Wirbel um angeblichen Chef Femen und der Macho

Steckt hinter Femen ein brutaler Patriarch? Ein Dokumentarfilm über die Oben-ohne-Kämpferinnen sorgt für Entsetzen. Doch die Enthüllung über den angeblichen Chefstrategen folgt allzu perfekt dem Drehbuch der großen Femen-Inszenierung.

Getty Images

Hamburg - Die Fallhöhe ist schwindelerregend. Hinter Femen, den militanten Kämpferinnen gegen das Patriarchat, steckt ein Patriarch. Einer, der die jungen Frauen beschimpft und sie zu Ohne-oben-Protesten auf die Straße schickt. So zeigt es ein Dokumentarfilm, der weltweit für Schlagzeilen, Empörung und vor allem für Häme sorgt.

Wer über die schrille Spielart des Feminismus aus der Ukraine schon immer den Kopf schüttelte, fühlt sich nun bestätigt. Wenn junge, attraktive Frauen halbnackt auf die Straße gehen, muss doch ein Mann dahinterstecken: Hab ich's doch gewusst. Andere sehen die Glaubwürdigkeit der Feministinnen zerstört: "So muss nun alles, was Femen betrifft, völlig neu bewertet werden", unkt etwa die "Süddeutsche Zeitung".

Doch wer glaubt, mit dieser Enthüllungsdoku nun das wahre Gesicht von Femen zu kennen, könnte sich täuschen. Zum einen stehen hinter der Rolle des angeblichen Patriarchen viele Fragezeichen. Zum anderen folgt die Enthüllung allzu perfekt dem Drehbuch der großen Femen-Inszenierung.

Der erste Akt: Die Dokumentation "Ukraine is not a brothel", die derzeit nur auf dem Filmfestival in Venedig läuft, lässt zunächst wenig Raum für Zweifel. Dort beschimpft ein Mittdreißiger namens Wiktor die jungen Frauen als unprofessionell, kommandiert sie herum. "Er wählte die schönsten Mädchen aus, er ist Femen", sagte die australische Regisseurin Kitty Green, die die Frauen mehr als ein Jahr begleitet hat. Und im Streifen antwortet er zum Schluss auf die Frage, ob er sich engagiere, um an Frauen ranzukommen: Ja, vielleicht. Bei den Filmjournalisten vor Ort sorgte das für blankes Entsetzen und zahlreiche Storys.

Der Mann heißt Wiktor Swjazki, ist 36 Jahre alt und Politikwissenschaftler. Er stammt wie die Femen-Gründerinnen aus der Stadt Chmelnyzkyj in der Westukraine und war offenbar seit dem Start im Jahr 2008 mit an Bord.

"Diktatur des Phallus"

Dass der Mann eine wichtige Rolle in der Femen-Keimzelle spielt, ist so neu nicht. In der Ukraine wurde er immer wieder als Strippenzieher bezeichnet. Wenn Journalisten ins kürzlich geräumte Hauptquartier in Kiew kamen, öffnete oft er die Tür. Gemeinsam mit Anna Huzol, der Frau, die als Femen-Gründerin firmiert, aber sich nicht an Nacktprotesten beteiligt, arbeitete er im Hintergrund. In Pressemitteilungen tauchte er selten, aber manchmal als "Ideologe" oder "politischer Berater" auf.

Öffentlich für die Gruppe sprach er so gut wie nie. Doch es gibt ein Interview aus dem Jahr 2009, auf das jetzt Aufmerksamkeit fällt: Eine amerikanische Stipendiatin interviewte Femen-Chefin Huzol. In das Gespräch mischt sich Swjazki energisch ein. Er redet am Ende die meiste Zeit, präsentiert sich als Oberfeminist, spricht über die "Diktatur des Phallus" und erklärt, warum Aktivismus sexy ist.

Klar scheint, dass die Femen-Anführerinnen die Rolle Swjazkis verhüllt, wenn nicht gar verschwiegen haben. Sie blieb offenbar auch den deutschen Femen-Frauen in Berlin und Hamburg verborgen. Dort sah man ihn als "Bürokraft in Kiew". Selbst sie kennen den Film noch nicht. Die deutsche Aktivistin Zana Ramadani sagt nur: "Ich kenne meine Schwestern, von denen würde sich keine als Marionette benutzen lassen."

