stimmen in Spanien, die sagen, dass Gibraltar ein starker wirtschaftlicher Motor in einer Region mit sehr hoher Arbeitslosigkeit ist. Auch im Vereinigten Königreich weiß man, dass Bevölkerung und Kapital ihre Freizügigkeit über die Grenze von Gibraltar hinweg behalten müssen, ganz egal, wie das Referendum ausgeht. Nur so können wir hier weiter diesen ökonomischen Aufwind erzeugen, der uns zum zweitgrößten Arbeitgeber in Andalusien macht, gleich hinter der Regionalregierung.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre, wenn Spanien wieder die Grenze schließt wie unter dem Diktator Francisco Franco zwischen 1969 und 1985?

Picardo: Unsere Stärke ist, dass wir das Eingangstor nach Europa sind. Genau das aber steht auf dem Spiel. Es ist im Moment unmöglich vorherzusagen, was das bedeuten würde. Übrigens wirbt auch Großbritannien damit, für die USA Brücke nach Europa zu sein. Das heißt, selbst wenn das Vereinigte Königreich die falsche Entscheidung trifft, wird es weiter mit der EU Handel treiben wollen. Die Frage ist dann nur, was für eine Art Handelspakt das wird. Solange das nicht feststeht, können wir gar nicht wirklich ermessen, welche Art von Geschäft noch über Gibraltar in die EU fließt. Es kann zwei bis acht Jahre dauern, bevor alles ausgeklügelt ist.

SPIEGEL ONLINE: Spanien beschuldigt Gibraltar, ein undurchsichtiges Offshore-Finanzsystem, Schmuggel, Steuerflucht und Geldwäsche zu fördern. Deshalb droht Madrid mit strengen Kontrollen, sollte es aus der EU fallen.

Picardo: Was unsere Finanzservices angeht, haben wir jede EU-Richtlinie umgesetzt und haben alle OECD-Transparenzinitiativen mitgetragen.

SPIEGEL ONLINE: Gibraltar ist über die Jahrhunderte zu einem Schmelztiegel aller in Europa vertretenen Kulturen geworden, gleichzeitig auch inspiriert von jüdischer und muslimischer Zivilisation. Was würde ein Bruch mit Europa für die vielen gemischten Familien bedeuten?

Picardo: Meine Großmutter war Spanierin, die gegen Franco kämpfte. Hier haben wir eine multiethnische, multikulturelle und multitalentierte Gesellschaft. Gibraltar ist nur ein Fels, auf dem man weder Tomaten noch Orangen pflanzen kann. Aber wir gemeinsam haben es geschafft, diesem Platz etwas abzugewinnen. Heute Nacht werden wieder viele Gibraltarer in einen spanischen Nachbarort fahren und Tapas essen, in der Disco tanzen, sich verlieben. Das sollte so bleiben.

Zur Person
Foto: © Jon Nazca / Reuters/ REUTERS

Fabian Picardo ist seit 2011 Chief Minister von Gibraltar, also Regierungschef des britischen Überseegebiets an der Südspitze der Iberischen Halbinsel. Der 1972 geborene Picardo stammt von dort, studierte Jura in Oxford. Englisch und Spanisch spricht er gleich fließend. Auch wenn es zwischen Gibraltar und Spanien immer wieder Reibereien gibt - wirtschaftlich sind sie eng miteinander verflochten. Tausende Spanier kommen täglich zum Arbeiten über die Grenze. Spanien hat das 6,5 Quadratkilometer große Gibraltar im Frieden von Utrecht 1713 auf ewig an Großbritannien abgetreten.