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25. Juni 2011, 07:46 Uhr

Festnahme vor Deutschland-Besuch

Iran hindert prominente Fotografin an WM-Reise

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Das Regime in Teheran hat die prominente Sportfotografin Maryam Majd festnehmen lassen. Die Iranerin wollte zur Frauenfußball-WM nach Deutschland fliegen, kam dort aber nie an. Die letzte Nachricht, die ihre Gastgeberin in Düsseldorf per SMS bekam: "Juhu!" - dann war Funkstille.

Maryam Majd hatte einen Traum. Die junge Iranerin wollte zur Fußball-WM der Frauen in Deutschland reisen, die Spielerinnen ablichten und ein Buch über das Turnier herausbringen. Doch in Düsseldorf kam die Fotojournalistin nie an.

Genau eine Woche ist es her, dass Petra Landers vergebens am Terminal gewartet hat. Die ehemalige deutsche Fußball-Nationalspielerin hatte Majd eingeladen, die Formalitäten geregelt, das Flugticket gebucht. Doch erst verging eine Stunde, dann noch eine - irgendwann war klar: Die 25-Jährige war nicht an Bord der Maschine aus Teheran. "Das hat mir die Fluggesellschaft dann auch nach wiederholter Nachfrage bestätigt", sagte Landers SPIEGEL ONLINE.

Jeder Versuch der Kontaktaufnahme schlägt fehl. Das Mobiltelefon ist ausgeschaltet, auch auf E-Mails reagiert Majd nicht. "Zunächst dachte ich, sie hätte den Flug verpasst. Aber dann habe ich mir doch langsam Sorgen gemacht", erzählt Landers. Tagelang herrscht Funkstille. Landers, bei der Majd zwei Monate unterkommen sollte, probiert, über Freunde in Iran an Informationen zu kommen. Vergebens.

Erst am Mittwoch dieser Woche wird offiziell, was Landers "insgeheim schon befürchtet hatte". Eine Anwältin in Teheran bestätigt, dass Majd in ein staatliches Gefängnis gebracht wurde. Was ihr vorgeworfen wird, warum der Zugriff so kurz vor ihrer Reise ins Ausland erfolgte, wie lange sie in Gewahrsam bleiben muss - alles noch offene Fragen.

Nur quälend langsam sickern Details über die Festnahme durch. Entgegen ersten Vermutungen geschah die Festnahme wohl nicht am Flughafen, sondern bei Majd zu Hause. Außerdem durfte sie vom Gefängnis aus mit ihrer Familie telefonieren. Was in diesem Gespräch gesagt wurde, ist nicht bekannt. Laut iranischen Menschenrechtsorganisationen übt das Regime in Teheran massiven Druck aus, um den Angehörigen die Kontaktaufnahme mit westlichen Medien zu verbieten.

Steckt Majds Engagement für den Frauensport hinter der Festnahme?

Auch Amnesty International hat sich inzwischen in den Fall eingeschaltet. Man nehme die Berichte aus Iran sehr ernst, hieß es. Für weitere Schritte fehlten aber noch konkrete Informationen.

Doch warum geriet Majd überhaupt in den Fokus der iranischen Sicherheitsbehörden? "Außer ihr gibt es kaum weibliche Sportfotografen in Iran. Dadurch hat sie beinahe exklusiven Zugang zu verschiedenen Frauensportarten", berichtete Exil-Iranerin Shadi Sadr, die eng mit Amnesty International zusammenarbeitet, dem britischen "Guardian".

Demnach habe sich Majd vehement dafür eingesetzt, dass Frauen schon bald Zugang zu iranischen Fußballstadien erhalten sollen. Bisher ist dies mit der Begründung untersagt, dort könnten weibliche Zuschauer Gewalt und rüden Umgangsformen ausgesetzt werden. Verschiedene regimekritische Internetseiten beschreiben sie als Aktivistin. Unter anderen hatte sie an der populären Frauenzeitschrift "Zanan" mitgearbeitet, bis diese 2009, auf Geheiß der Regierung, eingestellt wurde.

Sportlerinnen in Iran sind verpflichtet, sich von Kopf bis Fuß zu bedecken. Internationale Wettkämpfe werden im Land nicht übertragen, weil die gegnerischen Mannschaften zu viel Haut zeigen könnten.

Kontroverse um iranische Fußballerinnen

Anfang Juni war es zum Eklat gekommen, als die Fifa dem iranischen Team die Teilnahme an einem Qualifikationsturnier für Olympia 2012 untersagt hatte. Das Ganzkörpergewand, vor allem aber die Kopftücher seien nicht mit den Regularien des Weltverbands zu vereinbaren, hieß es. Fotos der weinenden Spielerinnen gingen um die Welt, Präsident Mahmud Ahmadinedschad bezeichnete die Fifa-Obersten als "Diktatoren und Kolonialisten".

"Es liegt auf der Hand, dass Maryam Majd aus politischen Gründen festgenommen wurde. Sie und ihre Arbeit stehen für Emanzipation, Gleichheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit", sagt Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Grünen. "Die iranischen Behörden sind in der Pflicht, Frau Majd auf freien Fuß zu setzen und ausreisen zu lassen. Sie sollten sich daran erinnern, dass ihr Staat den internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte ratifiziert hat, der solch ein staatliches Verhalten strikt untersagt", appelliert Beck.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte SPIEGEL ONLINE, man sei "mit dem Fall über die deutsche Botschaft in Teheran befasst und bemühe sich intensiv um eine Aufklärung über den Verbleib von Maryam Majd".

"Mir kommen die Tränen"

Petra Landers beschreibt Majd als energische junge Frau, die sich voller Begeisterung auf ihren Einsatz bei der WM in Deutschland vorbereitet habe. "Wir haben uns während meines Iran-Urlaubs im Februar kennengelernt. Dabei ist auch die Idee für ein Buchprojekt entstanden", berichtet die Fußball-Europameisterin von 1989. "Sie ist Fotografin, ich betreibe in Deutschland eine Druckerei, und Grafiker kannten wir auch - so entstand der Plan für ein Fotobuch über die weniger bekannten Mannschaften im Frauenfußball."

Von der Fifa sei Majd für die Spiele der WM akkreditiert gewesen, sie habe sich voller Eifer in die neue Aufgabe gestürzt. "Noch kurz vor dem geplanten Abflugtermin bekam ich eine SMS, in der nur 'Juhu!' stand. Seitdem habe ich nichts mehr gehört."

Für Landers ist die Vorfreude auf das sportliche Großereignis in jedem Fall dahin. "Wenn ich daran denke, dass Maryam während des Eröffnungsspiels statt im Stadion wohl im Gefängnis sitzt - dann kommen mir die Tränen."

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