Fall Strauss-Kahn Anatomie eines Absturzes

Erst vorverurteilt, dann rehabilitiert, jetzt erneut in Ungnade gefallen: Die enorme Dynamik im Fall Dominique Strauss-Kahn hält ganz Frankreich in Atem. Kaum ein anderes Thema bestimmt die Agenda im Land derart wie diese Polit-Soap mit immer neuen Staffeln.

REUTERS

Von , Paris


Die Wandlung des mächtigen Franzosen Dominique Strauss-Kahn in der öffentlichen Wahrnehmung ist beachtlich: erst Testosteron-Triebtäter, dann Opfer politischer Intrigen - und jetzt wieder kriminelles Macho-Monster. Diese Polit-Soap hat in Frankreich beliebten Serien wie "Plus belle la vie" längst den Rang abgelaufen. Die immer neuen Verwicklungen in der Affäre Dominique Strauss-Kahn (kurz: DSK) bieten auch sechs Wochen nach dem Start des Dauerdramas Gelegenheit für strategische Planspiele und psychologische Deutungsversuche.

Und kaum ein anderes Thema dominiert derzeit die politischen Debatten so stark wie der Fall des ehemaligen Chefs des Weltwährungsfonds (IWF). Es blühen die Verschwörungstheorien; parlamentarische Hinterbänkler nutzen die Aufregung, um sich kurz vor den Ferien wichtig zu machen; der Wahlkalender der Sozialisten steht in Frage, und schließlich füllt das Ganze das Sommerloch.

Griechenland? Euro-Krise? Ach was. Umbruch in Nordafrika? Aufstand in Syrien? Kein Thema in Frankreich. Da gibt es allenfalls noch eine Kontroverse um die Neuordnung von Renten und Ferienzeiten, aber das kann die Urlaubsnation schon nicht mehr richtig aus der verdienten Ruhe scheuchen. Nein, einzig die immer neuen DSK-Wendungen bieten anregenden Gesprächsstoff, ein bisschen schlüpfrig ist das Thema schließlich auch.

Das Plot der Polit-Soap ist kompliziert, die Mitwirkenden kaum noch übersehbar:

  • In der Hauptrolle DSK, der ehemalige Direktor der wichtigsten internationalen Finanzorganisation, angeblicher Vergewaltiger, der in der New Yorker Hotelsuite 2806 des Sofitel ein Zimmermädchen überfallen haben soll.
  • Die Frau, Nafissatou Diallo, bei ihrem Arbeitgeber als Ophélia bekannt, galt als alleinerziehende Mutter, vorbildliche Angestellte, ruhige Nachbarin.
  • In den Nebenrollen: ein ambitionierter New Yorker Ankläger, eine resolute Richterin, zudem mögliche Strippenzieher zwischen Hotelkonzern und Élysée
  • Im Publikum: die sozialistische Partei Frankreichs, hilfloser Zuschauer

Hinzu kommt die neuste Wendung: Während in den USA die Justiz auf Abwicklung der Affäre setzt, erhebt in Frankreich eine junge Frau Anklage gegen DSK wegen Vergewaltigung. Dieser Fall liegt acht Jahre zurück.

Was bisher geschah: DSK vergreift sich in seiner Suite offenbar an dem Zimmermädchen. Wie, weiß niemand - sicher ist nur, dass es zwischen den beiden Protagonisten zu "sexuellen Handlungen" kam. Diallo macht sich dann an die Reinigung der nächsten Suite, bevor sie - etwa eine Stunde später - der Hotelleitung des Hotels ihre Version der Geschichte erzählt. Ihre Chefs informieren die New Yorker Polizei und wenig später, Ortszeit weit nach Mitternacht, erreicht die Nachricht auch den Élysée in Paris. Strauss-Kahn gerät ins Räderwerk der "Special Victims Unit", Handschellen, Knast, erste Befragung, Kaution, Fußfessel und eine mediale Vorverurteilung.

In der ersten Staffel der Polit-Soap also schienen die Rollen klar verteilt: auf der einen Seite der mächtige Macho, der zwischen New York und Paris hin- und herjettet, ein angehender Präsidentschaftskandidat - auf der anderen Seite das schwarze Opfer; hier der grabschende Frenchie - dort die fromme, unbescholtene Muslimin, Immigrantin aus der Dritten Welt.

Die zweite Staffel überrascht mit einer Kehrtwende: Ausgerechnet die New Yorker Staatsanwaltschaft macht einen Rückzieher und meldet "Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin" an.

Ist das Ganze also nur eine Falle, eine Verschwörung, ein Komplott gegen DSK? Immerhin gibt es persönliche Verbindungen zwischen dem Sicherheitschef der Hotelkette und Spitzen des französischen Geheimdienstes. Und gab es da nicht verblüffend schnelle Informationsströme zwischen Konzern und Pariser Regierung? Und woher kam die Twitter-Nachricht eines jungen Konservativen noch in der Nacht von DSKs Verhaftung?

Doch egal, im Lager DSK überwiegt die Erleichterung. Die Auflagen für den Beschuldigten werden drastisch gelockert, in Paris feiern die Sozialisten die Entlastung ihres Parteifreundes, und schon werden Stimmen laut, wie man den eben noch desavouierten Präsidentschaftskandidaten - am engen Wahlkampfkalender vorbei - für das Rennen um den Élysée in Stellung bringen könnte: Eigentlich endet am 13. Juli die Bewerbungsfrist.

