Familiendrama im Jemen Entführer putzten Kindergeiseln heraus

Lydia und Anna waren fast ein Jahr in Geiselhaft, nun sind die Mädchen zurück in Deutschland. Nach SPIEGEL-Informationen wurden die Kinder von den Kidnappern offenbar gut behandelt: Sie waren bei der Übergabe in Festgewänder gekleidet.
Bild der deutschen Geiseln (Ausschnitt aus Jemens Staatsfernsehen): Friedliche Freilassung

Bild der deutschen Geiseln (Ausschnitt aus Jemens Staatsfernsehen): Friedliche Freilassung

Foto: HO/ REUTERS

Hamburg - Vier und fünf Jahre alt sind die Mädchen Lydia und Anne nach Angaben von Angehörigen. Elf Monate waren sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder in der Gewalt jemenitischer Entführer. Am Dienstag wurden die Mädchen befreit, von den Eltern und dem Sohn der Familie gibt es keine Nachricht.

Entführung

Nach SPIEGEL-Informationen sind die beiden Mädchen bei einem jemenitischen Stamm aufgenommen und gut behandelt worden. Lydia und Anna H. sagten nach ihrer Freilassung aus, man habe sie während der elfmonatigen "Fatima" und "Sarah" genannt. Fragen beantworteten die Kinder auf Arabisch und spielten wie selbstverständlich mit Kochtöpfen.

Für Informationen über den angeblichen Tod des dritten Kindes Simon gibt es keine Bestätigung. Sie gehen auf Aussagen aus jemenitischen Stämmen bei der Übergabe der beiden Mädchen zurück.

In Berlin vermutet die Bundesregierung, dass die Freilassung das Ergebnis eines erhöhten Drucks der saudi-arabischen Regierung auf jemenitische Stämme im Norden ist. In den vergangenen Wochen hatten sich die Hinweise verdichtet, dass es hinter dem Rücken der deutschen Regierung Gespräche über eine Übergabe und ein mögliches Lösegeld gab. Bereits im Januar war über Lösegeldforderungen spekuliert worden.

Die Freilassung selbst verlief friedlich: Die Kinder seien von einer Spezialeinheit befreit worden, sagte der Sprecher des saudischen Innenministeriums, es sei nicht zu Kämpfen gekommen. Die Mädchen trugen festliche jemenitische Landestracht.

Die befreiten Kinder sollten nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Kreis der Familie aufgenommen werden, sagte ihr Onkel Reinhard P. am Dienstag. Den genauen Aufenthalt wolle man ganz bewusst nicht mitteilen. "Die Kinder brauchen jetzt Ruhe und nicht Blitzlichtgewitter, um das Geschehen zu verarbeiten", sagte er. "Es wird so schon schwer genug für sie."

Außenminister Guido Westerwelle hatte sich erleichtert über die Freilassung gezeigt. Die Bundesregierung bleibe aber unverändert bemüht, "endlich Klarheit auch in den Verbleib der übrigen Geiseln zu bringen": "Ihr Schicksal erfüllt uns weiterhin mit großer Sorge."

Jemenitische Regierung machte al-Qaida verantwortlich

Im Juni 2009 waren Johannes H., seine Frau Sabine und die drei kleinen Kinder Lydia, Anna und Simon nach einem Ausflug in ein Wadi bei Saada verschwunden. Mit der aus Sachsen stammenden Familie wurden auch zwei deutsche Bibelschülerinnen, eine Südkoreanerin und ein britischer Ingenieur verschleppt. Die Leichen der drei Frauen fanden die jemenitischen Behörden Stunden nach der Entführung.

Mehrere Wochen nach der Entführung waren Videoaufnahmen aufgetaucht, auf denen die drei Kinder der deutschen Familie zu sehen waren: Der kleine Junge, der auf den Aufnahmen erschöpft gewirkt haben soll, war damals rund ein Jahr alt. Seine beiden Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt drei und fünf Jahre alt.

Zur Vermittlung in dem Geiseldrama reiste im Dezember der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, in den Jemen. Er wurde 2005 selbst mit seiner Frau und seinen drei Söhnen während eines Weihnachtsurlaubs in dem Land entführt, nach wenigen Tagen aber wieder freigelassen.

Die Eltern des entführten Familienvaters aus Sachsen wandten sich schon im Sommer an die Öffentlichkeit und appellierten in einem Video an die Entführer, die Geiseln freizulassen. Im Januar 2010 teilte Westerwelle mit, die jemenitischen Behörden würden den Aufenthaltsort der Familie kennen.

Für den Tod der beiden deutschen Bibelschülerinnen machte die jemenitische Regierung das Terrornetzwerk al-Qaida verantwortlich. Dieses habe die Gruppe mit der Unterstützung der schiitischen Huthi-Rebellen verschleppt. Die Führung der Rebellen hat jede Beteiligung an dem Verbrechen bestritten.

kgp/AFP/dpa/apn