Fall Strauss-Kahn Europas Hoffnung heißt Lagarde

Dominique Strauss-Kahn sitzt in U-Haft, seine Tage an der IWF-Spitze scheinen gezählt. Vor allem für die krisengeplagten Europäer könnte der Abgang des Franzosen zum Problem werden. Ihnen droht der Verlust von Einfluss beim mächtigen Währungsfonds. Sie brauchen eine Alternative.
Lagarde, Strauss-Kahn (Archivbild): "Old Europe" fürchtet den Machtverlust

Lagarde, Strauss-Kahn (Archivbild): "Old Europe" fürchtet den Machtverlust

Foto: ERIC PIERMONT/ AFP

Der französische Beamte in Washington war nicht völlig erstaunt, als er vom Skandal um Dominique Strauss-Kahn erfuhr. Mit dem Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) hatte er oft zu tun gehabt, ständig hörte der Beamte Geschichten über dessen ausgeprägtes Interesse an Frauen. Doch die Vergewaltigungsvorwürfe kann auch er nicht fassen, der Schock sitzt tief: "Es ist jetzt leider zu spät für eine Therapie für Strauss-Kahn", sagt der Franzose.

Es klingt fast, als wolle er über die ganze Sache scherzen. Aber der Mann meint es sehr ernst. Denn die Franzosen in der US-Hauptstadt sehen sich nach dem Skandal um ihren Landsmann kollektiv am Pranger. Schließlich schreiben amerikanische Boulevardzeitungen von "Le Perv" - und wärmen genüsslich Klischees von den lockeren Moralvorstellungen der Franzosen auf.

Strauss-Kahn soll am Samstag ein Zimmermädchen in einem New Yorker Hotel überfallen und bedrängt haben. Nun ist der Franzose wegen sechs verschiedener Straftaten angeklagt: Die schwerwiegendste ist sexueller Missbrauch in einem besonders schweren Fall. Dafür drohen ihm bis zu 25 Jahre Haft. Derzeit sitzt Strauss-Kahn in Untersuchungshaft auf der Gefängnisinsel Rikers Island.

Mittlerweile mehren sich die Forderungen nach seinem vorzeitigen Rückzug. Bereits am Dienstag gab es entsprechende Äußerungen aus der EU. Später erklärte auch US-Finanzminister Timothy Geithner, Strauss-Kahn sei derzeit offensichtlich nicht in der Lage, den IWF zu leiten.

Europäer bangen um ihren Einfluss

Es wäre der Absturz eines Vorzeigebankers an der Spitze der wohl wichtigsten globalen Finanzorganisation. Doch im Fall Strauss-Kahn geht es längst nicht mehr nur um seine Person und um das Leiden des mutmaßlichen Opfers. Es geht auch um Europa - und dessen künftigen Einfluss im IWF und auf die weltweite Finanzpolitik.

Der Fonds ist eine internationale Organisation mit europäischen Wurzeln. Seit 1946 steht an ihrer Spitze traditionell ein Europäer, drei der letzten fünf Direktoren kamen gar aus Frankreich.

Die Europäer sind stolz auf diese Tradition. Sie verstehen sie auch als Beleg dafür, dass Vertreter aus "Old Europe" auf den internationalen Finanzmärkten ebenso einflussreich agieren können wie nüchterne Washingtoner Zahlentypen. Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank Fed, oder Weltbankpräsident Robert Zoellick sind die typischen Vertreter dieser amerikanischen Gruppe. Sie trinken Diet Coke und laufen nicht Zimmermädchen hinterher, sondern Marathon.

Der Europäer Strauss-Kahn hingegen trug als IWF-Chef teure Anzüge und ließ sich im Porsche fotografieren. Doch er war ein Lebemann mit Hang zur Effizienz. Unter seiner Führung avancierte der Fonds während des globalen Bankenbebens und der anschließenden Wirtschafts- und Schuldenmisere zur neuen "Geldregierung". Mit einem Etat von bis zu 900 Milliarden Dollar trug die Organisation weltweit zur Linderung von Krisen bei.

Strauss-Kahns europäischer Habitus und sein französischer Akzent halfen nach Ansicht vieler Experten sogar beim Kampf gegen die Turbulenzen, gerade wenn die Patienten stolze Länder mit langer Geschichte waren, wie etwa Griechenland.

Macho-Kultur beim IWF

Nun aber sind all diese Erfolge überschattet von den schmutzigen Details der Vergewaltigungsvorwürfe gegen Strauss-Kahn - und Europa muss um seinen Einfluss bangen. Jacob Kirkegaard, IWF-Experte am Peterson Institute for International Economics in Washington, sagt: "Die Debatten um unterschiedliche Moralvorstellungen und kulturelle Differenzen schwingen bei der Nachfolgediskussion durchaus mit."

Das Magazin "Time" schreibt bereits vom "ernsthaften Glaubwürdigkeitsproblem" des Währungsfonds. "Dass Strauss-Kahn seine politische Karriere vielleicht für ein Zimmermädchen weggeworfen hat, weckt nicht viel Vertrauen in seine Urteilskraft. "Möchten Sie lieber, dass Ben Bernanke oder dass Strauss-Kahn Entscheidungen trifft, die das globale Währungssystem betreffen?", fragt das Blatt. Die Antwort dürfte klar sein.

