Finale im US-Vorwahlkampf Endzeitstimmung im Clinton-Lager

Hillary Clinton hat ihre Anhänger und auch ihren Stab zu einer letzten, "großen Rede" nach New York gebeten. Seitdem überschlagen sich die Gerüchte: Wird sie nach den Vorwahlen in Montana und South Dakota aufgeben? Wird sie sich mit Obama verbünden? Wird sie Vizekandidatin?

Von , New York


New York - Bill Clinton ist kein Mann der Sentimentalitäten. Gestern aber wurde der frühere US-Präsident geradezu nostalgisch, als er vom Wahlkampf sprach. Und zwar vom offiziell noch laufenden Wahlkampf seiner Frau.

Hillary Clinton: Wenn das kein Abgesang ist - was dann?
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Hillary Clinton: Wenn das kein Abgesang ist - was dann?

"Dies könnte der letzte Tag sein, an dem ich an einem Rennen wie diesem beteiligt bin", sagte Clinton fast wehmütig. In South Dakota war das, einem der letzten zwei Staaten, die heute Vorwahlen abhalten (der andere ist Montana): Da stand Clinton im Farmersdorf Milbank vor einem riesigen Sternenbanner - und begann plötzlich in melancholischem Tonfall über den zurückliegenden Kampf der Gattin um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten zu sinnieren. Als sei dieser Kampf - den er selbst mit Auftritten in fast 300 Orten mitgefochten hat - längst eine Sache der Vergangenheit: "Es war eine riesige Ehre, für sie zu arbeiten."

Das war ein verblüffendes, unerwartetes und womöglich versehentliches Eingeständnis aus erster Hand. Wo doch Hillary Clinton beharrt, sie werde, wolle, dürfe (noch) nicht aufgeben.

Wenn das kein Abgesang ist - was dann? Jedenfalls dauerte es nicht lange, bis Bill Clintons vermeintliches Goodbye auf allen Blogs, in allen TV-Shows hier widerhallte, flankiert vom passenden Videoclip. "Bereitet sich Hillary Clinton auf das Ende vor?", titelte die "Los Angeles Times", mit Blick aufs heutige Vorwahl-Finale in Montana und South Dakota.

Mitnichten, hielt Clintons Team panisch dagegen. "Wir erwarten nicht, dass am Dienstagabend ein Kandidat feststehen wird", dementierte Clintons Pressesprecher Mo Elleithee. "Wenn man müde wird, sagt man viel", wiegelte auch die Parteifunktionärin Debbie Dingell ab, eine Clinton-Unterstützerin.

Endzeitstimmung im Clinton-Lager

Und doch: Keiner hier kann sich mehr des Eindrucks erwehren, dass im Clinton-Lager Endzeitstimmung herrscht. Heute gibt es die letzten Stimmen, die letzten Delegierten - die letzten Stunden, in denen man so tun kann, als sei "dieser Wettlauf noch lange nicht vorbei", wie es Clinton in einer letzten E-Mail an ihre Spender beschwor, in der Nacht nach ihrem bittersüßen Pyrrhussieg von Puerto Rico.

Clintons Uhr läuft ab, die Stunde der Wahrheit dräut. Allein schon wegen des immer offeneren Drängens der US-Medien, dieses Rennen, das vor exakt fünf Monaten in Iowa begann, pünktlich zum heutigen Stichtag zu Ende zu bringen - und sei es auch mit Spekulationen, Gerüchten und einer kräftigen Portion Kaffeesatzleserei.

Das Wann und das Wo des Clinton-Abgangs, so scheint es, sind demnach längst klar - was bleibt, sei das genaue Wie. "In alles, was wir hören, lesen wir inzwischen etwas hinein", gab selbst die hartgesottene CNN-Reporterin Candy Crowley zu, die Clinton seit Januar begleitet.

Zum Beispiel der Terminplan. Da gab Clinton am Montag bekannt, dass sie ihren letzten Auftritt dieses Vorwahlkampfes am Dienstagabend weder in South Dakota noch in Montana haben werde - sondern in ihrem Heimatstaat New York. Aha, ahnten die Kommentatoren gleich - der symbolische Schlussakt! Denn hier hatte Clintons Mammutwahlkampf ja auch angefangen, im Januar 2007, als sie ihren Eintritt ins Rennen erklärte, mit einem in ihrem Wohnzimmer in Chappaqua gefilmtem Webvideo - und einem 17-prozentigen Vorsprung vor Barack Obama.

Und hier soll es nun also enden. Zunächst mit einer "großen Rede", wie es heißt, vor Clintons heimischen Schlachtenbummlern, in der recht unglamourösen Sporthalle des Baruch College auf Manhattans East Side. Und dann, später, mit einer etwas intimeren Soiree für das Wahlkampfteam, daheim in Chappaqua, in eben jenem pastellfarbenen Wohnzimmer.



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