Feierliche Einsetzung von Patriarch Kirill Ein Modernisierer für Moskau

Prunkvolle Inthronisierung in Moskau: Der Metropolit Kirill ist am Sonntag als neuer russisch-orthodoxer Patriarch eingesetzt worden. Seine Wahl gilt als Zeitenwende: Der brillante Redner und Intellektuelle könnte ein neues Machtzentrum neben Kreml und Regierung errichten.


Schon in den Wochen vor seiner prunkvollen Inthronisierung am Sonntag bewegte sich Kirill, als sei er zum Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche (ROK) geboren. Das war etwa bei einem Gottesdienst kurz nach dem russischen Neujahrsfest zu beobachten: Seine Eminenz, damals noch der Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, entstieg einer schwarzen Luxuslimousine, Bodyguards schirmten den agilen 62-Jährigen ab, die Oberin reichte Blumen über den roten Teppich.

Für alle sichtbar genoss Kirill die Attribute der Macht. Ehrfürchtig verneigte sich der Nonnenkonvent des im Zentrum der russischen Hauptstadt gelegenen Maria-Schutz-und-Fürbitte-Klosters vor dem Würdenträger. Auch Gottes Beistand schien auf ihm zu ruhen: Schnellen und sicheren Schrittes schritt Kirill über das Blitzeis. In seiner Predigt machte er alles richtig, würzte sie mit Anekdoten aus seinem Leben und begegnete so dem Vorwurf, er sei mehr Politiker als Seelsorger.

Nun hat er es geschafft: Am Sonntag wurde Kirill in einer feierlichen Messe in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau als neuer russisch-orthodoxer Patriarch eingesetzt.

Doch der Weg dahin war steinig, und der Wahlkampf um die Nachfolge des im Dezember verstorbenen Patriarchen Alexij II. (1990-2008) wurde mitunter ganz unchristlich geführt: Die Lager der Kontrahenten bezichtigten sich sündhaften Stimmenkaufs und krimineller Machenschaften. Der Grund: Es stand eine Richtungsentscheidung bevor, bei der es um große Politik ging.

Aufstieg der Machtmaschine

Die Wahl Kirills markiert eine Zeitenwende. Während die Bedeutung der katholischen und evangelischen Kirche in den westeuropäischen Gesellschaften sinkt, nimmt der Einfluss der Orthodoxie im Osten und in Russland zu. Im Vergleich zu seinem Vorgänger, dem stillen und stets auf Ausgleich bedachten Alexij II., personifiziert Kirill diesen Machtzuwachs.

So dynamisch und charismatisch tritt der neue Patriarch auf, dass in Moskau bereits von einem Triumvirat aus Ministerpräsident Wladimir Putin, Präsident Dmitrij Medwedew und Kirill die Rede ist, mit dem Patriarchen womöglich bald in der Rolle der Nummer zwei - gleich nach Putin, dem starken Mann. Nicht wenige meinen, dass die Wahl Kirills Russland tief greifender verändern werde, als die Ausrufung des handzahmen Dmitrij Medwedew zum Nachfolger von Präsident Putin im März 2008.

Dafür haben auch die Bürger des Riesenreichs im Osten ein sicheres Gespür. So groß ist die Rolle der Orthodoxie, die nach dem Ende der kommunistischen Sowjetunion das ideologische Vakuum füllen will, dass die Mehrheit der Russen in einer Umfrage des angesehenen Meinungsforschungsinstituts Levada den Tod des alten Patriarchen Alexij II. als wichtigstes Ereignis des vergangenen Jahres charakterisierte: noch vor dem russisch-georgischen Krieg, vor der Präsidentenwahl und vor der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Nachdem der Kreml in den vergangenen Jahren Russlands Gouverneure entmachtet, die wichtigen Medien unter seine Kontrolle gebracht und das Parlament an die Kette gelegt hat, entsteht erstmals in der Ära Putin ein von der politischen Elite unabhängiges Machtzentrum. Kirill kündigte an, die 70 bis 80 Millionen Gläubige zählende ROK "aus dem Ghetto zu führen".

Er will landesweit Religionsunterricht in den Schulen einführen und sieht seine Kirche auf Augenhöhe mit der Staatsführung, nicht als deren Befehlsempfänger. Die Machtmaschine Putin hatte deshalb lange versucht, den Aufstieg der Machtmaschine Kirill zu bremsen. Er nahm den damals für die ROK-Außenbeziehungen zuständigen Würdenträger einige Male nicht auf Auslandsreisen mit und versperrte ihm den Weg in die Gesellschaftskammer, einem loyalen Beratungsorgan der Regierung.



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