Flucht aus Iran Über die Grenze und in den Westen

Sie fliehen über die grünen Grenzen des Gottesstaats, ständig in Angst, dass Angehörige daheim dafür büßen müssen: Seit den Wahlen sind Tausende reformorientierte Iraner ins Exil gegangen. In Berlin, Paris und London versuchen sie den Neuanfang, ihre Zukunft ist ungewiss.
Iranerin auf einer Demonstration in Teheran: Neue Generation von Exilanten

Iranerin auf einer Demonstration in Teheran: Neue Generation von Exilanten

Foto: CAREN FIROUZ/ REUTERS

Es waren verschlungene Wege, die Mirta ins Exil brachten. Zu Fuß gelangte sie in kalten Nächten über die Berge an der iranisch-türkischen Grenze. Dann brachten Schmuggler sie mit dem Pferd weiter in die Türkei. Versteckt hinter der Ladung auf einem Lastwagen erreichte sie Istanbul, wo sie sich einen falschen Pass besorgte. Damit reiste die 23-jährige Iranerin nach Deutschland ein, wo sie politisches Asyl beantragte. Wie lange sie bleiben kann, weiß die Journalistin nicht. Nur eins ist gewiss: Nach Iran führt kein Weg zurück, vermutlich für lange, lange Zeit.

Nach der umstrittenen Wahl vom 12. Juni und der Geburtstunde der neuen iranischen Protestbewegung gegen die Regierung Mahmud Ahmadinedschads begann eine kleine Völkerwanderung nach Westen. In den vergangenen Monaten sind Tausende reformorientierter Iraner aus politischen Gründen ausgereist, mehr oder minder freiwillig, ganz normal mit dem Flugzeug oder wie Mirta über geheime Pfade. Andere, die während der Wahlen zufällig im Ausland waren, kehrten aus Angst vor Repressalien gar nicht erst nach Hause zurück. So ist eine neue Generation iranischer Exilanten entstanden, die nun versucht, in Berlin und Paris, in London und den Großstädten der USA Fuß zu fassen.

Die meisten, die den Neustart wagen, sind jung und hochgebildet. Studenten, Journalisten, politisch Aktive: Iran gehen durch die angespannte politische Lage seine besten Köpfe verloren. Laut "Reporter ohne Grenzen" sind seit den Wahlen mehr als hundert iranische Journalisten in Europa eingetroffen, viele weitere seien in die Türkei oder den Irak geflohen und warteten dort auf ein Visum für den Westen. Allein in Paris, einer der traditionellen Hochburgen des iranischen Exils, seien seit dem Sommer Hunderte Neuankömmlinge registriert worden, sagt ein westlicher Diplomat. In Berlin sei die Situation ähnlich.

Mirta kehrte ihrer Heimat den Rücken, weil sie bedroht wurde. Sie hatte ihren Namen unter einen Aufruf gesetzt, mit dem 293 iranische Journalisten Mitte August ihren Widerspruch gegen die Niederschlagung der Wahlproteste in Iran kundtaten. Nach der Veröffentlichung wurden die meisten der Unterzeichner vom Geheimdienst zu Verhören vorgeladen, so auch Mirta. "Ich bin nicht hingegangen, und dann begannen die Drohanrufe", sagt sie in einem norddeutschen Auffanglager für Asylsuchende. Einer nach dem anderen wurden die Unterzeichner des Appells inhaftiert. Die Verhaftungswelle dauert bis heute an, am vergangenen Sonntag wurde der Journalist Sasan Aghai abgeholt, auch er hatte unterschrieben.

Familie, Freund, das Umfeld - Vergangenheit

Aus Angst, ebenfalls im Gefängnis zu landen, schlief Mirta zwei Wochen lang nicht zu Hause, dann stellten Bekannte Kontakt zu einem Schmuggler her. "Ich musste meine Familie, meine Freunde, mein geliebtes Teheran zurücklassen. Ich musste aus meinem eigenen Land fliehen, mit nur meinem Rucksack und den Erinnerungen an 23 Jahre." Aus Furcht, dass sie ihre Eltern in Schwierigkeiten bringen könnte, konnte Mirta sie nicht in ihre Reisepläne einweihen. Erst aus Deutschland, wo sie einen Bruder hat, rief sie daheim in Teheran an. "Ich weiß nicht, wann ich meine Eltern wiedersehen werde", sagt die Journalistin. Ihre Flucht habe sie 10.000 Dollar gekostet.

Hilfestellung beim Neustart erhalten die Neu-Exilanten von Landsleuten, die schon lange nicht mehr in Iran leben. Einer, der in Berlin als Anlaufstelle für Neuankömmlinge fungiert, ist Sohrab Mokhtari. Der heute 24-Jährige ist seit 2003 in Deutschland. Seinen Nachnamen kennen fast alle diejenigen, die in diesen Wochen hier ankommen. Sohrabs Vater Mohammad war ein bekannter iranischer Schriftsteller, im Dezember 1998 wurde er entführt, eine Woche später fand man seine Leiche. Er war ein Opfer der sogenannten Kettenmorde, die vermutlich von staatlichen Sicherheitskräften verübt wurden. Die Familie bemühte sich um Aufklärung des Falles, stand permanent unter Beobachtung. Ein paar Jahre lang hielten sie dem Druck stand, dann reisten die Mokhtaris aus.

Am Tag nach den umstrittenen Wahlen in Iran gründete Mokhtari mit iranischstämmigen Freunden in Berlin das "Netzwerk junger Iraner in Berlin". "Wir wollten unsere Unterstützung für die Protestbewegung zu Hause zeigen", erzählt der Student. Sich der Gruppe anzuschließen, fiel vielen nicht leicht, bedeutete es doch, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Kehren die Mitglieder des Netzwerkes in ihre Heimat zurück, müssten sie damit rechnen, bei der Ankunft in Iran noch auf dem Flughafen verhaftet zu werden.

"Als ich in Deutschland ankam, konnte ich mich nicht freuen"

"Viele meiner iranischen Freunde in Berlin sind so über Nacht zu Exil-Iranern geworden", sagt Mokhtari. Dass sie beim Teheraner Regime in Ungnade gefallen sind, bekommen die Aktivisten auch in Berlin zu spüren. "Fast alle bekommen Anrufe von Unbekannten, die sofort wieder auflegen." Die Mutter eines Berliner Mitglieds des Netzwerks sei in Teheran angerufen und bedroht worden.

Die alten und neuen Auslandsiraner gehen davon aus, dass jedes Telefonat mit der Familie daheim belauscht, jede E-Mail gelesen wird. Offene Gespräche darüber, wie es den Kindern in der Fremde oder wie es den Eltern zu Hause geht, sind unmöglich. "Das ist hart", sagt Mokhtari.

"Ich habe es immer geliebt zu reisen", sagt Mirta, die die Routinegänge der Neuankömmlinge noch vor sich hat. Wohnungssuche, die ersten Einkäufe bei Ikea, später dann der Sprachkurs an der Volkshochschule: Bevor sie ihr Leben in Deutschland beginnen kann, muss sie aus dem Auffanglager entlassen, muss ihr Status geklärt werden. "Keiner von uns, die wir Iran nach den Wahlen verlassen haben, hat gehofft, in Europa einen besseren Job zu bekommen", sagt sie. Sie und die anderen hätten das eigene Leben retten müssen, sonst wären sie geblieben. "Als ich in Deutschland ankam, konnte ich mich nicht freuen", sagt Mirta. Es fühle sich an, als habe jemand ihre Erinnerungen in eine Kiste gesperrt, sagt sie: "Und dann haben sie mir den Schlüssel weggenommen."

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