First Lady im US-Wahlkampf Obermutti soll es richten

Kurz vor den Kongresswahlen greift US-Präsident Obama auf seine wichtigste Botschafterin zurück: seine Gattin. Die populäre First Lady soll vor allem Frauen zur Stimmabgabe locken. Doch wie einflussreich ist Michelle Obama wirklich?

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Hamburg - Mehrere Journalisten reihten sich um einen Tisch im East Wing des Weißen Hauses, wo Michelle Obama ihre Büros hat. Die First Lady hatte ausgewählte Pressevertreter geladen, um über ihre Kampagne gegen Fettleibigkeit bei Kindern zu sprechen. An ihre Verdienste auf diesem Gebiet solle man sich noch erinnern, hieß es etwas pathetisch, wenn sie den Regierungssitz längst wieder verlassen habe.

Danach stand man noch ungezwungen beisammen, Obama - im zimtfarbenen, kurzärmeligen Kleid, an den Füßen schicke Boots von Jimmy Choo - machte Smalltalk mit den Reportern. Ob sie ihre Frisur verändert habe, fragte einer. Ja, sagte Obama und strich sich über ihren um wenige Millimeter verkürzten Bob, sie habe sich die Haare schneiden lassen, "aber nicht so drastisch, dass es sofort Stoff für die Nachrichten ist".

Im Großen wie im Kleinen, ob bei landesweiten Antifett-Kampagnen oder bei der Länge ihrer Haare - Michelle Obama, die man einst zur "Mighty Michelle" - Michelle der Großen - stilisiert hatte, ist eine Frau geworden, die auf Nummer sicher geht.

Im Kongresswahlkampf 2010 ist die Gattin des Präsidenten mit Abstand die gefragteste Rednerin. Die Kandidaten der sogenannten "Battleground"-Regionen, in denen mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen von Demokraten und Republikanern zu rechnen ist, flehen das Weiße Haus geradezu an, man möge ihnen doch bitte die First Lady vorbeischicken.

Tickets zu "Fundraiser"-Veranstaltungen, bei denen Michelle Obama Spenden für die Partei sammelt, kosten 500 oder auch 1000 Dollar pro Person - dabei hat sie kaum Überraschendes zu bieten.

Witze über Mundgeruch und olle Socken

Schlüsselworte wie "Gesundheitsreform" oder "Energie" nimmt sie nicht in den Mund, beschwört bei ihren Auftritten stattdessen noch einmal den Traum der Kampagne von 2008: "Change" - Wandel.

Doch der Fuß ist vom Gas, sie mahnt zu Geduld. "Ich weiß, viele Menschen haben erwartet, dass dieser Wandel sofort eintreten würde, schon in dem Moment, als Barack zum ersten Mal im Oval Office zur Tür herein kam", sagte sie bei einem Auftritt in Milwaukee, Wisconsin. "Doch in Wahrheit werden wir länger brauchen, als es uns gefällt, um uns aus diesem Loch herauszuarbeiten."

Für Juhu-Jubel taugt das kaum, trotzdem wirken die Menschen, die zuhören, begeistert. Michelle Obamas kleine Gags - etwa, wenn sie ihren Mann als "dieser Typ, Sie wissen schon" bezeichnet - werden enthusiastisch belacht.

Vom Rausch der coolen Kampagne 2008, von der leidenschaftlichen Appellantin, die ihren Mann mit lässigen Fauststößen auf der Bühne begrüßte, von der Frau, die den abgehobenen Politiker-Gatten mit Witzen über Mundgeruch und olle Socken erdete - davon ist nichts geblieben.

Michelle Obama darf als Landesmutter nicht zu flapsig sein, sie darf als Frau des Präsidenten nicht negativ sein, sie darf als Anführerin ihrer landesweiten "Let's move"-Gesundheitskampagne Konservative nicht vergrätzen, sie braucht deren Unterstützung.

"Der Job einer First Lady ist eben Restriktionen unterworfen", sagt Michelle Obamas Biografin, die "Washington Post"-Redakteurin Liza Mundy. "Er lässt so wenig Spielraum, dass sie Erwartungen, politisch offensiver zu sein, nicht erfüllen kann."

"Zum ersten Mal stolz auf mein Land"

Vorpreschen war gestern; drei Jahre auf dem heißesten Polit-Parkett der Welt haben Michelle Obama zu einer Frau gemacht, die ihren messerscharfen Verstand vor allem dazu benutzt, endlos abzuwägen - was sie tut, was sie sagt, was sie anzieht.

Zwei Jahre zuvor war es ebenfalls in Milwaukee, wo sie mitten im Präsidentschaftswahlkampf in einer Rede eine Bemerkung machte, die bis heute als Steilvorlage rechter Stimmungsmache taugt.

Damals hatte Michelle Obama gesagt, der Zuspruch, den ihr Mann erfahre, mache sie "zum ersten Mal" im Leben "stolz auf mein Land".

In den USA, wo schon der Schulunterricht für die Kleinsten vielerorts mit dem Treuegelöbnis auf die Flagge beginnt, war Michelle Obama für den politischen Gegner, fürs patriotische Hurra-Fernsehen, für rechte Blogger fortan die "wütende Schwarze", die Frau mit den "aggressiven Augenbrauen", eine Vaterlandsverräterin, eine Nestbeschmutzerin.

