Fackelzug in Rom Selbst der Papst ist traurig

Noch ehe die ersten Bomben auf Bagdad fielen, kurz nach Mitternacht, sammelten sich in Rom ein paar Hundert Demonstranten vor der US-Botschaft. Tagsüber zogen schon Zigtausende gegen den Krieg durch italienische Städte, morgen sollen es Hunderttausende sein.


Bevor die ersten Bomben gefallen waren, demonstrierten hunderte Kriegsgegner vor der US-Botschaft
AP

Bevor die ersten Bomben gefallen waren, demonstrierten hunderte Kriegsgegner vor der US-Botschaft

Noch waren keine Bomben gefallen. Aber sie würden bald fallen. Das wussten die Demonstranten in der feinen römischen Via Veneto vergangene Nacht. Mit Fackeln, Friedensfahnen und "No war"-Transparenten in den Händen sangen sie vom Frieden. Melodiös und hilflos. Jede Nacht soll es nun Fackeln und Musik vor der schwerbewachten US-Dependance in Rom geben, solange der Krieg andauert.

Die großen Gewerkschaften, für gewöhnlich politisch heftig zerstritten, riefen gemeinsam zu einem zweistündigen Generalstreik am heutigen Nachmittag auf. An Schaufensterscheiben, Schultüren und in Büro- und Krankenhausfluren hängen Aufrufe zu sit-ins und Protestmärschen. Am frühen Vormittag blockieren Studenten den Barberini-Platz, unweit der US-Botschaft. Tausende Schüler ziehen rund ums Parlament, legen den Innenstadtverkehr lahm.

In Mailand gehen am Vormittag 50.000 Menschen auf die Straße, in Genua sind es 40.000, in Turin 20.000, in Florenz, Venedig, Bologna - überall in Italien protestieren Menschen gegen den Krieg. Die größte Demonstration, für den frühen Abend geplant, wird vom Ex-Staatspräsidenten Oscar Luigi Scalfaro und der Nobelpreisträgerin Rita Levi Montalcini angeführt werden. Roms Bürgermeister will dabei sein, und Seite an Seite werden katholische Würdenträger und kommunistische Gewerkschafter in einem Fackelzug vom römischen Rathaus zum Kolosseum marschieren, "gegen Krieg und Terrorismus".

Für morgen hat der Bauernverband 200.000 Demonstranten aus allen Teilen Italiens annonciert, die unter dem Motto "Nie wieder Krieg" durch Rom ziehen wollen. Andere Gruppen werden sich anschließen. Nicht nur die Botschaften und Residenzen der Kriegs-Alliierten gleichen heute Festungen, auch Italiens Parlament und viele Ministerien sind bewacht wie seit den Zeiten des Rote-Brigade-Terrors nicht mehr.

4000 Soldaten hat die römische Regierung abkommandiert, die der Polizei und den lokalen Behörden helfen sollen, sechzig bis siebzig als besonders sensibel eingestufte Einrichtungen zu bewachen: Flughäfen, Militärbasen, Elektrizitätswerke, den Petersdom. Dort, in einer kleinen Kapelle in einem Nebenkomplex, betete heute morgen um 7 Uhr Papst Johannes Paul II., der seit Monaten die katholischen Gläubigen gegen den Krieg mobilisierte. Er sei "sehr traurig", heißt es im Vatikan.



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