Falludscha Armee befürchtet Flucht der Rebellen

Die US-Truppen sind ins Zentrum Falludschas vorgerückt und liefern sich einen Häuserkampf mit den Rebellen. Doch auch eine vollständige Einnahme der Stadt würde noch nicht den Sieg über die Terroristen um Abu Mussab al-Sarkawi bedeuten. Die USA vermuten, dass der Rebellenführer die Stadt schon vor dem Angriff verlassen hat.

Falludscha - Die von den USA angeführten Truppen im Irak sind trotz heftiger Gegenwehr heute bis ins Zentrum der von den Rebellen kontrollierten Stadt Falludscha vorgedrungen. Dies verlautete aus US-Militärkreisen, ohne dass zunächst Einzelheiten darüber bekannt wurden.

Bei der Offensive in Falludscha kamen nach Angaben des Pentagon bisher zehn US-Soldaten ums Leben. Der Nachrichtensender CNN zitierte am Nachmittag zudem einen Kommandeur der US-Truppen mit den Worten, bis jetzt sei der Widerstand der Aufständischen in Falludscha schwächer gewesen als erwartet. Dadurch habe sich die Opferzahl auf amerikanischer Seite bisher in Grenzen gehalten, sagte Oberstleutnant Pete Newell von der 1. Infanteriedivision. Die Zahl der getöteten Aufständischen schätzte er auf 85 bis 90.

Doch die Zuversicht der Amerikaner ist nicht ungetrübt. Am stärksten ist die Befürchtung, dass sich viele der Rebellen unter die Zivilbevölkerung mischen, verschwinden und später an anderen Orten wieder auftauchen könnten. "Operation gelungen - Feind entwischt", so zitiert dpa einen Geheimdienstbeamten, das sei ein Szenario, das "uns die Schweißperlen auf die Stirn treibt". In einer Video-Pressekonferenz aus dem Irak sagte der hochrangige US-Armeevertreter Thomas Metz, man könne mit Fug und Recht davon ausgehen, dass Sarkawi sich aus der Stadt abgesetzt habe. Gemeinsam mit anderen führenden Leuten aus dem sunnitischen Widerstand sei er bereits vor der US-Offensive geflohen. Er habe die überlegene Feuerkraft der US-Verbände im Vorfeld realistisch eingeschätzt.

Aufständische versuchten auch schon, die Verteidiger Falludschas durch Anschläge und Überfälle in anderen Landesteilen zu entlasten: Bei Angriffen auf drei Polizeiwachen in Bakuba wurden nach Angaben eines Leichenschauhauses mindestens 45 Menschen getötet und zahlreiche weitere verwundet. Dazu bekannten sich Anhänger des muslimischen Extremisten Sarkawi. In Kirkuk explodierte eine Autobombe an einem Stützpunkt der Nationalgarde und tötete nach Angaben des Kommandeurs drei Menschen. Auch in Bagdad, wo eine nächtliche Ausgangssperre verhängt wurde, waren Explosionen zu hören. Südlich der Hauptstadt tötete eine Bombe einen britischen Soldaten.

Nicht ein einziger Chirurg ist in der Stadt"

Der Kommandeur einer US-Panzerkompanie berichtete von erbitterter Gegenwehr der Rebellen im nördlichen Stadtbezirk Dscholan. "Sie kämpfen hart, und ich habe viele von ihnen auf den Straßen gesehen", sagte Hauptmann Robert Bodisch. Der Widerstand soll jedoch weniger stark sein, als von den US-Militärs erwartet. In Dscholan war mit besonders starker Gegenwehr gerechnet worden, weil das Gassengewirr des Stadtviertels den Guerillakampf begünstigt. Das könnte darauf hinweisen, dass viele Rebellen die Stadt bereits verlassen haben oder die Soldaten noch nicht das wirkliche Zentrum des Widerstands erreicht haben.

