Femen-Ideologe Swjazki "Ich flüchte vor Putins Geheimdienst"

Wiktor Swjazki soll der Mann hinter den schrillen Oben-ohne-Aktionen der Protestgruppe Femen gewesen sein. Wochenlang war er untergetaucht. Am Vorabend seiner Flucht in den Westen gab er dem SPIEGEL ein Interview.

Andre Eichhofer

Von André Eichhofer und , Kiew und Moskau


Bis zu seiner Flucht blieben ihm gerade siebzehn Stunden. Wiktor Swjazki hat ins Nirwana eingeladen, eine Kneipe inmitten sowjetischer Plattenbauten in der Hochhaussiedlung Darnitsa am Stadtrand der ukrainischen Hauptstadt Kiew. An der Wand hängen Fotos der Grunge-Legende Kurt Cobain, des verstorbenen Gründers der Gruppe Nirvana. Im Hintergrund spielt Musik, draußen trommelt der Regen auf den Asphalt.

Die Schwellungen in seinem Gesicht sind abgeklungen, über der linken Schläfe ist eine Narbe zurückgeblieben. Swjazki ist in den vergangenen Wochen zweimal zusammengeschlagen worden. Seitdem war der Ideologe der Feministinnen-Gruppe Femen in seiner eigenen Heimat untergetaucht.

Die Verabredung war schwierig gewesen. Mehrmals verschob Swjazki Ort und Zeitpunkt des Gesprächs. Sein Mobiltelefon hatte er meist ausgeschaltet. Zum Treffen im Nirwana bringt Swjazki seinen Bodyguard Mischa mit, einen Mann mit wettergegerbtem Gesicht und einem Tatoo auf dem Oberarm. Ohne ihn traut er sich nicht auf die Straße.

Im Nirwana bestellt sich Swjazki ein Mineralwasser und einen Kaffee. Es ist Mittwochmittag vergangener Woche. Er hat sich entschlossen, seinem Heimatland den Rücken zu kehren. Am folgenden Morgen um 7 Uhr wird ihn ein Bus von Kiew nach Polen und dann weiter in die Schweiz bringen. Am Samstagabend wird er in Bern eintreffen.

Asyl im Westen

"Ich will in einem westlichen Land Asyl beantragen", sagt Swjazki. "In der Ukraine bin ich nicht mehr sicher." Putins Geheimdienst stecke hinter den brutalen Attacken auf ihn und auf die Femen-Gründerin Anna Hutzol. Das Gespräch mit dem SPIEGEL im Nirwana ist Swjazkis erstes Interview, seit Anfang September ein Dokumentarfilm ihn selbst und Femen in ein zweifelhaftes Licht rückte. Der bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigte Film "Die Ukraine ist kein Bordell" der jungen, australischen Filmemacherin Kitty Green zeigt Swjazki als herrschsüchtigen Macho, der die Frauen mit eiserner Hand antreibt und sie immer wieder als "Suka" tituliert, das russische Wort für "Schlampe".

In dem Interview, das im aktuellen SPIEGEL zu lesen ist, nimmt Swjazki erstmals zu den schwerwiegenden Vorwürfen Stellung. Er soll Femen jahrelang kontrolliert und die schrillen Oben-Ohne-Aktionen von Berlin bis Moskau gesteuert haben. "Wir haben zusammen mit Kitty Green überlegt, wie wir den Film spannend machen können", rechtfertigt er sich. Die Australierin habe dann vorgeschlagen, dass er den Tyrannen gebe, vor dem die Mädchen alle Angst haben. "Es ging dabei aber nur um eine spannende Dramaturgie", behauptet er.

Geheimnisvoller Strippenzieher

Bis zum Dokumentarfilm wusste kaum jemand von der Existenz Swjazkis. Auch zwei Wochen nach dem Skandal ist immer noch wenig über den geheimnisvollen Strippenzieher bekannt. Im Nirwana erzählt er seine Geschichte. Swjazki wuchs in der westukrainischen Kleinstadt Chmelnitzki als Sohn einer Kindergärtnerin und eines Zirkusakrobaten auf. Seine Kindheit war schwierig. "Weil mein Vater das ganze Geld versoff, habe ich Erspartes in Lenins Buch 'Staat und Revolution' versteckt", erzählt er. "Ich habe das Buch dann auch gelesen. So wurde ich politisiert." Swjatziki las die deutschen Philosophen Hegel, Feuerbach und Marx. "In meiner Jugend war ich Marxist, dann entdeckte ich den Feminismus", sagt er.

