Familienpolitik in Syrien "Die meisten Frauen haben nur Kinderkriegen im Kopf"

Kinderreichtum bedeutet in Syrien gesellschaftliches Ansehen, eifrige Fortpflanzung gilt als muslimische Lebenspflicht. Die Regierung will das rasante Bevölkerungswachstum durch eine Drei-Kind-Politik eindämmen. Für viele Familien ist die Straße der einzige Kinderhort.

Von Gabriela Keller, Damaskus


Damaskus - Für einen Moment senkt sich Stille über das Wohnzimmer und Fassungslosigkeit über die Mienen von Anwar Wardeh und Lina al-Homsi. Plötzlich brechen beide in schallendes Gelächter aus. Die Frage, ob ein Vater seinen Kindern hin und wieder Essen zubereitet oder Windeln gewechselt hat, ist in Syrien offenbar reichlich absurd. Dann hält der 47-Jährige abrupt inne und setzt hastig nach: "Ich kommandiere meine Frau aber nie herum. Wenn sie ihre Pflichten nicht erfüllt, wenn etwa kein Essen gekocht ist, frage ich nicht mal, warum." Der Architekt ist sichtlich bemüht, keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen.

Lina al-Homsi und Anwar Wardeh mit ihren Kindern: Hausfrauendasein war nie Ziel ihrer Lebensträume.
Gabriela M. Keller

Lina al-Homsi und Anwar Wardeh mit ihren Kindern: Hausfrauendasein war nie Ziel ihrer Lebensträume.

Denn Anwar und Lina verstehen ihre Ehe als Partnerschaft, in der jeder für einen festen Bereich zuständig ist. Und Haushalt wie Kinder, der 16-jährige Abdul-Ghani und die elfjährige Salam, fallen allein unter Linas Verantwortung – obwohl sie berufstätig ist. Dreimal pro Woche lehrt die Theologin halbtags an einer islamischen Hochschule, der Ahmed-Kuftaro-Fakultät. An den übrigen Werktagen gibt sie ehrenamtlich Koranunterricht.

Die berufstätige Mutter ist in Syrien normal. Zwar vertreten konservative islamische Kräfte die Ansicht, dass die Frau das Haus am besten nicht verlassen soll. Doch unter dem Druck der Armut wird jede moralische Diskussion müßig. Viele Familien könnten ohne ein zweites Einkommen nicht überleben – das Durchschnittsgehalt liegt bei umgerechnet 100 Euro. Auch die Politik unterstützt Familien kaum: Nur wenige Frauen haben Anspruch auf Mutterschaftsurlaub. Zwar können Beamtinnen bei vollem Gehalt drei Monate lang zu Hause bleiben, doch in der Privatwirtschaft steht nur sozialversicherten Arbeitnehmerinnen eine Babypause zu. Tagesstätten stehen nur selten zur Verfügung.

Die Straße ist der einzige Kinderhort

Für viele Familien ist somit die Straße der einzige Kinderhort. Durch Damaskus ziehen von früh bis spät Scharen herrenloser Kinder; die Jüngsten von ihnen können gerade laufen. Im Mittelstand kümmern sich oftmals philippinische Hausmädchen für 100 Euro im Monat um den Nachwuchs. Weil diese Frauen meist weder Ausbildung noch Erfahrung haben, kam das für Lina al-Homsi nicht in Frage. Als sie je zwei Monate nach den Geburten in ihren Beruf zurückgekehrt war, stellte sie ein Kindermädchen ein, von dessen Verlässlichkeit sie überzeugt war.

Das Ehepaar ist Teil der hauchdünnen Mittelschicht in Syrien, für die Alltag nicht gleichbedeutend mit Existenzkampf ist. Anwar verdient je nach Auftragslage mehrere Tausend Euro im Monat. Die 250 Euro, die Lina beisteuert, wären verzichtbar. "Die meisten Frauen hier haben nur Heiraten und Kinderkriegen im Kopf", sagt sie mit müdem Schulterzucken – für sie war das Hausfrauendasein nie Ziel ihrer Lebensträume.

