Femizide in Palästina "Das Schweigen ist vorbei"

Israa Ghrayeb ist offenbar von ihrer Familie ermordet worden. Vorher hatte sich die Palästinenserin mit ihrem Verlobten auf Instagram gezeigt. Eine Frauenrechtlerin erklärt, was der Fall für das Land bedeutet.

Demonstration in Ramallah
Nasser Nasser/ AP

Demonstration in Ramallah

Von Antonia Schaefer


Als Israa Ghrayeb am 22. August 2019 starb, war ihr Körper mit blauen Flecken übersät, ihre Wirbelsäule gebrochen. Sie war erst 21 Jahre alt.

Wenn man der Anklage des Staatsanwalts glaubt, wurde sie von drei Familienmitgliedern nahe Bethlehem tot geschlagen. Offenbar weil sie sich vertraut mit ihrem Verlobten auf Instagram gezeigt hatte - und damit nicht bis nach der Hochzeit gewartet hatte.

Ghrayebs Tod hat in den palästinensischen Gebieten Proteste losgetreten und die Diskussion um die in Palästina als "Ehrenmord" geahndete Gewalttat befeuert. Auch weil die junge Kosmetikerin auf den sozialen Medien mehrere Tausend Follower hatte und Kontakte zu ausländischen Bloggerinnen pflegte.

Kurz vor ihrem Tod hatte sie sich ein letztes Mal auf Instagram gezeigt - im Krankenhaus. Sie war offenbar bereits Tage zuvor schwer misshandelt worden. Jetzt, so schrieb sie in dem Post, warte sie auf eine Operation an der Wirbelsäule. "Sagt mir nicht, dass ich stark sein soll", ergänzte sie. "Ich bin stark."

Im Netz verbreitete sich die Nachricht von Ghrayebs Tod rasend schnell. Unter den Hashtags "We are all Israa" (Wir sind alle Israa) und "No honor in killing" (Keine Ehre im Mord) teilten Nutzer ihre Geschichte. Im Westjordanland und im Gazastreifen gingen Tausende Menschen für Frauenrechte auf die Straße.

Randa Siniora, 59, ist Leiterin der Frauenschutzorganisation Women's Centre for Legal Aid and Councelling (WCLAC) mit Sitz in Ramallah. Sie beobachtet seit rund drei Jahrzehnten Gerichtsprozesse zur häuslichen Gewalt in Palästina, hat unzählige Geschichten von Familiengewalt gehört.

Zur Person
  • Manuel Elias/ UN
    Randa Siniora, Jahrgang 1960, ist eine Frauenrechtlerin aus Palästina. Sie ist Vorsitzende der Hilfsorganisation Women's Center of Legal Aid and Counceling (WCLAC) in Ramallah.

SPIEGEL: Israa Ghrayebs Tod hat eine Welle von Protesten ausgelöst - im Netz und auf der Straße. Es wurde sogar berichtet, es sei das erste Mal, dass es Anklage nach einem sogenannten Ehrenmord gab.

Randa Siniora: Das ist falsch. Es gab bereits mehrfach Verurteilungen von Familienmitgliedern nach Frauenmorden. Dafür muss es auch Anklagen gegeben haben. Ein Beispiel ist der Tod der Feministin Wafa Ghazawneh im September 2017: Eigentlich waren alle von einem natürlichen Tod ausgegangen. Doch nach einem Jahr und etlichen Untersuchungen erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes gegen ihren Mann. Ihr Fall wird derzeit verhandelt. Der Unterschied in Israa Ghrayebs Fall ist, dass Staatsanwalt Akram al-Khateeb die Anklage öffentlich angekündigt hat - weil das Interesse so hoch war.

SPIEGEL: Wie geht es im Fall Ghrayeb jetzt weiter?

Siniora: Die drei Angeklagten sind derzeit in Gewahrsam. Sie werden befragt. Wir haben vor ein paar Tagen beim zuständigen Gericht angerufen: Dort sind die Akten noch nicht angekommen.

SPIEGEL: Weshalb dauert das so lange?

Siniora: Ich denke, Sie haben den Gewahrsam mehrfach verlängert, um mehr Informationen vonseiten der Angeklagten zu bekommen. Das ist nach dem palästinensischen Recht möglich - bis zu 45 Tage können sie festgehalten werden, bis die Akten an das Gericht gehen.

SPIEGEL: Ihre Organisation hat ständig mit Fällen häuslicher Gewalt und Frauenmorden zu tun. Weshalb hat gerade dieser Fall so viel Aufmerksamkeit erzeugt?

