Fahndung Wo ist Saddam?

Die Schlacht um Bagdad ist zu Gunsten der Alliierten entschieden, eine Frage aber blieb offen: Wo ist Saddam Hussein? US-Experten wollen in den nächsten Tagen in Bunkern und Tunneln nach dem Diktator oder seinen Überresten fahnden - ohne zu wissen, wie sie Saddams Leiche überhaupt identifizieren sollen.


Saddam Hussein im irakischen Fernsehen: Wo ist der Diktator?
REUTERS

Saddam Hussein im irakischen Fernsehen: Wo ist der Diktator?

Washington - Die Amerikaner sind optimistisch, die Briten vorsichtig: Saddam könnte den Bombenangriff im Bagdader Stadtteil Mansur am Montag überlebt haben, räumte das Außenministerium in London ein. "Wir haben keine gesicherten Informationen, ob er tot oder lebendig ist", sagte ein Sprecher des Ministeriums.

US-Regierungsmitarbeiter sprachen dagegen von Hinweisen, dass der Diktator tot sei. Es gebe "solide Informationen" zahlreicher Quellen, dass Saddam Hussein das Gebäude betreten und vor dem Angriff nicht mehr verlassen habe. Am Montag hatte ein amerikanischer B-1-Bomber vier Bomben auf das Gebäude geworfen, in dem sich Saddam und seine beiden Söhne Kussei und Udai aufgehalten haben sollen.

Geheimdienstler: Saddam könnte entkommen sein

Die britische Zeitung "The Guardian" zitierte einen Geheimdienst-Mitarbeiter mit der Vermutung, dass Saddam wahrscheinlich während des Angriffs nicht in dem Gebäude gewesen sei. Die "Times" berief sich ebenfalls auf einen Geheimdienstler, der sagte, Saddam habe das Haus wahrscheinlich auf demselben Weg verlassen, wie er hinein gelangt sei: entweder durch einen Tunnel oder mit dem Auto.

Irak-Experten sind ebenfalls skeptisch, ob der Diktator bei dem Luftangriff getötet wurde. Nur Saddams engster Zirkel, so argumentieren sie, wisse stets darüber Bescheid, wo sich der Präsident aufhalte. Angesichts der massiven alliierten Truppenpräsenz in Bagdad und der ständigen Gefahr aus der Luft sei es unwahrscheinlich, dass der Diktator zum Abendessen in ein Restaurant fährt.

Luftangriff im Bagdader Stadtteil al-Mansur: Überreste Saddams unter den Trümmern?
AP

Luftangriff im Bagdader Stadtteil al-Mansur: Überreste Saddams unter den Trümmern?

Das Rätselraten um den Verbleib des Diktators konnte also weitergehen. Auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Berichten, ein schwer verwundeter Saddam sei zusammen mit seinem Sohn Udai nach Syrien geschmuggelt worden, sagte ein US-Regierungsbeamter: "Auf keinen Fall. Er hatte seine Chance, das Land zu verlassen, und er hat sie nicht genutzt."

Russische Diplomaten dementierten Berichte, nach denen sich Saddam Hussein in die russische Botschaft in Bagdad geflüchtet habe. "Das ist kompletter Unsinn", sagte ein Mitarbeiter des Außenministeriums in Moskau der Agentur Interfax. Der irakische Uno-Botschafter in New York betonte am Mittwoch, Saddam Hussein sei noch am Leben. In einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender al-Arabija sagte Mohammed al-Duri, Saddam Hussein sei nicht getötet worden. Er räumte aber ein, er selbst habe keinen direkten Kontakt mehr zur irakischen Regierung.

Unterirdische Suche nach Saddams Leiche

US-Experten werden nach eigenen Angaben in den nächsten Tagen in den Bunkern und Tunneln unter Bagdad nach Spuren Saddams und seiner engsten Mitarbeiter suchen. Ihnen könnte eine langwierige Aufgabe bevorstehen, denn in den vergangenen 20 Jahren hat der irakische Präsident nach Angaben von Überläufern und Flüchtlingen ein weit verzweigtes System von Zufluchtsorten und Fluchtwegen unter der Erde bauen lassen. Sie sollen so großzügig angelegt sein, dass dort auch Autos fahren können.

Hussein Scharistani, der ehemalige Leiter des irakischen Atomprogramms, sagte kürzlich im US-Fernsehen, Saddam verfüge über ein Tunnelnetz von insgesamt mehr als 100 Kilometern Länge. Über die Anlagen sei in den USA wenig bekannt. "Das alles ist von einem Schleier des Geheimnisses umhüllt."

Bauleiter eines Bunkers in der Nähe von Saddams Palast der Republik am Tigris war der deutsche Wolfgang Wendler. Der "Los Angeles Times" erklärte er, der Bunker bestehe aus 14 Räumen, die durch Stahlbeton geschützt seien. Die Wände seien eineinhalb, die Decke zwei Meter dick, um auch großen Bomben und chemischen Attacken zu widerstehen.

Keine Haare und kein Speichel

In den USA wird derweil darüber spekuliert, wie die Leiche Saddams identifiziert werden könnte, sollte sie je gefunden werden. Im US-Fernsehen kamen zahlreiche Fachleute zu Wort. Die einen meinten, man könne versuchen, "an zahnärztliche Unterlagen heranzukommen", um sie mit Zähnen in den Trümmern des Restaurants zu vergleichen. Andere schlugen vor, mit Hilfe der Biometrik aufgefundene Körperteile anhand von Fotos Saddam Hussein zuzuordnen.

Am sichersten wäre natürlich ein Gentest, doch dafür wäre Vergleichmaterial notwendig. Allerdings besitze sie weder ein Haar noch eine benutzte Zahnbürste Saddams, räumte die US-Regierung ein - von einer Blut- oder Speichelprobe ganz zu schweigen. Der Vergleich mit DNS-Proben von engen Verwandten könnte lediglich Hinweise auf die Familienzugehörigkeit geben. Aber auch hier gilt es als wenig wahrscheinlich, dass die US-Regierung über derartiges Material verfügt. "Das war bisher nicht unsere Priorität", sagte ein Regierungsbeamter.

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