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26. September 2018, 19:17 Uhr

Bellingcat-Recherche

Verdächtiger im Skripal-Fall angeblich identifiziert

Die Recherchegruppe Bellingcat will einen der beiden Verdächtigen im Fall des vergifteten Ex-Doppelagenten Skripal identifiziert haben. Demnach handelt es sich um einen GRU-Geheimagenten.

Er trat im Fernsehen als "Ruslan Boshirow" auf - nun will die Recherchegruppe Bellingcat die wahre Identität eines der Verdächtigen im Fall Skripal herausgefunden haben. Demnach handelt es sich bei "Boshirow" um Oberst Anatoliy Chepiga, einen GRU-Geheimdienstagenten. Chepiga soll mit der höchsten Ehrung des Landes ausgezeichnet sein, dem "Helden Russlands", der für gewöhnlich vom Präsidenten persönlich übergeben wird. Mehrere anonyme Quellen hätten die Identität bestätigt.

Der Recherche von Bellingcat zufolge, die auf der Website detailliert skizziert wird, wurde Chepiga am 5. Mai 1979 in Russland nahe der chinesischen Grenze geboren. Mit 18 Jahren sei er auf eine Militärschule gewechselt. Diese gelte als Eliteschule für Marinesoldaten. 2001 habe Chepiga die Ausbildung dort mit Auszeichnung abgeschlossen. Sein Alter Ego "Ruslan Boshirow" soll er zwischen 2003 und 2010 bekommen haben. Unter dem Namen sei er nach Moskau versetzt worden.

Der offiziellen Version zufolge handelt es sich bei "Boshirow" lediglich um einen Zivilisten, der zusammen mit dem mutmaßlichen zweiten Täter in Salisbury "die berühmte Kathedrale" besichtigen wollte. In dem im kremlnahen Sender RT ausgestrahlten Interview berichteten die beiden, sie seien zufällig kurz vor dem Skripal-Attentat im März als Urlauber nach Großbritannien geflogen. Sie seien die Männer, die auf den von der britischen Polizei veröffentlichten Fahndungsfotos zu sehen seien. Der zweite Mann soll "Alexander Petrow" heißen.

Die britischen Behörden gehen hingegen davon aus, dass es sich um Aliasnamen handelt und die Männer Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes sind. Dies bestritten sie in dem 25-minütigen Interview.

Moskau bestreitet die Vorgänge

Sergej und Julija Skripal waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie mussten wochenlang intensiv behandelt werden und entkamen nur knapp dem Tod. London macht den Kreml für das Attentat verantwortlich. Moskau bestreitet die Vorwürfe. Der Fall löste eine schwere diplomatische Krise aus.

Die britischen Ermittler gehen davon aus, dass das Nervengift auf die Türklinke der Skripals gesprüht wurde. Bilder aus Überwachungskameras zeigen die Verdächtigen am Tag des Anschlags in unmittelbarer Nähe von Skripals Haus.

Sergej Skripal hatte früher für den russischen Militärgeheimdienst GRU gearbeitet und dem britischen MI6 Informationen weitergeleitet. 2004 flog er auf. Er wurde in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Bei einem Gefangenenaustausch kam er 2010 nach Großbritannien.

vks

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