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25. November 2014, 19:01 Uhr

Gewalt in Ferguson

Obamas überfällige Rede

Ein Kommentar von , Washington

Ferguson brennt - und Barack Obama legt nur einen müden Auftritt hin. Ausgerechnet der erste schwarze US-Präsident hat bisher keine große Rede zu Hautfarbe und Ungleichheit gehalten. Jetzt ist es Zeit.

Es war ein schwacher, ein müder Auftritt. Während Ferguson brannte, sprach Barack Obama vor der Presse im Weißen Haus von "negativen Reaktionen, die sich nun mal gut im Fernsehen machen". Der Präsident redete auch über Rassendiskriminierung, forderte zur Ruhe auf und bat die Polizei um Zurückhaltung. Zehn Minuten, das war's.

Das reicht aber nicht. Obama sollte noch diese Woche nach Ferguson reisen und eine Rede halten. Die Rede.

Denn nach der Entscheidung der Grand Jury, den Polizisten Darren Wilson nicht anzuklagen, droht der Protest von Ferguson zu zerfasern: Brennende Autos und Geschäfte, Schüsse, plündernde Jugendliche nehmen den friedlichen Demonstrationen die Luft. Vergebens hatten die Eltern des erschossenen Teenagers Michael Brown darum gebeten, dem Andenken ihres Jungen nicht zu schaden.

Nun ist es an Obama: Er darf das Feld nicht den Plünderern überlassen. Der Präsident könnte dem Protest eine Richtung geben und aus der Empörung, der Trauer, der Wut die Kraft für Amerikas Kampf gegen den ganz alltäglichen Rassismus generieren. Große Reden können das politische Gespräch einer Gesellschaft definieren: Präsident Lyndon Johnson kündigte nach dem Tod Kennedys die Civil-Rights-Gesetzgebung an, es war einer der besten Momente Amerikas. Und Johnson hatte, anders als Obama, rhetorisch wirklich nicht viel drauf.

Wie damals in den Sechzigern muss Amerika heute wieder ein paar grundsätzliche Dinge klären - und abstellen: Wie kann es sein, dass so unverhältnismäßig oft Schwarze Opfer von Polizeischüssen werden? Wie kann es sein, dass viele Schwarze in Amerika am Tag ihrer Volljährigkeit nicht nur ihren 18. Geburtstag, sondern auch ihr 18-jähriges Überleben feiern? Wie kann es sein, dass Polizisten nach Recht und Gesetz handeln, wenn sie Unbewaffnete regelrecht niederballern?

Egal ob Michael Brown aggressiv war oder nicht, ob er zuschlug, ob er provozierte, ob er riesenhaft wirkte - er war unbewaffnet. Punkt. Ein paar Tage später wurde wenige Meilen entfernt ein anderer unbewaffneter Schwarzer von der Polizei erschossen: Er hatte eine Flasche Gatorade geklaut und näherte sich zwei Streifenbeamten, rief: "Erschießt mich doch!" Sie erschossen ihn. Niemand machte ihnen nachher einen Vorwurf. Wie kann es sein, dass ein Leben so wenig zählt?

Ausgerechnet der erste schwarze US-Präsident hat die große Rede zu Hautfarbe und Ungleichheit bisher nicht gehalten. Jedenfalls nicht im passenden Rahmen. Im Fall des Trayvon Martin - dem von einem selbsternannten Nachbarschaftswächter erschossenen schwarzen Teenager - sagte er ein paar entscheidende Sätze zur historischen Ungleichbehandlung der Afroamerikaner im Justizsystem. Allerdings wieder nur im beengten Presseraum des Weißen Hauses: "Vor 35 Jahren hätte ich Trayvon Martin sein können", war einer dieser Sätze.

Für solche Sätze braucht es jetzt die große Bühne. Und die steht in Ferguson.

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