Festnahme in Pakistan Islamist hatte Bonn und Frankfurt im Visier

Bonn und Frankfurt sollen die deutschen Städte sein, die ein in Pakistan festgenommener Terrorverdächtiger auf einer Landkarte rot markiert hat. Deutsche Ermittler hoffen nun auf Hilfe der Behörden in Pakistan.

Von und Yassin Musharbash


Ladengeschäft des Terrorverdächtigen nach der Festnahme
AP

Ladengeschäft des Terrorverdächtigen nach der Festnahme

Berlin - Der Journalist Mubasher Bukhari, der die Geschichte in der "Daily Times" aus Lahore aufdeckte, sagte SPIEGEL ONLINE, dass nach seinen Informationen die Städte Bonn und Frankfurt auf einer Karte mit einem roten Stift markiert wurden. Ermittler fanden bei dem am Sonntag in Faisalabad festgenommenen Osama Bin Yousaf außerdem Pläne von London, Mailand und Rom, die offenbar ähnlich bearbeitet worden waren. Der Journalist betonte, dass er seinen Quellen im Polizeiapparat und beim Geheimdienst absolut vertraue.

Die Details, die der Journalist herausfand, sind beunruhigend. Demnach gilt Bin Yousaf in Pakistan als polizeibekannter und gewaltbereiter Islamist, der enge Kontakte zu anderen bekannten Extremisten haben soll. Er soll Mitglied in der islamistischen Organisation Lashkar Jhangvi sein, die in Pakistan aktiv ist. Bisher fehlen noch genaue Erkenntnisse, ob die Markierungen auf den Karten Hinweise für geplante Anschläge sind. Seit seiner Festnahme wird der Verdächtige intensiv verhört.

Bin Yousaf war ins Visier der Fahnder geraten, nachdem seine Telefonnummern in den Unterlagen von Abu Farraj al-Libi gefunden worden waren. Al-Libi, mutmaßlich Operationschef und damit die Nummer drei der Qaida, war im Mai im Nordwesten Pakistans verhaftet worden. Im Juni wurde er an die USA ausgeliefert; seine Festnahme gilt als einer der größeren Erfolge im Kampf gegen das Terrornetzwerk seit der seines Vorgängers im Amt des Planungschefs, Chalid Scheich Mohammed. Sollte es wirklich eine intensive Verbindung zwischen Bin Yousaf und al-Libi gegeben haben, müsste man die bei Bin Yousaf gefundenen Unterlagen sehr ernst nehmen.

Deutsche bemühen sich um Details

Von den deutschen Behörden war am Dienstag über die möglicherweise brisante Festnahme des Terrorverdächtigen nichts zu erfahren. Weder beim Bundesinnenministerium noch bei den Sicherheitsbehörden wollte jemand zu den Berichten über Osama Bin Yousaf Stellung nehmen. Von leitenden Beamten war lediglich zu erfahren, dass man sich intensiv um die Klärung des Vorgangs bemühe.

Mittlerweile ist der Verdächtige für mehrere internationale Dienste interessant. Aus Polizeikreisen in Pakistan verlautete, dass sich nicht nur die Deutschen um Details über Bin Yousaf bemühten. Ebenso sollen der britische und der amerikanische Geheimdienst um Informationen nachsuchen, erfuhr Bukhari aus seinen Quellen.

Auf die Sicherheitsbehörden kommt in den nächsten Tagen deshalb eine Menge Arbeit zu. Nach den Informationen der "Daily Times" führte der Verhaftete am vergangenen Donnerstag ein Gespräch mit Großbritannien, am Freitag mit einem Kontaktmann in Italien. Am Samstag soll er zwei Mal längere Zeit mit einem Gegenüber in Deutschland gesprochen haben.

Nach den Gesprächen schaltete er sein Telefon sofort ab, vermutlich, um den Geheimdiensten keine Möglichkeit zur Lokalisierung zu geben. Dennoch gelang es den Ermittlern, den Verdächtigen aufzuspüren. Nun gilt es herauszufinden, wen er in Deutschland anrief und warum.