Ohnehin spricht wenig dafür, dass diese Enthüllung aus heiterem Himmel über Femen hereingebrochen ist, wie es nun dargestellt wird. Schon der Trailer des Films kündigt eine Enthüllungsstory an und zeigt kurz einen Mann hinter einer Hasenmaske - die im Film fallen wird. In Venedig zeigte sich die Regisseurin mit Femen-Blumenkranz im Haar, viele der Gründerinnen posierten oben ohne mit ihr für die Fotografen.

Das Spiel mit den Medien beherrschen Femen perfekt. Keine 24 Stunden nach den ersten Berichten, Akt zwei, antwortete Inna Schewtschenko, eine der Chefinnen, in einem Meinungsbeitrag im britischen "Guardian": Swjazki sei zwar "weder der Femen-Gründer noch der Ideengeber unserer Oben-ohne-Strategie und -Ideologie" gewesen. Doch das Patriarchat, in dessen Kontext Femen gegründet worden sei, habe es Swjazki ermöglicht, einer der Anführer zu werden. "Er personifiziert Sexismus, männliche Herrschaft und Unterdrückung der Frauen", schreibt sie. Die Frauen hätten sich von ihm befreit.

In dieser Hinsicht ist die inszenierte Enthüllung der Dokumentation eben der Beweis für die Macht des Patriarchats, aber auch für die Macht der Femen-Frauen. In der Enthüllung steckt somit die Bestätigung für den Kampf, den sie führen: Sie können das Patriarchat schlagen. Schlagzeilen wie "Putsch der Gedemütigten" legen nahe, dass auch diese Inszenierung funktioniert.

Es bleiben natürlich Widersprüche und offene Fragen. Die Glaubwürdigkeit leidet, wenn Swjazkis Rolle verhüllt wurde. Unklar ist weiterhin auch, ob, wie und wann sich Femen tatsächlich von ihm getrennt haben (Eine entsprechende Anfrage ist bislang unbeantwortet). Noch Ende Juli meldete die Truppe, dass "Femens Politikwissenschaftler Wiktor Swjazki", kurz vor einem Putin-Besuch, brutal zusammengeschlagen wurde.

Mit solchen Widersprüchen lebt und polarisiert die Bewegung seit jeher. Ihre Kritiker haben jetzt den bislang besten Beleg für ihr Misstrauen. Die Anhänger dürften in diesem Fall eine kraftvolle Geschichte der Emanzipation entdecken. Für die Femen-Erzählung bedeutet das vor allem eines: Der nächste Akt kann beginnen.

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
herrwestphal 06.09.2013
1. ... diese
... "Bewegung" aus sich selbstdarstellenden Superfrauen wird total überbewertet!
WhereIsMyMoney 06.09.2013
2.
Ich liebe es wenn sowas passiert. Wenn Medien einem Schwachsinn hinterherlaufen um dann richtig auf die Schnauze zu fallen.
Ishibashi 06.09.2013
3. wo ist denn das Problem,
wenn sich ein Mann für Frauenrechte engagiert. Das biologische Geschlecht wird eh permanent überbewertet und sagt doch herzlich wenig aus wie männlich und wie weiblich sich jemand fühlt. Leute die glauben sie wüssten genau zu welcher Kategorie Sie gehören sind vor allem eines: unsympathisch.
anomie 06.09.2013
4.
Zitat von WhereIsMyMoneyIch liebe es wenn sowas passiert. Wenn Medien einem Schwachsinn hinterherlaufen um dann richtig auf die Schnauze zu fallen.
Na klar lieben Sie das, wenn woanders etwas schief geht. Dann können Sie wieder tief befriedigt jeden aktiven Protest als "Schwachsinn" abtun. Und das auch noch ganz bequem vom PC aus mit dem süffisanten Besserwisser-Lächeln auf den Lippen.
a.weishaupt 06.09.2013
5.
So ist das mit dem Kampf gegen das imaginäre Patriarchat. Wo Ideologie im Gegensatz zur Realität steht, muss es zwangsläufig ab und zu mal Widersprüchlichkeiten geben.
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