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Nahost: Drama um Gilad Schalit

Foto: Jim Hollander/ dpa

Fall Gilad Schalit Israel startet Gefangenenaustausch mit Palästinensern

Der letzte Akt im Drama um den entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit läuft: Jerusalem hat mit der Freilassung Hunderter Palästinenser begonnen. Im Gegenzug soll Schalit im Laufe des Tages ausgetauscht werden.

Tel Aviv - Der mit Spannung erwartete Gefangenenaustausch zwischen Israel und den Palästinensern hat am frühen Dienstagmorgen begonnen. Vom israelischen Keziot-Gefängnis in der Negev-Wüste wurden die ersten von insgesamt 477 palästinensischen Häftlingen in Bussen Richtung Grenzübergang Kerem Schalom zum Gaza-Streifen gefahren. Das berichteten israelische Medien. Wachpersonal aus Ägypten begleitet den Transport, Kairo hatte die Austauschvereinbarung vermittelt.

Die Häftlinge sollen im Laufe des Tages gegen den vor mehr als fünf Jahren in den Gaza-Streifen verschleppten israelischen Soldaten Gilad Schalit ausgetauscht werden. Schalit wird im Gegenzug vom Gaza-Streifen nach Ägypten und von dort nach Israel gebracht.

Der israelische Online-Dienst "Ynet" berichtete am frühen Dienstagmorgen, dass Schalit zunächst am Grenzübergang Rafah ankommen sollte. Dort werde er von ägyptischen Vermittlern in Empfang genommen und nach Sinai gebracht. Hier werde er der israelischen Armee übergeben, die ihn in die Heimat bringen sollte.

Sobald der 25-Jährige dort angekommen ist, werde Israel die 477 Ex-Häftlinge in den Gaza-Streifen, ins Westjordanland und nach Israel entlassen. Zwei Monate später soll eine zweite Gruppe von 550 Palästinensern freikommen. Der Vereinbarung über den Austausch war unter Vermittlung Ägyptens und Deutschlands zustande gekommen. Es ist die größte Aktion dieser Art zwischen Israelis und Palästinensern seit 26 Jahren.

Armee in Alarmbereitschaft

Die israelische Armee ist für die Dauer des Austauschs in Alarmbereitschaft versetzt worden. Seit der Nacht sind Einheiten unterwegs. Sie sollen sicherstellen, dass es keine Unterbrechungen des Transports der palästinensischen Gefangenen zu ihrer Freilassung gibt. Ein Sprecher sagte, die Armee sei auf alle Szenarien vorbereitet, auch auf die, dass Gegner des Deals versuchten, die Gefangenen-Konvois aufzuhalten. Auch könnten rechtsextreme Elemente in Israel eine so genannte "Preisschild"-Aktion planen. Mit diesen haben sich in der Vergangenheit vor allem extreme Siedler für aus ihrer Sicht inakzeptable israelische Politik an israelischen Arabern oder Palästinensern im Westjordanland gerächt. Oftmals wurden dabei Moscheen in Brand gesetzt.

Der Sprecher der Hamas, Sami Abu Zuhri, kommentierte den Beginn des Austausches am Dienstagmorgen mit blumigen Worten: "Wir warten während dieser frühen Stunden des Sonnenaufgangs auf unsere Gefangenen. Sie haben eine Verabredung mit dem Sonnenaufgang der Freiheit. Ihre Freilassung ist der Traum vieler Menschen, nun ist er wahr geworden". Abu Zuhri nannte den Handel einen "historisch einmaligen Moment". Das palästinensische Volk fahre nun die Ernte seines Kampfes ein.

Schalit soll nach seiner Rückkehr nach Israel zunächst auf dem Truppenstützpunkt Amitai an der Grenze zu Ägypten medizinisch untersucht werden. Dort soll ihm israelischen Medien zu Folge auch sein altes Handy überreicht werden, so dass er seine Mutter anrufen kann. Nach der ersten Untersuchung wird der Heimkehrer per Helikopter zum Luftwaffenstützpunkt Tel Nof nahe Tel Aviv geflogen werden. Abgeschottet von den Medien wird er dort nach fast fünfeinhalb Jahren erstmals auf seine Eltern treffen. Auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak wollen ihn begrüßen.

Die Armee hat bereits in den vergangenen Tagen versucht, das enorme Medieninteresse an der Heimkehr Schalits in geordnete Bahnen zu lenken. Außerhalb des Luftwaffenstützpunkts Tel Nof wurde dazu ein Pressezentrum eingerichtet.

Mitzpe Hila, der Heimatort der Schalits im Norden Israels, ist seit Tagen hermetisch abgeriegelt, Journalisten und Schaulustige werden Kilometer vor der Einfahrt in das Dorf nahe der libanesischen Grenze gestoppt. Um die Privatsphäre von Schalit und seiner Familie zu schützen, hat die israelische Armee eine Abmachung mit den Medien getroffen: Danach wird zehn Tage lang kein Reporter oder Fernsehteam versuchen, sich den Schalits zu nähern.

Israel zahlt für Schalits Heimkehr einen hohen politischen Preis: Der Tageszeitung "Maariv" zufolge sind die in der ersten Phase des Deals freigelassenen 477 palästinensischen Gefangenen für den gewaltsamen Tod von insgesamt 569 Israelis verantwortlich. Trotzdem unterstützt die breite Mehrheit der Israelis den Austausch. Eine im Auftrag der Zeitung "Yedioth Ahronoth" am Wochenende durchgeführte Umfrage ergab, dass 79 Prozent der Israelis den Handel mit der Hamas befürworten. Nur 14 Prozent lehnten ihn danach ab. Genau 50 Prozent der Befragten gaben an, dass sie fürchten, dass die Freilassung von Militanten die Sicherheit israelischer Bürger gefährden würde. 49 Prozent sagten, sie hegten keine solchen Ängste sondern vertrauten darauf, dass die zuständigen Behörden ihre Sicherheit garantierten.

Schalit war 2006 im Grenzgebiet zum Gaza-Streifen mit seiner Panzerbesatzung in einen Hinterhalt der Hamas geraten und gefangengenommen worden. Zwei seiner Kameraden wurden getötet. Israel nahm den Zwischenfall zum Anlass für eine massive Militäraktion gegen den Gaza-Streifen. Außerdem verschärfte das Land die Blockade des von der Hamas beherrschten Küstengebiets.

puz/suc/dpa/Reuters/dapd
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