Fidel Castros Schwester Donna rechnet mit dem Máximo Líder ab

Sie ist die Schwester von Fidel Castro, doch seine politischen Ziele teilte Juanita Castro nicht. Unter dem Decknamen "Donna" half sie acht Jahre lang dem amerikanischen Geheimdienst. Jetzt enthüllt sie die Familiengeheimnisse.

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Hamburg - Wann ist der richtige Zeitpunkt, die Bilanz eines Lebens zu ziehen, Erinnerungen preiszugeben, gerade, wenn man zwei Brüder hat, die Weltgeschichte schrieben? Fast ein halbes Jahrhundert hat sie gewartet, jetzt, am vorletzten Wochenende, entschloss sich Juanita Castro, 76, eine der vier Schwestern des durch Krankheit geschwächten Máximo Líder Fidel und des gegenwärtigen Staatsoberhaupts Raúl im spanischsprachigen Fernsehen in Miami zu reden: Sie gestand, zwischen 1961 und 1969 mit der CIA zusammengearbeitet zu haben, "dem ärgsten Feind des Regimes" ihrer Brüder.

Die mexikanische Journalistin María Antonieta Collins hat eine Reihe von Fernsehgesprächen mit der Castro-Schwester geführt und gleichzeitig deren Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Herausgekommen ist ein lebendiges Porträt der ganz und gar ungleichen Brüder Fidel und Raúl. Die Memoiren helfen, besser zu verstehen, warum die beiden vor gut einem halben Jahrhundert den Diktator Fulgencio Batista stürzen konnten und warum ihre ursprünglich nicht weniger kämpferische Schwester über die kommunistische Zwangsherrschaft, die ihre Brüder etablierten, so entsetzt war, dass sie 1964 ihre Heimat verließ.

Besonders deutlich zeigt sich die Verschiedenheit der Brüder beim Tod der Mutter am 6. August 1963. Raúl, damals Verteidigungsminister, eilte sofort ans Sterbebett. Vom Gang her hörte die Schwester ihn mit der Toten reden. Sie sah, wie der zärtlich "Musito" genannte Lieblingssohn die Verstorbene streichelte.

Fidel dagegen kam gleich mit großem Gefolge, ordnete an, den Sarg sofort zum Bahnhof zu schaffen, wo er bereits einen Zug organisiert hatte, der die Trauernden in das Heimatdorf Birán bringen sollte.

Bruch mit Fidel

Schon zu dieser Zeit, so beschreibt es Juanita, hatte sie politisch mit Fidel gebrochen, über das pietätlose Begräbnis zerrissen auch die Familienbande: Fidel waren Angehörige und Freunde ziemlich gleichgültig, den eigenen Sohn Fidelito hielt er lange fern von seiner Ex-Frau Mirta, er dachte nur an seine Arbeit für Kuba und an seine Macht. Den Bruder Raúl dagegen stellt Juanita immer wieder als mitfühlend dar.

Für ihre Brüder hatte die kleine Schwester schon ihr Leben riskiert, als die noch in der Sierra Maestra kämpften. Einmal musste sie nach Miami fliehen, ein anderes Mal versteckte sie sich vier Monate in der brasilianischen Botschaft, weil von ihr organisierte Waffentransporte für die Rebellen aufzufliegen drohten.

Nur wenige Wochen Anfang 1959 war es Juanita vergönnt, den Triumph auszukosten, dass ihr Bruder "es geschafft hatte, die Diktatur zu stürzen". Damals machte es sie sprachlos, wie viele junge Frauen, sogar ihre eigenen Freundinnen, sich wünschten, "eine Nacht mit ihm zu verbringen", oder "ihm einen Sohn zu gebären". Fidels eifersüchtige Genossin Celia Sánchez, die ihn in der Sierra Maestra wohl heimlich geheiratet hatte, sorgte bald dafür, dass ihm keine Verehrerin zu nahe kam. "Sie war die rechte Hand, die linke Hand, beide Füße und der Bart Fidels", sagt Juanita von ihr. Als sie 1980 an Lungenkrebs starb, sei der Máximo Líder "zerstört" gewesen.

Schon gleich in den Tagen nach dem Einzug der siegreichen Revolutionäre in Havanna lernte Juanita eine ganz andere Seite ihres Bruders kennen: Unzählige Bekannte flehten sie an, standrechtliche Erschießungen zu verhindern. "Ich tat, was ich konnte, um Ungerechtigkeiten auszubügeln." Sie lernte auch den Herrn über das Festungsgefängnis La Cabaña kennen, den argentinischen Arzt Ernesto Che Guevara, den sie als arrogant, ungehobelt und schmutzig verachtete.

Pflichtdienst für die CIA

Bald mietete Juanita eine Pension im Vedado-Viertel, um dort die Verfolgten des neuen Regimes zu verstecken und ihnen bei der Flucht ins Ausland zu helfen. Aber erst als der Bruder öffentlich erklärte, er sei immer schon ein Kommunist gewesen, brach sie mit ihm endgültig und verspürte keine Gewissensbisse, als die Gattin des brasilianischen Botschafters sie mit der CIA in Kontakt brachte.

Juanita verpflichtete sich, auf Kuba stationierten CIA-Agenten sichere Wohnungen zu beschaffen und Nachrichten zu überbringen. Ihre einzige Bedingung: keine Gewaltaktionen, schon gar nicht gegen ihre Brüder. Geld nahm sie nicht, ihre Hilfe sei "meine Pflicht als Kubanerin".

