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23. Dezember 2018, 16:38 Uhr

Fergus Falls

In einer fantastischen Stadt

Von , Fergus Falls

Fergus Falls in Minnesota ist einer der Orte, über die Claas Relotius Unwahrheiten verbreitete. Unterwegs in einer Kleinstadt, bei der sich der SPIEGEL nur entschuldigen kann.

Fergus Falls liegt im Bundesstaat Minnesota, rund 14.000 Einwohner, in diesen Tagen vor Weihnachten sehr kalt und zugig, etwas Schnee. Claas Relotius hat über die Kleinstadt und deren Bewohner im März 2017 einen sehr, sehr langen Text im SPIEGEL veröffentlicht. Damals dachte ich beim Lesen: vielleicht etwas zu lang?

Der Text trug die Überschrift "In einer kleinen Stadt", es sollte der Versuch sein, Trumps Wähler zu beschreiben und zu verstehen. Wie inzwischen bekannt ist, hat sich der Autor die Geschehnisse und die Figuren in großen Teilen ausgedacht - wie in fast allen seinen Texten.

Am Donnerstag bin ich in Fergus Falls angekommen, am Tag nachdem der SPIEGEL die Fälschungen offenlegte. Ich bin hier, um die Stadt zu beschreiben, wie sie wirklich ist, um den Fall aufzuarbeiten, aber auch, um zu verstehen, was Relotius hier eigentlich gemacht hat.

Das Märchen beginnt gleich am Anfang, als der Autor schreibt, der Bus nach Fergus Falls rolle auf einen dunklen Wald zu, der aussehe, "als würden darin Drachen hausen". Ich habe nach dem Wald gesucht. Es gibt ihn nicht. Es gibt Bäume in und um Fergus Falls, hier und da ein Wäldchen.

Es ist seltsam, den Erfindungen eines Ex-Kollegen hinterherzureisen, noch seltsamer aber ist es, mit den falschen Bildern im Kopf durch die Wirklichkeit zu laufen und Vergleiche zu ziehen. Man trifft Menschen, die Relotius' Figuren ähneln, aber sich immer weiter von ihnen entfernen, je länger man mit ihnen spricht.

Teils sind die Namen der Fiktion identisch mit der Realität, wie bei Maria Rodriguez ("eine Mutter und Lokalbesitzerin aus Mexiko") und dem Verwaltungsleiter der Stadt, teils sind sie verfälscht, wie bei "Neil Becker" ("ein Arbeiter, der sein Leben lang Kohle geschaufelt hatte und eines Tages seine Partei, die Demokraten, nicht mehr verstand") oder "Israel Rodriguez" (dem angeblichen Sohn von Maria). Am Ende muss man feststellen, dass die wirklichen Menschen nichts mit den Figuren verbindet, die der Text beschreibt.

Relotius hat in Fergus Falls eine Fantasie erschaffen, einen Traum von einem Text. Das gab er bei seinem Geständnis vor seinen Chefs zu. Doch das Ausmaß der Fälschungen in diesem Text wurde vor allem dank zweier Menschen schnell klar, die sich seit eineinhalb Jahren mit dem Artikel befassen und die ihren eigenen vernichtenden Faktencheck am vergangenen Mittwoch ins Netz stellten: Michele Anderson und Jake Krohn. Sie hatten schon nach Erscheinen des Textes den Twitteraccount @DerSPIEGEL angeschrieben, um auf die Fehler hinzuweisen; in der Redaktion in Hamburg ist das aber niemandem aufgefallen, eine Antwort bekamen sie damals nicht. (Ein Interview mit beiden lesen Sie hier.)

Anderson arbeitet in einer Initiative, die in Fergus Falls lokale Künstler unterstützt, Krohn, ein IT-Berater, hilft ihr gelegentlich. Sie sind befreundet. Nachdem der Artikel von Relotius erschien, jagten sie die deutsche Fassung durch den Übersetzer von Google und dachten, das Programm spinne, weil das Ergebnis so absurd wirkte. Als ihnen klar wurde, dass nicht die Übersetzung das Problem war, sondern der Inhalt, setzten sie sich an eine Erwiderung. Sie wollten die Lügen enttarnen.