Der ganze Plan gerät durcheinander. Immerhin ist eine Mehrheit der Genossen für eine Teilnahme DSKs an den Vorwahlen. Die PS-Konkurrenten mühen sich daher verschwurbelte Sympathieerklärungen ab, zugleich ist ihr Zähneknirschen über den womöglichen Mitbewerber unüberhörbar. Parteichefin Martine Aubry, die gerade ihren Anspruch auf die Kandidatur erhoben hat, gerät in die Bredouille; das Politschwergewicht Strauss-Kahn gilt nämlich immer noch als aussichtsreichster Herausforderer des amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Doch dann folgt die dritte Staffel - und wieder ist alles anders. Auftritt: Tristane Banon, 32. Die Schriftstellerin, "langer Hals, schüchternes Lächeln, locker fallende Haarsträhnen" (so die Zeitung "Libération"), hat bei der Recherche für ein Buch mit dem Titel "Eingestandene Fehler" im Februar 2003 auch Dominique Strauss-Kahn getroffen - sie war die Patentochter von DSKs zweiter Frau. Bei dem Interview fiel der Politiker, behauptet Banon, "wie ein geiler Schimpanse" über sie her. Ihre Mutter, selbst Parteikader, habe ihr damals von einer Klage abgeraten.

Banon erzählt vier Jahre später von dem Vorfall in einer Fernsehshow, nennt Umstände und Details sowie den Namen des Angreifers - bei der Ausstrahlung wird der Name DSKs jedoch gelöscht, bleibt der Nachwelt aber via Internet-Video erhalten. Nach der Festnahme von Strauss-Kahn in New York kommt die Geschichte wieder hoch, Banon erwägt eine Klage - die sie nun eingereicht hat. "Mitanzusehen wie Strauss-Kahn, gerade freigelassen, mit Freunden in einem Luxusrestaurant diniert, das macht mich krank", sagte sie dem Magazin "L'Express" über ihre Motivation, nun doch noch wegen versuchter Vergewaltigung vor Gericht zu ziehen.

Falle? Komplott? Verschwörung? Der termingerecht eingefädelte Vorgang lässt Raum für Vermutungen. Der Anwalt Banons wehrt sich gegen jede Unterstellung, der Vorgang sei mit Dritten abgesprochen. Und das Publikum darf erwartungsvoll der vierten Staffel der Erfolgsserie um DSK entgegensehen.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
n+1 06.07.2011
1. Kopf hoch, DSK!
Zitat von sysopErst*vorverurteilt, dann rehabilitiert, jetzt*erneut in Ungnade gefallen:*Die*enorme Dynamik im*Fall Dominique Strauss-Kahn*hält*ganz Frankreich in Atem. Kaum ein anderes Thema bestimmt die Agenda im Land derart wie*diese Polit-Soap*mit immer neuen Staffeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772735,00.html
Wenn es mit der Politik nichts mehr wird, dann kann er ja immer noch Kartenabreißer im Porno-Kino werden. Vorteil: Krisenfest und immer direkt am Thema dran. Es kommen auch keine Frauen, die ihn in Versuchung führen könnten.
candide08 06.07.2011
2. Hat Amerika es besser?
Ist es eigentlich üblich, das bereits die Ermittler in einem Rechtstaat so öffentlich die Glaubwürdigkeit einer verletzten Zeugin erörtern? Dürfen sie dabei auch diskreditierende Tatsachen anführen, die zeitlich und sachlich in keinem Zusammenhang mit der Tat stehen? Auch einvernehmlicher Sex mit einem (untergeordneten) Zimmermädchen ist kein "Kavaliersdelikt" für eine Persönlichkeit wie DSK. Und sagte das Zimmermädchen ihm nicht, sie habe Angst ihren Job zu verlieren?
kyon 06.07.2011
3. Urteil des Volkes
Zitat von sysopErst*vorverurteilt, dann rehabilitiert, jetzt*erneut in Ungnade gefallen:*Die*enorme Dynamik im*Fall Dominique Strauss-Kahn*hält*ganz Frankreich in Atem. Kaum ein anderes Thema bestimmt die Agenda im Land derart wie*diese Polit-Soap*mit immer neuen Staffeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772735,00.html
Herr Strauss-Kahn sollte nach seiner Freilassung nach Frankreich zurückkehren und in aller Öffentlichkeit seine "einvernehmliche" Sexhandlung mit der Hotelangestellten darstellen und sich dann dem Urteil des französischen Volkes stellen.
stesch 06.07.2011
4. Simple Rechtsstaatlichkeit
Zitat von candide08Ist es eigentlich üblich, das bereits die Ermittler in einem Rechtstaat so öffentlich die Glaubwürdigkeit einer verletzten Zeugin erörtern? Dürfen sie dabei auch diskreditierende Tatsachen anführen, die zeitlich und sachlich in keinem Zusammenhang mit der Tat stehen? Auch einvernehmlicher Sex mit einem (untergeordneten) Zimmermädchen ist kein "Kavaliersdelikt" für eine Persönlichkeit wie DSK. Und sagte das Zimmermädchen ihm nicht, sie habe Angst ihren Job zu verlieren?
Es geht auch hier nicht darum, ob DSK charmanter Verführer oder plumper Abgreifer ist. Der Vorwurf lautete Vergewaltigung. Wenn Indizien das stark in Zweifel ziehen, dann muß DSK wie jeder andere auch freigelassen werden. Was denn sonst?? Spekulationen über die Glaubwürdigkeit der "verletzten Zeugin" sind ebenso zulässig oder unzulässig wie Erörterungen über das Vorleben DSK.
mirrorcola 06.07.2011
5. "der vierten Staffel der Erfolgsserie um DSK "
Vor dem Hintergrund, dass hier ein Schwerstverbrechen oder schwerste Verleumdung u. mittelbare langjährige Freiheitsberaubung im Raum steht, eine höchst geschmack- und taktlose Formulierung. Ein Vergleich mit Unterhaltungsserien sollte die Ernsthaftigkeit der Angelegenheit verbieten.
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