Türkei will Auslieferung USA halten Beweise gegen Gülen offenbar für unzureichend

Die Türkei drängt die USA, den Prediger Fethullah Gülen auszuliefern - er steckt angeblich hinter dem Putschversuch. Dass Washington Folge leistet, wird aber laut "Wall Street Journal" immer unwahrscheinlicher.

Fethullah Gülen
AFP

Fethullah Gülen


Die von der Türkei vorgelegten Beweise für eine Beteiligung Fethullah Gülens an dem versuchten Militärputsch reichen den USA nicht aus. Das berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Regierungskreise. Demnach sind Vertreter der US-Regierung bislang nicht davon überzeugt, dass es Grund zur Auslieferung gebe.

Die Regierung in Ankara macht den im US-Bundesstaat Pennsylvania lebenden Prediger für den gescheiterten Putschversuch verantwortlich und verlangt seine Auslieferung. Schon wenige Tage nach dem Putschversuch hatte die Türkei den USA mehrere Dokumente geschickt, die eine Beteiligung Gülens belegen sollen. US-Außenminister John Kerry hatte angekündigt, seine Regierung werde das Gesuch der Türkei prüfen.

Dem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge gab es inzwischen vertrauliche Gespräche zwischen US-amerikanischen und türkischen Beamten. Man habe Szenarien besprochen, unter denen Gülen eventuell ausgeliefert werden könnte. Bislang habe man aber noch keine "endgültige Entscheidung" getroffen. Es werde erwartet, dass die Gespräche sich noch "über Monate" hinziehen werden.

Neben US-Regierungskreisen zitiert die Zeitung auch Vertreter der türkischen Seite. Ihnen zufolge habe die Regierung in Ankara noch nicht alle Beweise gegen Gülen vorgelegt. In den kommenden Wochen werde man weiteres Material an Washington übergeben. "Wir werden ihnen mehr Beweise vorlegen, als sie haben wollen", hatte Ministerpräsident Binali Yildirim bereits unmittelbar nach dem Putschversuch angekündigt.

Je mehr türkische Funktionäre - Präsident und Premierminister eingeschlossen - öffentlich über Gülens angebliche Beteiligung an dem Putsch sprechen und seine sofortige Auslieferung fordern würden, desto unwahrscheinlicher werde diese allerdings, schreibt die Zeitung unter Berufung auf die US-amerikanischen Beamten. Solche Aussagen würden Zweifel daran schüren, dass Gülen in der Türkei fair behandelt werden würde. Außerdem würde die Art und Weise, wie Präsident Erdogan seit dem Putschversuch mit politischen Gegnern umgehe, die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der vorgelegten Beweise erhöhen. Die endgültige Entscheidung über eine Auslieferung muss Außenminister John Kerry fällen.

Ein Istanbuler Gericht erließ am Donnerstag derweil Haftbefehl gegen Gülen. Der Prediger reagierte darauf mit scharfer Kritik an der türkischen Justiz: Es sei "gut dokumentiert", dass den türkischen Gerichten die "juristische Unabhängigkeit" fehle, sagte Gülen. Der Haftbefehl gegen ihn sei ein weiteres Beispiel dafür, dass sich Präsident Recep Tayyip Erdogan immer mehr zum "Autoritarismus und weg von der Demokratie" bewege.

sos/dpa/AFP



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