Es ist Donnerstagnachmittag, die beiden sitzen im Büro von der Künstlerinitiative "Springboard for the Arts", in der Anderson arbeitet, und können immer noch nicht glauben, wie viele Menschen im Ort sich bei ihnen jetzt bedanken. Sie sind die Helden von Fergus Falls. Als ich zwei Tage später mit Anderson beim Abendessen sitze, fragt eine Frau am Nebentisch nach ihrem Autogramm, und die Frage klingt nur halb ironisch.

Krohn und Anderson trugen dazu bei, dass Fergus Falls zu einem der zentralen Orte in der Causa Relotius wurde, hier offenbart sich besonders deutlich, wie sehr er die Wirklichkeit verzerrte und verbog, hier zeigt sich auch, wie gern ihm eine Redaktion Glauben schenkte, die gern skeptisch, misstrauisch und bissig wirkte, meine Redaktion. Es tut weh, das zu schreiben. Am Donnerstag schrieb die Redaktion: "Der SPIEGEL hat Fakten nicht so sauber überprüft, wie es seine Statuten vorsehen. Zu sehr haben sich Redaktion und Dokumentation auf die vermeintliche Glaubwürdigkeit des Reporters verlassen." (Mehr dazu finden Sie hier, eine Stellungnahme des designierten Chefredakteurs hier.) Michele Anderson sagt, Relotius habe hier "das sehr bequeme Narrativ des Abstiegs inszeniert".

"Neil Becker", ein Trump-Wähler, laut Relotius ein hart arbeitender Kohleschaufler im örtlichen Kraftwerk, der sein Leben lang am Förderband stand und ungern reiste. Douglas Becker dagegen, der echte Becker, dessen Foto im Text zu sehen ist, betrieb 34 Jahre lang ein Fitnessstudio an der Lincoln Avenue, kennt fast jeden Flughafen der Vereinigten Staaten, und liefert Pakete für UPS aus. Nebenbei handelt er mit alten Schallplatten.

Er lacht, als ich ihn frage, ob er wütend sei. Wir essen Pizza in einem Lokal an der Union Avenue, das dem Bürgermeister gehört. "Ich habe den Text als Satire gelesen", sagt Becker. "Fühle mich überhaupt nicht angegriffen." Er fand den Autor sympathisch, findet er bis heute. Netter Junge. Er mache sich Sorgen um ihn, sagt Becker.

Dann erzählt er von den Marathons, die er lief, Los Angeles, Seattle, Chicago, durch halb Amerika ist er gerannt. Er habe tatsächlich Trump gewählt, weil er einen Mann in Washington wollte, der das Land "ein bisschen durchrüttelt".

Relotius wohnte, soweit sich das rekonstruieren lässt, 38 Tage lang am Stadtrand von Mitte Januar bis Ende Februar 2017. Fünf Wochen hatte er Zeit. Im Journalismus ist das eine Ewigkeit, die meisten Reporter träumen davon, so lange recherchieren zu dürfen. Ich frage mich, warum er "Neil Becker" erfand, wo Douglas Becker um Längen interessanter ist und weniger einem Klischee des kohleschaufelnden Trumpisten entspricht.

Maria Rodriguez, die zweite angebliche Trump-Wählerin aus der sogenannten Reportage, trifft man eine Dreiviertelstunde von Fergus Falls entfernt in Kellnerschürze. Laut Relotius ist sie an einem Nierenleiden erkrankt, hat kein Geld mehr und träumt sich zurück in ihre Heimat Mexiko.

In Wahrheit ist Rodriguez gottlob kerngesund und fühlt sich ausgesprochen wohl in Minnesota. Sie hat gerade mit ihrem Mann ein Restaurant eröffnet. Für Trump hätte sie gar nicht stimmen können, weil sie zwar eine Arbeitserlaubnis besitzt, aber keinen amerikanischen Pass. Sie ist nicht wahlberechtigt. Maria Rodriguez sagt: "Ich sehe vor allem das Gute in den Menschen. Nur weil ich einmal enttäuscht wurde, werde ich trotzdem weiterhin offen gegenüber jedem sein, dem ich begegne."

Es sieht aus, als sei Fergus Falls die nachsichtigste Stadt der westlichen Hemisphäre. Die Leute überbieten sich in Nettigkeit. Der erste Satz, den mir der Bürgermeister Ben Schierer entgegenschleudert, lautet: "Entschuldigung angenommen! Was trinkst du?"

