Prozess in Tunesien Neue Vorwürfe gegen Femen-Aktivistin

Gegen Amina Sboui werden neue Vorwürfe erhoben. Die tunesische Femen-Aktivistin soll ihre Gefängniswärter beleidigt haben. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vermutet, der Prozess könnte politisch motiviert sein.

Amina Sboui am Montag mit blond gefärbten Haaren: Gegen die 19-jährige tunesische Femen-Aktivistin werden immer neue Vorwürfe laut
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Amina Sboui am Montag mit blond gefärbten Haaren: Gegen die 19-jährige tunesische Femen-Aktivistin werden immer neue Vorwürfe laut


Tunis/Berlin - Seit zwei Monaten sitzt die 19-jährige Amina Sboui in Untersuchungshaft. Die tunesische Aktivistin der Frauenrechtsgruppe Femen muss sich wegen immer neuer Vorwürfe in Tunesien verantworten. Am Montag wurde Sboui vorgeworfen, Staatsangestellte beleidigt und geschmäht zu haben: Sie soll im Gefängnis Wärter beschimpft haben.

Sbouis Anwalt, Halim Meddeb, dagegen sagte, seine Mandantin habe lediglich eingegriffen, als ein Gefängniswärter eine andere Gefangene geschlagen habe. Ein Urteil zu diesen neuen Vorwürfen wird am 29. Juli erwartet. Sboui drohen wegen dieses Anklagepunkts bis zu 18 Monate Haft.

Seit Sboui in Tunesien für Aufsehen sorgte, werden gegen sie immer neue Vorwürfe laut. Im März sorgte Sboui für Aufsehen, als sie barbusige Fotos von sich auf Facebook veröffentlichte. Am 19. Mai wurde sie festgenommen, nachdem sie das Wort "Femen" für die gleichnamige ukrainische Frauenrechtsgruppe auf eine Wand nahe eines Friedhofs schrieb.

Die Staatsanwaltschaft forderte bereits, Sboui zu mindestens sechs Monaten Haft zu verurteilen, weil sie ein Tränengas-Spray bei sich trug. Die Anklage sieht darin ein verbotenes "Brandobjekt". Sboui wurde deswegen bereits zu einer Geldstrafe von rund 140 Euro verurteilt. Doch die Staatsanwaltschaft hat Revision eingelegt.

Für Sbouis Hauptprozess steht dagegen noch kein Datum fest. Ihr wird vorgeworfen, einer kriminellen Organisation anzugehören, die öffentliche Moral untergraben und einen Friedhof geschändet zu haben.

Die Anklage könnte politisch motiviert sein

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte das Vorgehen der tunesischen Staatsanwaltschaft heftig. Die "zahlreiche Vermehrung der fragwürdigen Anklagepunkte" könnte politisch motiviert sein.

"Die Staatsanwälte scheinen einen schweren Vorwurf nach dem anderen gegen Amina Sboui zu erheben, die jedoch kaum etwas damit zu tun haben, was sie tatsächlich getan haben könnte", sagte Eric Goldstein von der Organisation. "Sie könnte bis zu 14 Monate in Untersuchungshaft gehalten werden und anschließend im Falle einer Verurteilung eine lange Gefängnisstrafe absitzen für eine gewaltfreie - jedoch provokante - Tat."

Tunesien gilt als eines der arabischen Länder mit den weitreichendsten Frauenrechten. Seit den Umbrüchen 2011 jedoch tobt ein erbittertes Ringen um die Identität des Landes zwischen den religiösen Konservativen und den Säkularen. Dabei geht es immer wieder auch um die Rechte der Frau. Die Regierung wird von den Islamisten dominiert.

Zwei Französinnen und eine deutsche Femen-Aktivistin, die oben ohne in Tunesien für Sbouis Freilassung demonstrierten, wurden ebenfalls kurzzeitig verhaftet. Im Berufungsverfahren wurde den drei jungen Frauen erlaubt, nach Europa auszureisen. In Tunesien haben unter anderem der kürzlich begnadigte Rapper Weld El 15 und die Aktivistin Lina Ben Mhenni der Femen-Aktivistin Sboui ihre Solidarität ausgesprochen.

ras/AP



insgesamt 7 Beiträge
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Battlemonk 22.07.2013
1.
Tunesien entwickelt sich mehr und mehr zum Gutmenschenstaat der sich nicht traut seien Kriminellen einzusperren bloß weil manche sie als Aktivisten bezeichnen
Indigo76 22.07.2013
2. Hä?
Zitat von BattlemonkTunesien entwickelt sich mehr und mehr zum Gutmenschenstaat der sich nicht traut seien Kriminellen einzusperren bloß weil manche sie als Aktivisten bezeichnen
Welchen Artikel haben sie denn gelesen?
andreasbln 22.07.2013
3. genervt
Es soll Menschen geben, die die hiesige Meinungsfreiheit ausnutzen, um fundamentalistisch religiöse Strömungen zu unterstützen und Menschen mit dem Hinweis auf Kriminalität zu Schwerverbrechern zu stempeln, die drakonisch bestraft gehören. Es lebe die Meinungsfreiheit in diesem unserem Land für diejenigen, die anderen ihre Rechte nehmen wollen. Letztlich ist wohl Deutschland ist dieser Gutmenschstaat.
emeticart 22.07.2013
4. Babbelmönch ...
... was genau nehmen sie zu sich? MfG
Lagenorhynchus 22.07.2013
5. respekt
vor dieser mutigen Frau. Sie wusste, welches Risiko sie einging. Ohne die Option darauf, über diplomatische Kanäle unterstützung zu erfahren.
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