Fall Aschtiani Peitschenhiebe für das falsche Foto

Sakine Mohammadi Aschtiani ist in Iran wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt. Nun soll sie zudem ausgepeitscht werden, weil die britische "Times" ein Foto von ihr veröffentlicht hat, das sie unverhüllt zeigt. Das Problem: Auf dem Bild ist eine andere Frau zu sehen.
Sakine Mohammadi Aschtiani: Inzwischen hat sich auch der Vatikan eingeschaltet

Sakine Mohammadi Aschtiani: Inzwischen hat sich auch der Vatikan eingeschaltet

Foto: AFP/ Amnesty International

Hamburg - Die Regierung in Teheran hat mehrfach klargestellt: Sakine Mohammadi Aschtiani bleibt in Haft. Wegen Ehebruchs wurde sie 2006 zum Tod durch Steinigung verurteilt, seither gibt es weltweit Proteste gegen das Strafmaß. Der Chef der iranischen Justizbehörden setzte die Steinigung daraufhin Mitte dieses Jahres vorerst aus, das Todesurteil blieb aber bestehen.

Nun hat sich Aschtianis Situation nach Berichten von BBC und "Guardian" erneut verschärft: Wegen "Anstiftung zur Korruption und Unanständigkeit" soll die 43-Jährige im Gefängnis 99 Peitschenhiebe erhalten, weil sie angeblich dafür gesorgt haben soll, dass die britische Zeitung "Times" ein Bild von ihr veröffentlicht hat, das sie unverhüllt zeigt.

Tatsächlich aber zeigte das Foto, das am 28. August gedruckt wurde, Susan Hejrat - eine Aktivistin aus Iran, die in Schweden lebt. Sie hatte unlängst einen Artikel über Aschtiani auf einer Website veröffentlicht und war neben dem Text mit einem eigenen Foto abgebildet worden. So kam es offenbar zur Verwechslung.

"Times" veröffentlicht Richtigstellung

Die "Times" veröffentlichte eine Richtigstellung und entschuldigte sich für den Irrtum . Das Bild stamme von Mohammed Mostafai, Aschtianis Anwalt, der nach Oslo geflohen ist, erklärt die Zeitung. Dieser wiederum behauptete, er habe das Foto per Mail von Aschtianis Sohn Sadschad bekommen. Sadschad dagegen bestritt diese Aussage in einem offenen Brief.

Mostafai erklärte gegenüber der "Times", er hätte seine Mandantin unverschleiert vermutlich gar nicht erkannt. Er durfte sie nur ein einziges Mal im Gefängnis von Täbris besuchen. Aschtiani teilt sich dort seit vier Jahren eine Zelle mit 24 weiteren Frauen.

Sollte es tatsächlich stimmen, dass Aschtiani wegen der irrtümlichen Veröffentlichung zu Peitschenhieben verurteilt wurde, wäre das ein Indiz dafür, dass die Kampagne, die Aschtianis Familie und ihre Unterstützer angestoßen haben, Wirkung zeigt: Offensichtlich sieht sich die iranische Führung angesichts des öffentlichen Aufschreis unter Druck gesetzt.

Vatikan schaltet sich ein

Aschtianis Sohn Sadschad ruft die internationale Gemeinschaft weiter dazu auf, Druck auf Iran auszuüben. "Ich bitte Sie, lassen Sie nicht nach", sagte er in einem Interview mit der französischen Tageszeitung "Libération".

Inzwischen hat sich auch der Vatikan in die Causa Aschtiani eingeschaltet: In einer ersten Stellungnahme zu dem Fall erklärte er am Sonntag, die Steinigung sei eine besonders brutale Form der Todesstrafe. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi erklärte, die katholische Kirche lehne die Todesstrafe generell ab. Der Vatikan verfolge den Fall genau.

Lombardi deutete an, der Vatikan könnte mit diplomatischen Mitteln versuchen, die Vollstreckung des Urteils zu verhindern. Aschtianis Sohn sagte einer italienischen Nachrichtenagentur, er wolle den Papst bitten, sich für seine Mutter einzusetzen. Lombardi erklärte, eine solche Bitte sei noch nicht eingegangen.

Sakine Mohammadi Aschtiani erlebte eigenen Angaben zufolge in ihrer Ehe schlimmste Erniedrigungen und Gewalt - und suchte Trost bei einem anderen Mann. Ihr Ehemann schaltete heimlich die staatlichen Sittenwächter ein: So wurde Aschtiani bei einem Treffen mit ihrem Geliebten und einem weiteren Mann verhaftet.

Die Begegnung reichte für ein Verfahren wegen "rabete namaschru", verbotenen Umgangs. Für dieses "Verbrechen" erhielt Aschtiani bereits 99 Peitschenhiebe. Für den "Ehebruch" wurde sie zum Tod durch Steinigung verurteilt. Ihr Liebhaber bekam 40, der zweite Mann 20 Hiebe.

Dann starb Aschtianis Ehemann plötzlich. Die Polizei wurde misstrauisch, Aschtianis Kinder auch. Sie drängten auf eine Untersuchung des Todesfalls. Die grausame Wahrheit lautete: Aschtianis Geliebter tötete den Ehemann - mit Aschtianis Hilfe. Sie betäubte ihren Gatten, damit der Geliebte dem Bewusstlosen eine Giftspritze setzen konnte.

Statt der Todesstrafe durch den Strang, die bei Mord vorgesehen ist, wurde Aschtianis Liebhaber zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Aschtiani, obwohl nur der Beihilfe schuldig, sollte - sofern die Steinigung ausgesetzt wird - ebenso lange sitzen.

Aschtiani ist längst zur Ikone der "Stoppt die Steinigung"-Bewegung geworden. Ihr Fall geriet ins Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit, weil ihr Sohn ihr Passfoto an Menschenrechtsaktivisten aushändigte.

Es zeigt sie verhüllt.

jjc
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