Schierer steht am Backsteinofen seiner Pizzeria, klein, drahtig, mit dem Lachen eines Olympiasiegers. "Vielleicht bewirkt diese ganze Sache etwas Gutes", sagt er. "Es gibt die Chance, die wahre Geschichte zu erzählen."

Die wahre Geschichte ist, laut Bürgermeister, dass Fergus Falls eine schöne, liebenswerte kleine Stadt sei. Ja, es gebe unterschiedliche politische Meinungen und auch Probleme. Die einzige Einkaufsmall der Stadt ist weggezogen, einige Läden auf der Lincoln Avenue sind dicht, der Bahnhof hat lange schon geschlossen. "Aber die Leute, die hier wohnen, wollen hier sein. Sie haben sich das ausgesucht. Wir sind stolz darauf, in diesem Ort zu leben."

Später, in seinem Büro, zeigt mir Schierer Pläne für einen neuen Spielplatz, ein kleines Amphitheater, daneben Marktstände, und ich denke, dass die Menschen durch den Fantasietext nicht nur in ihrem Stolz verletzt sind, sondern sich in ihrem Vorwärtsdrang verkannt fühlen. Relotius hat den Ort als rückständig beschrieben. In seiner Erfindung reisen die Menschen nur selten und schauen abends lieber "Akte X" oder Gameshows, als die Kommentarseiten der " New York Times" zu studieren. Er schreibt, sie seien keine Rassisten, aber dann stellt jemand, in Relotius' Fantasie, am Ortseingang ein Schild auf mit der Aufschrift: "Mexicans Keep Out". Nach allem, was man vor Ort in Erfahrung bringen kann: Dieses Schild gab es nie.

Je länger ich hier bin, umso mehr habe ich den Eindruck, an einem Tatort zu recherchieren. "Fox & Friends", die Lieblingssendung des Präsidenten, interviewt den Bürgermeister, das Lokalfernsehen hat ein Kamerateam geschickt, die US-Botschaft in Berlin schaltet sich in die ganze Sache ein, die "Bild"-Zeitung kündigt sich an.

Nicht alle wollen vergeben. Es gibt auch Leute in Fergus Falls, die sich noch immer ärgern, darunter der Verwaltungsleiter der Stadt. Im Text wird er als Waffennarr beschrieben, der im Rathaus seine Beretta-Pistole spazieren trägt, ziemlich kindlich und naiv wirkt, noch nie am Meer war und im Bus unbeholfen Frauen anquatscht, die ihn abblitzen lassen, weil er Trump wählte.

In Wahrheit ist er seit drei Jahren liiert, am Meer war er natürlich, eine Waffe dürfe man im Rathaus gar nicht tragen, und Bus fährt er nicht. Nichts an seiner Beschreibung stimmt - er hat keinen Fernseher im Büro, auf dem er CNN schaut, wie Relotius schrieb, es steht nirgends ein ausgestopftes Wildschwein herum, nichts ist wahr.

Wir sitzen uns eine Stunde lang im Besprechungsraum des Rathauses gegenüber und reden. Ich entschuldige mich im Namen des SPIEGEL, auch das gehört jetzt zu meinem Job. Es geht dem Verwaltungsleiter aber nicht um all die falschen Details, die ihn betreffen, er will nichts geraderücken. Das Wildschwein ist ihm egal. Es geht ihm um die ganze, beschissene Geschichte über seine Stadt. Er will nicht mehr zitiert werden, er will kein Foto.

Nur einen Satz möchte er öffentlich sagen: "Das ist eine wunderbare, liebenswerte Gemeinschaft. Eine Stadt wie ein Edelstein." Diese Story hat kein Happy End.

Drei Tage im echten Fergus Falls, nicht im erfundenen, sind eine Lektion in Demut. Natürlich hat auch diese Stadt ihre Probleme, aber die Leute strengen sich an, sie sind freundlich, sie arbeiten hart. Die Mehrheit hat für Donald Trump gestimmt, ja, und die Menschen sind wesentlich interessanter, vielschichtiger als die Karikaturen, die Relotius aus ihnen gemacht hat.


Anmerkung: Die von Relotius verfassten Artikel bleiben bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

Den Text "In einer kleinen Stadt" über Fergus Falls wird der SPIEGEL aber nun sperren lassen, auch weil die Bewohner der Stadt darum gebeten haben.

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