In Chmelnitzki lernte er beim Studium drei der Gründerinnen von Femen kennen, darunter Anna Hutzol. "Wir trafen uns am Institut und freundeten uns an", berichtet er. Mit Hutzol auch habe er die Idee für Femen geboren. Einmal hätten sie Brautpaare am Standesamt beobachtet. "Nach der Heirat stehen Ukrainerinnen meistens am Herd, ziehen Kinder groß und sind komplett von ihren Männern abhängig", meint Swjazki. Dieses "verlogene" Rollenbild sei schuld daran, dass in den Ländern der Ex-Sowjetunion noch mehr Ehen zu Bruch gingen als anderswo in Europa. "Dieses Frauenbild wollten wir ändern", erklärt der Femen-Ideologe.

Nackte Brüste für den Feminismus

2008 zogen die Aktivisten aus der Provinzstadt nach Kiew, wo sie mit Hilfe der ukrainischen Sängerin Tina Karol Fuß fassten. Wenn sich die Frauen in ihrem Stammlokal "Kupidon" trafen, saß Swjazki meistens mit am Tisch und brütete Ideen für Oben-Ohne-Kampagnen aus.

"Mit den nackten Brüsten wollen wir die Überlegenheit der Frauen über Männer zeigen", erklärt Swjazki. "Frauen gebären Kinder, sie geben ihnen die Brust und ernähren sie." Aristoteles habe den Menschen als homo politicus definiert, Frauen aber habe der griechische Philosoph als sexuelle Wesen abgewertet. Erst Karl Marx habe die Rolle der Frau aufgewertet: "Nach Marx gebären Frauen Arbeiter", sagt Swjazki.

Femen habe diesen Gedanken weiterentwickelt. "Die Sexualität ist das Alpha und Omega der Existenz der Frauen", erklärt Swjazki. "Femen nun verbindet Sexualität mit der Politik. Das ist die Ideologie des Oben-Ohne-Protests, des Sextremismus von Femen."

Swjazki geriert sich als Vordenker, der Marx und Aristoteles verbindet. Die nächsten Wochen allerdings muss er sich mit wenig philosophischen Dingen beschäftigen: seinem Visumsantrag und dem Aufbau eines neuen Lebens im Westen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
sirius7 25.09.2013
1. wie interessant
gibt es sonst nichts zu berichten ? Ach ja, es geht auch um Putin.
glen13 25.09.2013
2.
Zitat von sysopAndre EichhoferWiktor Swjazki soll der Mann hinter den schrillen Oben-Ohne-Aktionen der Protestgruppe Femen gewesen sein. Wochenlang war er untergetaucht. Am Vorabend seiner Flucht in den Westen gab er dem SPIEGEL ein Interview. http://www.spiegel.de/politik/ausland/femen-interview-mit-gruender-wiktor-swjazki-a-924287.html
Ich glaube, man kann dieses Geschwätz nicht ernst nehmen. Er ist ein Typ, der Asyl will und sich jetzt eine politische Dramaturgie zusammen baut. Lasst Euch doch nicht veräppeln.
neu_ab 25.09.2013
3.
Kann man so einem russichen Luden glauben? Wahrscheinlich baut er auf die Gutmenschlichkeit & Naivität des Westens. & Putin als böhser Bube zieht immer gut bei uns.
alexander_III. 25.09.2013
4. Proportional
Je mehr Menschen mit Putin sympathisieren (z.B. wegen seiner Friedensbemühungen), desto mehr versucht man im Westen gegen ihn zu hetzen. Erkennt ihr keine Proportionalität?
Finnländer 25.09.2013
5. ???
Zitat von sysopAndre EichhoferWiktor Swjazki soll der Mann hinter den schrillen Oben-Ohne-Aktionen der Protestgruppe Femen gewesen sein. Wochenlang war er untergetaucht. Am Vorabend seiner Flucht in den Westen gab er dem SPIEGEL ein Interview. http://www.spiegel.de/politik/ausland/femen-interview-mit-gruender-wiktor-swjazki-a-924287.html
Ein Macho und Narzist wie er im Buche steht sucht eine Platform zur Selbstdarstellung - und SPON gibt sie ihm bereitwillig. Flucht im Bus nach Polen? Sind eure Artikel denn nur noch ganz im "Swjazki"-Stil dramaturgisch aufgepeppt? Sensationsgeilheit statt Tiefgang und Recherche - so wird das nichts, SPON!
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