Detailliert schildert die Agentin "Donna", wie sie mit Unterstützung von zwei Freundinnen Zahlencodes dechiffrierte, die sie über ein Kurzwellenradio empfing, wenn abends um 19 Uhr der Walzer "Fascinación" ertönte. Wurde dagegen Musik aus "Madame Butterfly" gespielt, gab es nichts zu tun.

Doch auch die Beziehung zu den Yankee-Agenten, die mehrfach versuchten, ihren Bruder zu ermorden, endete für die alleinstehende Frau ähnlich wie ihre Erfahrung mit der Revolution - enttäuschend: 1969 will der neugewählte Präsident Richard Nixon einen Entspannungskurs gegenüber Moskau einschlagen. Weil die Russen fordern, ihren Verbündeten Castro künftig in Ruhe zu lassen, verlangten Juanitas Agentenfreunde von ihr auf einmal freundliche Worte über Fidels Reich. "Ich bin keine Verräterin", wehrte sie sich und nahm ihren Abschied: "Adiós Donna".

Nun sieht sie ihre Erinnerungen als einen letzten politischen Liebesdienst für die Heimat, wo fünf ihrer sechs Geschwister noch leben. Einige von deren Kindern und vor allem mehrere Enkel, insgesamt gut ein Dutzend enge Castro-Verwandte, haben dem Mangelkommunismus schon den Rücken gekehrt. Sie beendet ihr 430 Seiten starkes Buch mit einem direkten Appell an ihren Lieblingsbruder: "Raúl, in Deinen Händen könnte der Übergang zur Demokratie für Kuba liegen."



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mavoe 18.04.2009
1. Kuba
Zitat von sysopDie Obama-Regierung bricht mit der rigiden Anti-Kuba-Politik. Die Sanktionen sollen gelockert werden. Halten Sie den Schritt der USA für richtig?
Mann das wurde doch schon längst Zeit! Und nicht nur Sanktionen "lockern" sondern ganz aufheben. Nur dann kann es, wenn es die Castros nicht mehr gibt, einen "geordneten" Neuanfang geben.
geldzauber 18.04.2009
2.
Zitat von sysopDie Obama-Regierung bricht mit der rigiden Anti-Kuba-Politik. Die Sanktionen sollen gelockert werden. Halten Sie den Schritt der USA für richtig?
ein wahrlich überfälliger Schritt. 50 Jahre mußten die Kubaner unter diesem dummen Embargo leiden und haben deshalb viel ihrer Lebensqualität eingebüßt. Cuba ist für mich ein Beispiel, wohin amerikanische Außenpolitk hinführen kann.
testthewest 18.04.2009
3. Embargo
Zitat von geldzauberein wahrlich überfälliger Schritt. 50 Jahre mußten die Kubaner unter diesem dummen Embargo leiden und haben deshalb viel ihrer Lebensqualität eingebüßt. Cuba ist für mich ein Beispiel, wohin amerikanische Außenpolitk hinführen kann.
Tja früher gabs mal Blöcke. Da gabs mal Angst, das russische Panzer über uns hinwegrollen. Da sollten in Kuba Atomwaffen stationiert werden um die USA zu vernichten. Damals wollte man die Revolution mit Waffengewalt verteilen, die wie man heute weiss diesen Länder arg geschadet hat. Aber all das wissen die Foristen hier nicht mehr. Sicher ist dieser Schritt etwas verspätet, aber immerhin kommt er, und es erfordert doch einiges an Mut (den Clinton zB nicht hatte) diese in den USA nicht ganz so populäre Entscheidung als gewählter Volksvertreter durchzuführen. Das ist für mich der Grund warum Obama auf der Welt diese Bewunderung entgegenschlägt. Er kann Fehler eingesteheen (die er noch nichtmal selber verbrochen hat), er ist kontruktiv, er hat eine Vision. Eine Vision einer friedlichen Welt in der Vernunft über Metzeleien triumpfiert.
stier1952 18.04.2009
4. Längst überfällig.
Sollte Obama dies tatsächlich durchsetzen, dann wird sich in Kuba selbst sehr viel verändern. Und zwar Veränderungen, von denen die Menschen in Kuba profitieren könnten. "Wandel durch Annäherung" nannte Willy Brandt den Beginn der früheren von ihm begründeten neuen Ostpolitik. . Sollte Obama diese Politik auch in anderen Konflikten (Iran, Palästina, Russland) verfolgen, wird er allerdings noch richtige Probleme bekommen. Denn von den aktuellen Konflikt- herden wird ja auch profitiert, wirtschaftlich und politisch.
Berta, 18.04.2009
5.
Zitat von stier1952Sollte Obama dies tatsächlich durchsetzen, dann wird sich in Kuba selbst sehr viel verändern. Und zwar Veränderungen, von denen die Menschen in Kuba profitieren könnten. "Wandel durch Annäherung" nannte Willy Brandt den Beginn der früheren von ihm begründeten neuen Ostpolitik. . Sollte Obama diese Politik auch in anderen Konflikten (Iran, Palästina, Russland) verfolgen, wird er allerdings noch richtige Probleme bekommen. Denn von den aktuellen Konflikt- herden wird ja auch profitiert, wirtschaftlich und politisch.
die Menschen in Kuba profitieren könnten Ja das sieht man ja jetzt an Osteuropa Ungarn zB.,mal sehen wann das Pulverfaß hochgeht. Zumindest wurde die westliche Polizeiausstattung ganz schnell übernommen.
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