Im Wahlkampfteam kam es zur Krise: Michelle Obama fühlte sich falsch beraten, nie habe man sie gewarnt, dass sie bei öffentlichen Auftritten mitunter "zu intensiv" wirke. Die kämpferische Kandidatengattin erwog, tief verletzt von den Attacken, den Rückzug aus der Kampagne.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
egils 28.10.2010
1. Wie so oft...
...in deutschen Medien, eine sehr freie uebersetzung aus dem englischen:-) "Mighty Michelle" mit "Michelle der Grossen" zu uebersetzen ist schon etwas, naja, weit hergeholt. Sieht man leider immer öfter in den Medien. Uebersetzungen aus dem englischen werdens ehr frei ausgelegt und veraendern den Ton teilweise dramatisch. fast taeglich im Fernsehen bei fast allen nachrichten zu sehen, wenn man auf den original-Ton hört und dann die Deutsche uebersetzung die uber den O-Ton gelegt wird...kontrolliert das eigentlich irgendeiner? Vieleicht bin ich etwas zu Oberlehrerhaft hier, aber ich finde halt das sehr oft eine Bemerkung sehr stark veraendert wird durch die fehlerhafte und zu freizuegige Uebersetzung. Sorry wenn ich meine lieben Forom-Mitbenutzer mit diesem beitrag gelangweilt habe.
ohmscher 28.10.2010
2. Chains - yes we can!
Zitat von sysopKurz vor den Kongresswahlen greift US-Präsident Obama auf seine wichtigste Botschafterin zurück: seine Frau. Die populäre First Lady soll vor allem Frauen zur Stimmabgabe locken. Doch wie einflussreich ist Michelle Obama wirklich? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,725868,00.html
Ach ja, mit Barrack hat die Sache nicht so hingehauen, jetzt versucht man, vorsichtiger, die First Lady von Deutschland aus hochzuloben. Viel Erfolg!
RobAndrew 28.10.2010
3. Interessant?
Zitat von sysopKurz vor den Kongresswahlen greift US-Präsident Obama auf seine wichtigste Botschafterin zurück: seine Frau. Die populäre First Lady soll vor allem Frauen zur Stimmabgabe locken. Doch wie einflussreich ist Michelle Obama wirklich? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,725868,00.html
Das interessiert doch schon in America niemanden. Geschweige den in Deutschland?
ThorstenNYC 28.10.2010
4. Watt den nu?
ARTIKEL: »Im Kongresswahlkampf 2010 ist die Gattin des Präsidenten mit Abstand die gefragteste Rednerin.« Häh? Ich denke, Bill Clinton ist der gefragteste Wahlkapmstar der Dems? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722802,00.html Watt den nu?
ThorstenNYC 28.10.2010
5. I'm going rogue
Zitat von egils...in deutschen Medien, eine sehr freie uebersetzung aus dem englischen:-) "Mighty Michelle" mit "Michelle der Grossen" zu uebersetzen ist schon etwas, naja, weit hergeholt. Sieht man leider immer öfter in den Medien. Uebersetzungen aus dem englischen werdens ehr frei ausgelegt und veraendern den Ton teilweise dramatisch. fast taeglich im Fernsehen bei fast allen nachrichten zu sehen, wenn man auf den original-Ton hört und dann die Deutsche uebersetzung die uber den O-Ton gelegt wird...kontrolliert das eigentlich irgendeiner? Vieleicht bin ich etwas zu Oberlehrerhaft hier, aber ich finde halt das sehr oft eine Bemerkung sehr stark veraendert wird durch die fehlerhafte und zu freizuegige Uebersetzung. Sorry wenn ich meine lieben Forom-Mitbenutzer mit diesem beitrag gelangweilt habe.
Offensichtlich Leute wie du und ich – aber auf uns hört ja niemand. :-/ Mir fällt seit Jahren auf, wie (Falsch)übersetzungen anscheinend bewusst den (vermeintlichen) Erwartungshaltungen des deutschen Publikums angepasst werden – oder zumindest die Voreingenommenheiten der Journaille widerspiegeln. Ein eklatantes Beispiel ist rogue state, das mit »Schurkenstaat« m.E. völlig bedeutungsverfälschend übersetzt wird. Ein rogue comet ist natürlich kein »Schurkenkomet«, sondern ein Komet auf einer unberechenbaren Bahn und damit unvorhersehbar und unkontrollierbar. Und genau das soll der Begriff rogue state auch vermitteln: da ist ein Staat, der sich keinem internatinalen Regime unterwirft (UNO!), sich an keine Regeln hält, unberechenbar ist. Wenn ein Mensch von sich selbst sagt: »I'm going rogue«, erklärt er ja auch nicht: »Ich bin jetzt Schurke«, sondern »Ich spiele nicht länger nach den Spielregeln«, »Ich mache jetzt mal alles ganz anders«, »Ich werde ab jetzt unkonventionell und unvorhersehbar agieren«.  Das Problem mit dem Schurkenstaat war, dass die Übersetzung zu Buschs Zeiten aufgekommen ist – und W. hätte es eben gepasst, tatsächlich von Schurkenstaaten zu sprechen (vgl. evildoer). In diesem Fall ist W. aber unschuldig; tatsächlich hatte er eine durchaus neutrale und objektive Bezeichnung gewählt.
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