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03. Mai 2005, 06:15 Uhr

Fall Calipari

Peinliche Panne mit vertraulichem US-Bericht

Von Dominik Baur

Die US-Armee hat eine ungeschwärzte Version ihres Untersuchungsberichts zu den Todesschüssen auf den italienischen Geheimagenten Calipari im Netz verfügbar gemacht. Jetzt ist sogar der Name des Todesschützen bekannt. Inzwischen hat Italien mit einem eigenen Bericht gekontert.

Einige Seiten aus der zensierten Fassung des US-Berichts: Interessante Details
AP

Einige Seiten aus der zensierten Fassung des US-Berichts: Interessante Details

Hamburg - Der amerikanische Untersuchungsbericht zu den tödlichen Schüssen auf einen italienischen Geheimdienstler im Irak verrät eine ganze Reihe Details, die das Pentagon wohl lieber für sich behalten hätte. Jetzt sind Name und Herkunft der US-Soldaten bekannt, die am Abend des 4. März, am Checkpoint 451 Dienst hatten. Jetzt weiß man, wer auf Nicola Calipari gefeuert hat, als der mit einem Kollegen und der aus Geiselhaft befreiten Journalistin Giuliana Sgrena auf dem Weg zum Flughafen war. Es war ein gewisser Mario Lozano aus New York.

Es geht aus dem Bericht zudem hervor, dass die Besatzung des Checkpoints erst knapp zwei Wochen vor dem Zwischenfall in den Irak gekommen war. Auch der Name eines Kontaktmannes des italienischen Geheimdienstes in Bagdad ist kein Geheimnis mehr - genauso wenig wie diverse Kommunikationspannen, die den Militärs bei der Organisation einer Überlandfahrt des US-Botschafters John Negroponte unterliefen. Wegen Negroponte waren die Sicherheitsmaßnahmen an diesem Abend erhöht und die Nerven der US-Soldaten wohl besonders angespannt.

Bei der Veröffentlichung des - zu großen Teilen geschwärzten - Berichts, waren offenbar keine Computer-Profis am Werk. Lud man das PDF-Dokument auf der Website der multinationalen Streitkräfte im Irak herunter und speicherte es etwa als Word-Datei ab oder kopierte es in ein anderes Dokument, werden plötzlich alle zensierten Stellen wieder lesbar. Etwa auch eine Passage, in der die Amerikaner Überlegungen anstellen, wie künftig die Kontrolle an den Checkpoints verbessert werden können, zum Beispiel durch Einsatz "nicht-tödlicher" Maßnahmen, um Fahrzeuge anzuhalten. Bisher wurde nach Anrufung immer scharf geschossen.

Die italienischen Tageszeitungen "la Republicca" und "Corriere della Sera" bieten beide Versionen des Berichts zum Herunterladen an ("Repubblica": http://www.repubblica.it/popup/servizi/2005/calipari/1.html; "Corriere": http://www.corriere.it/Primo_Piano/Cronache/ 2005/05_Maggio/01/pop_omissis.shtml). Die Homepage der US-dominierten multi-nationalen Streitkräfte hat den fehlerhaften Link mittlerweile von ihrer Seite genommen.

Solche Eingeständnisse von Mängeln bei der Kontrolle an den Checkpoints mag den erbosten Italienern zwar neue Munition in der Auseinandersetzung mit den USA liefern, allein an dem Ergebnis des US-Berichts ändert es wenig. "Ermittler der Armee haben empfohlen, wegen der Tötung des italienischen Geheimdienstagenten Nicola Calipari am 4. März keine disziplinarischen Maßnahmen gegen US-Soldaten zu ergreifen", heißt es in einem Pressestatement. Die Untersuchung habe zu dem Ergebnis geführt, dass der Tod des Italieners völlig unbeabsichtigt und nicht auf Fehler der Soldaten zurückzuführen sei. "Das war ein tragischer Unfall", wird der mit den Ermittlungen beauftragte Brigadegeneral Peter Vangjel zitiert.

Berlusconi will einen Schuldigen

Indirekt geben die Ermittler den Italienern Mitverantwortung an dem Unfall: So sei den Amerikanern die Fahrt des italienischen Wagens nicht angekündigt worden. Der Fahrer, Andrea Carpani, sei mit mindestens 80 Stundenkilometern auf den Checkpoint zugerast, heißt es in dem Bericht. Der Fernsehsender CBS spricht unter Berufung auf das Pentagonquellen sogar von 96 Stundenkilometern. Das Autofenster sei geöffnet gewesen, der Fahrer habe gleichzeitig telefoniert. Ein Warnlicht etwa 80 Meter vor dem Checkpoint sei von Carpani ignoriert worden. Wegen des Scheinwerferlichts habe US-Soldat Lozano auch nicht erkennen können, um was für ein Fahrzeug es sich gehandelt habe, und geschossen.

Ermittler bereiten ein Labor für die Untersuchung des Wagens der Italiener vor: Beweismittel beseitigt
DPA

Ermittler bereiten ein Labor für die Untersuchung des Wagens der Italiener vor: Beweismittel beseitigt

Der italienischen Seite genügt dieses Ergebnis jedoch nicht. Schließlich waren es ungewöhnlich deutliche Worte, mit der sich die Regierung jüngst gegen den amerikanischen Verbündeten gewandt hatte. Man wolle die Namen der Schuldigen, forderten Premier Silvio Berlusconi und sein Außenminister Gianfranco Fini unisono von den USA - die haben sie nun bekommen. Der Tod Caliparis müsse gesühnt werden. Der Ministerpräsident, dessen Umfragewerte nicht zuletzt wegen des Militärengagements im Irak schon seit längerem im Keller sind, lag damit voll im italienischen Mainstream. Denn die Wut ist groß im Land auf die Amerikaner, die den Landsmann nach der Befreiung Sgrenas erschossen haben.

Die Italiener haben sich deshalb jetzt von dem Untersuchungsergebnis der anfangs gemeinsamen Ermittlungskommission distanziert und einen eigenen Bericht vorgelegt. Darin widersprechen sie der US-Version in zentralen Punkten. So heißt es in dem Gegenbericht zum Beispiel, dass die US-Seite sehr wohl über die Befreiungsaktion informiert worden sei. Außerdem wird der US-Armee vorgeworfen, eilends Beweismittel beseitigt und damit eine gründliche Untersuchung unmöglich gemacht zu haben.

Die Darstellung, der Wagen sei sehr langsam gefahren und nicht vorgewarnt worden, stützt sich dabei lediglich auf die Aussage der beiden Insassen Sgrena und Carpani. Ob das Auto zu schnell fuhr, sei letztlich auch unbedeutend: "Die Frage scheint nicht relevant zu sein, da Zeichen für den Kontrollpunkt fehlten." Wahrscheinlich hätten "Unerfahrenheit und Stress" bei den Soldaten zu einer "instinktiven Reaktion" geführt. Es gebe jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass das US-Militär absichtlich auf den Wagen geschossen habe.

Berlusconi hat jetzt angekündigt, er werde ein klärendes Gespräch mit US-Präsident George W. Bush suchen. Ob das jedoch der Wahrheitsfindung oder den Umfragewerten des italienischen Premiers dient, darf bezweifelt werden. Der Druck auf Berlusconi, seine Truppen aus dem Land abzuziehen, dürfte sich jedoch erhöhen.

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