Flucht aus Südlibanon Israel will keine Sicherheitsgarantien geben

Es ist eine Flucht mit Hindernissen: 200 Deutsche wollen den Südlibanon so schnell wie möglich verlassen, doch das Schiff, das sie von Tyrus nach Zypern bringen soll, lässt auf sich warten. Viele Bundesbürger bleiben, weil sie Angst haben, auf der Flucht selbst in den Bombenhagel zu geraten.


Beirut - Sie können nur warten: In der südlibanesischen Hafenstadt Tyrus versammelten sich heute insgesamt 200 Deutsche und andere Ausländer aus EU-Staaten, um sich mit einem von der Bundesregierung geschickten Schiff in Sicherheit zu bringen. Das ursprünglich für den frühen Morgen vorgesehene Eintreffen des zypriotischen Schiffes verzögerte sich nach Angaben von Beobachtern vor Ort jedoch um einige Stunden. Gründe für die Verspätung wurden zunächst nicht bekannt. Nach Angaben der deutschen Botschaft in Beirut soll das Schiff voraussichtlich am Abend auslaufen.

Offenbar wollen noch weitaus mehr Bundesbürger den Süden Libanons verlassen. Doch vielen ist die Fahrt zu gefährlich. Israel sei nicht bereit gewesen, Sicherheitsgarantien für die Straßen zu geben, die zum Hafen von Tyrus führten. Das habe Ausreisewillige möglicherweise davon abgehalten, das Hilfsangebot anzunehmen, hieß es.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte am Wochenende, bislang sei es gelungen, etwa 800 Deutsche aus dem Süden des Landes nach Deutschland zu evakuieren. Insgesamt haben seit Beginn der Kampfhandlungen rund 5500 Deutsche und ihre libanesischen Angehörigen mit Hilfe der Botschaft das Land per Schiff oder auf dem Landweg über Syrien verlassen. Gestern war erneut ein deutscher Bus-Konvoi in Beirut aufgebrochen. Er brachte 500 Deutsche, ihre Familienangehörigen und Libanesen mit Aufenthaltsgenehmigungen für die EU nach Damaskus.

Die Massenflucht von Ausländern aus dem Libanon nach Zypern hielt heute an. Mehr als 30.000 Flüchtlinge hätten bereits Zypern erreicht, teilten die Behörden in Nikosia heute mit. Am Morgen erreichten mehr als tausend Kanadier die Mittelmeerinsel. Im Laufe des Tages wird mit der Ankunft von 15 Schiffen mit zahlreichen weiteren Flüchtlingen gerechnet.

Die Behörden rechnen mit mindestens 40.000 weiteren Menschen, die auf der Insel Zuflucht suchen werden. Viele der Kanadier, die heute ankamen, berichteten, dass immer noch Tausende Ausreisewillige im Libanon festsitzen. Angesichts der dramatischen Lage rief Zyperns Präsident Tassos Papadopoulos die Europäische Union auf, mehr Hilfe zu leisten. "Angesichts unserer begrenzten Möglichkeiten, haben wir uns schon selbst übertroffen", sagte Papadopoulos.

Auch die EU fürchtet einen neuen Strom von Libanon-Flüchtlingen nach Zypern. Für Zehntausende Asiaten und Afrikaner im Libanon führe die Hauptroute aus dem Krisengebiet derzeit über Syrien, betonte der EU-Ministerrat. Bei einer Blockade dieses Weges könnte der Fluchtweg nach Zypern aktuell werden. "Dies würde aber die Frage des Umgangs mit den Lasten eines großen Zustroms von Nicht-Europäern in die Union aufwerfen", heißt es in dem vertraulichen Papier, über das die Botschafter der 25 EU-Staaten berieten.

Die Vereinten Nationen fordern angesichts der humanitären Notlage im Libanon mehr als 100 Millionen Dollar (79 Millionen Euro) für dringende Hilfen. Das sagte der Uno-Koordinator für Nothilfe (OCHA), Jan Egeland, gestern in Larnaka auf dem Weg nach Beirut. Die Uno will zudem drei humanitäre Korridore vom Meer aus einrichten, sagte der norwegische Diplomat, der im Auftrag von Uno-Generalsekretär Kofi Annan in die Krisenregion reist, laut CNA.

Darüber hinaus verlangt die Weltorganisation einen sicheren Zugang auf dem Landweg nach Beirut sowie Landemöglichkeiten für Flugzeuge. Mehr als 500.000 Menschen seien wegen der israelischen Luftangriffe im Libanon auf der Flucht. Sie benötigten Lebensmittel, Trinkwasser, Medikamente, Unterkunft und sanitäre Einrichtungen, sagte Egeland.

phw/dpa



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