Siniora: Es war die Aufregung in den sozialen Medien. Es gibt eine Facebook-Gruppe, in der über Ghrayeb diskutiert wurde. Sie heißt "Kennen sie ihn?" - dort werden die Namen von Männern veröffentlicht, die Frauen geschlagen oder betrogen haben. Die Gruppe hat viele Mitglieder. Außerdem hat Ghrayeb ihre Umstände für alle sichtbar gemacht. Sie soll ja schon vorher gefoltert worden sein. Häufig werden die Frauen direkt umgebracht und deshalb hört man wenig davon. Allein im vergangenen Jahr wurden nach unseren Aufzeichnungen 23 Frauen in Palästina von Familienmitgliedern getötet.

SPIEGEL: Sie setzen sich bereits seit über drei Jahrzehnten für Frauenrechte in Palästina ein. Was hat sich in dieser Zeit getan?

Siniora: In den Neunzigern wurde das Thema Familiengewalt nicht angesprochen. Wir haben Zimmer für die Frauen gemietet, weil es keine Notunterkünfte gab. Es gab ein großes Stillschweigen. Das ist jetzt vorbei. Außerdem wurde das jordanische Strafgesetz verändert, das auch im Westjordanland gilt. Artikel 308 wurde im September 2017 abgeschafft. Darin hieß es, dass ein Mann, der eine Frau vergewaltigt und sie dann heiratet, kein Gerichtsverfahren fürchten muss. Artikel 308 machte insgesamt 13 verschiedene Sexualdelikte straffrei. Das war sehr beschämend.

SPIEGEL: Was ist die Situation für Frauen in Palästina heute?

Siniora: Die männliche Dominanz innerhalb der Familie und Gesellschaft ist noch immer sehr präsent. Die Mentalität, dass Männer sich legitimerweise über Frauen erheben dürfen. Ein gutes Beispiel ist schon der Begriff "Ehrenmord". Das ist bloße Rechtfertigung: Er hat sie getötet, weil sie seine Ehre verletzt hat. Ich nenne es Femizid, denn es geht um Frauen oder Mädchen, die ermordet wurden, weil sie weiblich sind. Ansonsten ist es einfach Mord, man sollte es Mord nennen und es auch so behandeln.

SPIEGEL: Wie reagieren Polizisten und die Gesellschaft auf Ehre als Begründung für Gewalttaten?

Siniora: Viele Polizisten haben Sympathie mit den Männern, die Ehre als Begründung anführen. Bei den Mitarbeitern der örtlichen Gerichte ist das ähnlich. Dort werden teilweise geringe Strafen verhängt: zwei Jahre Gefängnis für den Mord an einer Frau! Erst wenn der Fall vor einem höheren Gericht verhandelt wird, gibt es angemessenere Strafen. Deshalb beobachten und dokumentieren wir Gerichtsprozesse. Es braucht lange, um die Mentalität eines Volkes zu ändern. Trotzdem: langsam verschieben sich auch diese Ansichten. Der Fall Israa Ghrayeb hat jetzt noch mal gezeigt, dass Menschen für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden.

SPIEGEL: Was muss sich zum Schutz der Frauen tun?

Siniora: Trotz der Änderungen sind unsere Gesetze veraltet: Der Ausdruck "Sexuelle Belästigung" kommt überhaupt nicht darin vor. Hass gegen Frauen im Netz wird nicht mal angedeutet. Außerdem sind in Familienangelegenheiten immer noch Scharia-Gerichte und orthodoxe Gerichte zuständig. Das macht Verhandlungen kompliziert, weil Fälle häuslicher Gewalt vor dem staatlichen Strafgericht verhandelt werden. Diese Felder überschneiden sich und dann gibt es ein Autoritätenproblem. Manch gut gemeintes Gesetz zeigt zudem furchtbare Nebenwirkungen. Dass Frauenmorde und sexuelle Gewalt jetzt stärker geahndet werden, hat dazu geführt, dass es mehr Selbstmorde gibt. Ich kann nur vermuten, dass Frauen vermehrt gezwungen werden, sich selbst zu töten.

SPIEGEL: Welche konkreten Konsequenzen zieht Palästina es aus dem Fall Ghrayeb?

Siniora: Wir Frauenrechtlerinnen haben lange für ein umfassendes Familienschutzgesetz gekämpft, das Frauen und Kinder vor Gewalt der Männer oder häuslicher Gewalt schützt. Die Ministerin für Frauenangelegenheiten, Haifa al-Agha, hat gesagt, das Gesetz solle noch vor Ende des Jahres durchgebracht werden. Vielleicht wird es wegen der Aufmerksamkeit diesmal wirklich etwas.

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