Ein ranghoher irakischer Offizier sagte, seine Leute hätten einen Stadtbezirk befreit. Einwohner berichteten von heftigen Luftangriffen und ständigen Explosionen. Der Strom sei ausgefallen, und Telefone funktionierten nur sporadisch. Eine Klinik sei zerstört worden. Ein Arzt berichtete, in der Stadt gebe es kaum noch Medikamente und Verbandsstoffe. "Nicht ein einziger Chirurg ist in der Stadt", sagte Sami al-Dschumaili per Telefon. Ein Krankenwagen sei beschossen worden. Die Ärzte kämen kaum noch zu den Verletzten. "Gerade ist ein 13-jähriges Mädchen in meinen Händen gestorben", sagte er. Konkrete Informationen über die Zahl der Opfer in Falludscha gab es nicht.

Der Angriff auf Falludscha führte außerdem zu ernsten Auseinandersetzungen innerhalb der irakischen Übergangsregierung. Eine sunnitisch-muslimische Partei kündigte an, sie werde sich deswegen aus der Regierung zurückziehen.

Marineinfanteristen führten Angriff an

Die Bodenoffensive von Truppen der USA und des Irak war durch intensives Feuer aus Panzern und Geschützen sowie Bombardements aus der Luft vorbereitet worden. Dann begannen US-Marineinfanteristen den Angriff. Wie eine Faust schlügen sie sich durch Falludscha, sagte Oberstleutnant John Morris. Die irakischen Soldaten sollten hinter ihnen Waffen beschlagnahmen und die Aufständischen in den Straßen bekämpfen. Die Truppen rechnen damit, dass viele Gebäude und Plätze der Stadt von den Rebellen vermint und mit Sprengfallen gesichert wurden.

Der irakische Ministerpräsident Ijad Alawi hatte erklärt, die Stadt solle "von den Terroristen gesäubert" werden. Irakische Geistliche der Sunniten wie auch der Schiiten forderten die irakischen Soldaten dagegen auf, sich nicht an dem Sturm zu beteiligen. Es sei ein großer Fehler, unter der Fahne derer zu kämpfen, die weder Religion noch Menschenrechte respektierten, erklärte der Verband der sunnitischen Geistlichen.

Noch während des von US-Truppen angeführten Sturms auf die Stadt Falludscha ernannte der Irak einen Übergangs-Militärgouverneur für die Rebellenhochburg. Wie ein Sprecher Alawis mitteilte, wurde General Abdul Kader Mohan das Amt übertragen.

Flüchtlingshilfswerk sorgt sich um Zehntausende

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) äußerte sich besorgt über das Schicksal von Zehntausenden von Irakern, die Falludscha wegen der US-Militäroffensive gegen die Rebellenhochburg verlassen haben. "Die Mehrheit der Zivilisten scheint die Stadt verlassen zu haben", sagte UNHCR-Sprecherin Jennifer Clark in Genf. Die Vertriebenen wohnten bei Verwandten oder Freunden in der Nähe von Falludscha. Einige erhielten Zelte. "Die Vertriebenen brauchen am dringendsten Lebensmittel, Unterkünfte, Wasser und medizinische Versorgung", sagte Clark.

Er erinnerte daran, dass das UNHCR im Irak über keine internationalen Mitarbeiter verfüge. Die Uno-Organisation sei aber in der jordanischen Hauptstadt Amman Teil einer Arbeitsgruppe, die aus Vertretern der Vereinten Nationen, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und nichtstaatlichen Organisationen (NGO) bestehe. Zur Versorgung der Flüchtlinge wird auch Hilfe aus der Luft erwogen.

Die Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP), Christiane Berthiaume, erinnerte aber daran, dass der Abwurf von Lebensmitteln aus Flugzeugen nur möglich sei, wenn man über Personal vor Ort verfüge. Das sei derzeit nicht der Fall. Die Vereinten Nationen sind im Irak seit dem Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad im August vergangenen Jahres nicht mehr vertreten.

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