Die erzkonservative "New York Post" fragt, wie ein "Spinner" wie Strauss-Kahn derart viel Einfluss auf die gewaltigen Mittel des IWF gehabt haben könne. Und die "Washington Post" wundert sich: "Hat der Fonds in der Vergangenheit Belästigungsvorwürfen genug Beachtung geschenkt?"

Hintergrund: Eine ungarische IWF-Ökonomin, mit der Strauss-Kahn 2008 eine kurze Affäre unterhielt, hatte sich über dessen Einschüchterungen beklagt. Ständig habe er sie angerufen und ihr das Gefühl vermittelt, einem so mächtigen Vorgesetzten nicht nein sagen zu können. Ein solcher Mann solle keine Einrichtung mit Frauen als Untergebenen führen, gab sie im Rahmen einer internen IWF-Untersuchung zu Protokoll.

Strauss-Kahn kam damals mit einem blauen Auge davon. An der Macho-Kultur beim Währungsfonds, über die schon vorher Mitarbeiter berichteten, änderte sich offenbar wenig.

Europa in der Defensive

All das schwächt jetzt Europas Rolle in der Nachfolgedebatte - gerade weil seine Vertreter beim IWF so lange das Sagen hatten. Schon seit geraumer Zeit wird darüber debattiert, ob die europäische Vorrangstellung im Fonds fallen solle, um aufstrebenden Nationen vor allem aus Asien und Südamerika mehr Einfluss zu geben. Der Fall Strauss-Kahn dürfte diese Diskussion befeuern. Schon melden sich die Chinesen zu Wort. Die Auswahl der Führungsspitze des Internationalen Währungsfonds solle auf der Basis von "Fairness, Transparenz und Leistung" erfolgen, sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Jiang Yu, am Dienstag in Peking.

Noch versuchen die Europäer ihren Einfluss zu retten, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie betonte, gerade in Zeiten der Euro-Krise mache ein Europäer an der Spitze Sinn, zumal der IWF sich mit Milliardenhilfen an den Rettungspaketen für Griechenland, Irland und Portugal beteiligt. "Wir wissen, dass auf mittlere Zeiträume sicherlich die Schwellenländer auch Anspruch haben - sowohl auf den Posten des IWF-Chefs als auch auf den Posten des Weltbank-Chefs", sagte Merkel. Es gebe in der jetzigen Phase aber gute Gründe, dass Europa auch gute Kandidaten zur Verfügung habe.

Längst kursieren auch deutsche Kandidaten für den IWF-Spitzenposten, von Ex-Bundesbankchef Axel Weber über den ehemaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück bis zu Thomas Mirow, derzeit Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

Ernsthafte Chancen hat wohl keiner der Genannten. Steinbrück ist ein SPD-Mann und liebäugelt außerdem mit der Kanzlerschaft. Weber ist diskreditiert durch seinen Rückzieher bei der Besetzung der Europäischen Zentralbank. Mirow gilt eher als Beamter denn Politiker.

"Es ist verständlich, dass Merkel versucht, ihre Kandidaten durchzusetzen, weil ihr das in der Vergangenheit in internationalen Organisationen selten gelang", sagt Experte Kirkegaard. Doch die erwähnten Namen könnten nicht überzeugen. Außerdem sei das Argument der Kanzlerin, Europa brauche unbedingt einen Europäer an der IWF-Spitze, zu leicht zu durchschauen.

Geschacher um den nächsten IWF-Chef

Also wäre Platz für neue Kandidaten aus den aufstrebenden Nationen. Doch auch da gibt es Probleme. "Es ist fraglich, ob andere Weltregionen sich schnell auf einen Kandidaten einigen können, der breite Unterstützung genießt", schränkt Kirkegaard ein. Für einen chinesischen Kandidaten etwa sei es wohl zu früh, auch wegen der Debatten um die unterbewertete Währung der Volksrepublik.

Außerdem könnten die Europäer noch alle Konkurrenten austricksen. Etwa indem sie den größten IWF-Anteilseigner USA auf ihre Seite ziehen, der selbst seinen Vizeposten verteidigen will. Das wohl beste Mittel dafür: die Nominierung einer europäischen Kandidatin, die als Frau den Gegenentwurf zum vermeintlichen Schurken Strauss-Kahn verkörpert.

In Betracht dafür kommt nach Einschätzung vieler Experten derzeit nur eine Kandidatin: Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde. Gegen sie läuft zwar ein Ermittlungsverfahren wegen eines Skandals um die französische Großbank Crédit Lyonnais. Auch stammt Lagarde aus Frankreich, das schon so viele IWF-Direktoren gestellt hat, darunter auch Strauss-Kahn.

Doch Jacob Kirkegaard sagt, die Ministerin sei nicht nur eine sehr durchsetzungsstarke Politikerin. "Lagarde brächte auch die allerwichtigste Voraussetzung mit - sicherzustellen, dass nicht noch einmal ein europäischer Mann an der Spitze des IWF in einen Sex-Skandal verstrickt ist."

Mit Material von Reuters und dpa
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