Lina und Anwar sind streng gläubige Sunniten. Gleichzeitig ist das Paar praktisch, undogmatisch und glaubt an die Aufgabe eines jedes Menschen in dieser Welt. "Eine berufstätige Mutter ist ein Vorbild für die Kinder", findet Anwar. Linas Tagesablauf ist straff durchgeplant. "Jeden Morgen habe ich eine Liste der Dinge im Kopf, die über den Tag zu erledigen sind", sagt sie. Einmal in der Woche kommt eine Putzfrau, und das bisschen Haushalt sei auch gar nicht viel Arbeit, meint die 41-Jährige und winkt beiläufig ab.

Die Familie lebt im Damaszener Vorort Kafer Sosseh, wo sich ein Neubaugebiet in infrastrukturelles Brachland frisst. Doch weil die Gegend ruhig und sauber ist, leben die, die es sich leisten können, gerne dort – weit weg vom schwarz verstaubten, wimmelnden Durcheinander, in dem das Zentrum zu ersticken droht. Die beigefarbenen, mehrstöckigen Häuser ähneln einander, als seien sie alle mit demselben Förmchen ausgestochen. Die weitläufige Wohnung von Lina und Anwar liegt im siebten Stock eines dieser Bauten.

Mit zwei Kindern ist die Familie in Syrien eine Ausnahme. "Zwei sind ideal – vor allem, wenn es Mädchen und Junge sind", meint Anwar. Seine Kinder sollen mit optimaler Bildung und Förderung aufwachsen und mehr als zweien hätte er das nicht bieten können.

Vierzig Prozent der Syrer sind unter 14

Die Mehrheit seiner Landsleute sieht das freilich anders. Kinderreichtum bedeutet gesellschaftliches Ansehen, eifrige Fortpflanzung gilt als muslimische Lebenspflicht. Entsprechend schnell wächst die Bevölkerung: Die Geburtenrate liegt bei 3,5. Knapp 40 Prozent der Syrer sind unter 14 Jahre alt. Doch der lahmende Arbeitsmarkt kann die Massen junger Leute schon heute nicht mehr aufnehmen. Die Arbeitslosenquote wird auf über 20 Prozent geschätzt.

"2001 ist der Regierung endlich klar geworden, dass wir ein System der Geburtenkontrolle brauchen", sagt Yahya al-Ous, der auf der Website Thara über Probleme von Frauen und Familien informiert. So zahlt der Staat heute ein gestaffeltes Kindergeld: Fürs erste Kind gibt es 300 syrische Pfund im Monat (etwa 4,60 Euro), fürs zweite 200 und fürs dritte noch 100. Danach ist Schluss. Auch verlieren Beamtinnen ab dem vierten Kind ihren Anspruch auf Mutterschaftsurlaub, erklärt al-Ous: "Die neuen Gesetze sind ein klares Zeichen: Drei Kinder sind genug." Tatsächlich ist die Geburtenrate bereits gesunken – von 4,06 im Jahr 2000.

Doch das liegt nach Meinung des Familien-Experten nicht an der Politik. "Der Grund ist der wirtschaftliche Druck", betont er. Von einem Mann wird erwartet, dass er seine Familie ernähren kann und diesen Standards werden immer weniger Männer immer später gerecht. So lag das Durchschnitts-Heiratsalter laut einer Studie von 2002 bei Männern bei 30 und bei Frauen bei 27 Jahren. Die Zahl derer, die ledig bleibt, steigt zusehends.

Und in einer Welt, wo Familie und Kinder als Voraussetzungen für ein erfülltes Leben gelten, ist das Singledasein ein Schicksalsschlag, kein Lebensstil. Wenn die elfjährige Salam ins Wohnzimmer kommt, strahlen Lina und Anwar vor Freude. Das Mädchen kuschelt sich an ihren Vater auf die Couch, und wird hingebungsvoll geherzt, bis ihm bei den Erwachsenen langweilig wird. Das Interview wird so lange unterbrochen. Immer, sagt Lina mit viel Ernsthaftigkeit in der Stimme, habe sie Acht gegeben, dass die Arbeit ihr Zeit für die Kinder lässt. "Zum Beispiel habe ich ihnen jeden Abend vorgelesen, bis sie einschliefen", erzählt sie und lächelt ihrer Tochter selig hinterher. "Bei Salam mache ich das heute noch."

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