Planspiele der al-Qaida

Es ist nicht das erste Mal, dass Deutschland ins Visier von Qaida-Terroristen gerät. Bei Yusuf Galan beispielsweise, der verdächtigt wird, Teil jener Qaida-Zelle gewesen zu sein, die für die blutigen Anschläge auf Vorortzüge in der spanischen Hauptstadt Madrid im März 2004 verantwortlich ist, fanden sich unter anderem Stadtpläne von Hannover, London und Pittsburgh in den USA. In den Jahren 2000/2001 plante außerdem eine von Abu Musab al-Sarkawi inspirierte Terrorzelle Anschläge im Ruhrgebiet. Sarkawi ist heute der von Osama Bin Laden anerkannte Statthalter des Terrornetzwerks im Irak.

Dass Deutschland am Krieg gegen den Irak nicht teilnimmt, spielte und spielt für al-Qaida keine Rolle. Im Gegenteil: Der Segen für Anschläge in der Bundesrepublik kommt von ganz oben. So sagte Osama Bin Laden zum Beispiel im Jahr 2002 in einer Rede "an die mit den USA alliierten Staaten": "Was treibt diese Länder, eine Allianz mit den USA einzugehen? Und an erster Stelle muss man Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Deutschland und Australien nennen."

Im vergangenen Jahr begründete auch die saudische Filiale des Terrornetzwerks noch einmal, warum Angriffe auf Deutschland ihrer Meinung nach gerechtfertigt sind. Nach dem Mord an einem deutschen Staatsbürger in der saudischen Hauptstadt Riad schrieben die Terroristen in ihrem Bekennerschreiben, es gelte, sich zu erinnern, "dass Deutschland eines der grundsätzlichen Länder der internationalen Allianz gegen den Islam ist". Deutschland habe "mit Kraft" ebenso am "Überfall auf Afghanistan" als auch am "US-amerikanischen Projekt der Besatzung der islamischen Länder" mitgewirkt. Kurz nachdem SPIEGEL ONLINE seinerzeit über das Dokument berichtet hatte, nahm das Bundeskriminalamt (BKA) die Qaida-Argumentation in seine Gefahrenanalyse für die Bundesrepublik auf.

Latent, aber nicht akut gefährdet

Farraj al-Libi: Nummer drei des Netzwerks
DPA

Farraj al-Libi: Nummer drei des Netzwerks

Wegen solcher und ähnlicher Äußerungen aus dem Dunstkreis der al-Qaida hält das Bundesinnenministerium Deutschland durchaus für ein potentielles Ziel für einen islamistischen Terroranschlag. Die Bundesrepublik sei latent, aber nicht akut gefährdet - so heißt es meistens aus dem Munde von Minister Otto Schily (SPD). Doch das Risiko für Deutschland könnte steigen: Im September steht im Bundestag die Ausweitung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan auf der Tagesordnung; deutsche Soldaten werden dann auch in anderen Gegenden aktiv werden. Den Taliban- und Qaida-Kämpfern dürfte das kaum gefallen.

In Expertenkreise gilt unter den europäischen Staaten Italien als noch gefährdeter. Wegen des Irak-Engagement der Regierung von Silvio Berlusconi sind sowohl das Land insgesamt als auch der Regierungschef schon mehrfach explizit als Ziele bezeichnet worden; auch vor einem Angriff auf den Vatikan warnte eine angebliche Qaida-Untergruppe im vergangenen Jahr.

Dass solcherlei Drohungen nicht einfach ignoriert werden können, zeigt das Beispiel London: Jahrelang hatten Qaida-Propagandisten einen Anschlag auf die britische Metropole angekündigt, bevor er am 7. Juli zur blutigen Wirklichkeit wurde. Erst in der letzten Woche warnte Aiman al-Sawahiri, die Nummer Zwei der al-Qaida, vor weiteren Angriffen auf das Vereinigte Königreich. Dass nun ausgerechnet deutsche, italienische und britische Stadtpläne gefunden wurden, passt also in das Bedrohungsszenario.

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