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03. November 2017, 16:43 Uhr

Flucht aus Westafrika

Wenn Papa dich aufs Meer schickt

Aus Saba, Gambia, berichten Jens Bostrup und Finn Frandsen (Fotos), "Politiken"

Gambia ist arm, die Verheißung Europa riesig. Da schreckt auch die immer schwierigere Flucht über das Mittelmeer kaum - erst recht nicht, wenn die ganze Familie zum Aufbruch drängt.

Dieser Text ist Teil einer Kooperation von sechs europäischen Medienhäusern, die den Fokus auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeerraum und in Afrika richtet. Mehr zur Zusammenarbeit von "Politiken" (Dänemark), "La Stampa" (Italien), "Le Monde" (Frankreich), "El País" (Spanien), "The Guardian" (Großbritannien) und DER SPIEGEL lesen Sie hier.


Alle im Dorf kennen die Gefahren, die Europa mit sich bringt. Sie wissen, dass auf dem Weg Entführung, Folter, Tod durch Ertrinken drohen. Viele in Saba, einer kleinen Stadt in Gambia, haben bereits einen geliebten Menschen auf der Flucht verloren. Trotzdem drängen sie den nächsten, die Reise anzutreten.

"Als mein Bruder Sleiman gestorben ist, war das Allahs Wille", sagt Ebrima Danso, ein Bauer, der Nüsse und Melonen züchtet. Er weiß nicht genau, wie Sleiman zu Tode gekommen ist, drüben in Italien. Was er jedoch nur zu genau weiß: Mit seinem Tod endete auch der karge, aber dennoch stetige Geldfluss, der der Familie das Überleben sichert. Als ältester Sohn kümmert sich Ebrima um die Mutter. Geld musste her - und für Ebrima konnte das nur eines bedeuten: Der jüngste Bruder musste nach Italien und Sleimans Platz als Verdiener einnehmen.

Gefragt nach den Gefahren, denen er seinen eigenen Bruder aussetzt, wird Ebrima deutlich: "Wenn er es schafft, kann die Familie überleben. Wenn nicht, war es Allahs Wille. Ich lege alles in Gottes Hand." Die Reise ist offenbar nicht gut gelaufen. Bis nach Libyen hat es der Bruder geschafft. Dann geriet er in die Hände von Milizen. Seit Juni hat die Familie nichts mehr von ihm gehört.

Ältere Dorfbewohner hocken im Schatten vor einem Lebensmittelladen von Saba, der wenig mehr verkauft als Reis. Sie erklären die harte wirtschaftliche Realität. Wasasi Singhateh war Vater von drei Söhnen. Zwei von ihnen, so erzählt er, starben auf einem Menschenschmugglerschiff, als die Treibstoffreserven Feuer fingen. Von den 150 Passagieren starb ein Drittel in den Flammen oder nach dem verzweifelten Sprung über Bord. "Natürlich will ich nicht, dass meine Kinder solche Risiken eingehen", sagt er. "Niemand will das. Aber es ist der einzige Weg, um die Familie zu ernähren."

Der dritte Sohn hat es nach Spanien geschafft. Er schickt im Monat rund 50 Euro nach Hause. Das reicht so gerade, um die Daheimgebliebenen zu ernähren - auch wenn außer Reis wenig auf dem Speiseplan steht.

Das Land ist abhängig von den Geflüchteten

Mit gerade einmal zwei Millionen Menschen ist Gambia eines der kleinsten Länder Afrikas - doch seine Bewohner machen sich in überdurchschnittlich großer Zahl auf den Weg nach Norden. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres kamen mehr als 5000 Gambier über das Mittelmeer. Gerechnet auf die Gesamtbevölkerung eine extrem hohe Quote.

Das spiegelt sich auch im stetigen Geldfluss zurück nach Gambia wider. Laut Weltbank macht dieser rund 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes aus. Zum Vergleich: Die Landwirtschaft, die rund 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung mit Jobs versorgt, kommt auf 30 Prozent des BIP.

Diese Abhängigkeit schmälert die Entwicklungschancen Gambias und anderer Länder in Westafrika mit einem ähnlichen Abwanderungsproblem. "In manchen Gegenden gibt es quasi keine jungen Menschen mehr", sagt Ada Lekoetje, Uno-Vertreterin in Gambia. "Nach dem Exodus haben sie kaum noch jemanden mehr, der die schwere Landarbeit leisten kann."

Die Libyen-Route ist kaum noch eine Option

Doch es sind nicht nur die nackten wirtschaftlichen Entbehrungen, die viele Junge aufbrechen lassen. "Es ist auch eine Einstellungsfrage", sagt die Uno-Frau. Migranten, die es in Europa zu Arbeit gebracht haben, seien zu Idolen geworden. Es gebe einen regelrechten Hype um die vermeintlich erfolgreichen Arbeiter auf der anderen Seite des Meeres.

Deshalb würden auch Gambier mit relativ sicheren Jobs verschwinden. Lehrer, Polizisten, Soldaten oder sogar Behördenmitarbeiter seien plötzlich einfach weg. Papa Ndiaye weiß, worauf er sich einlässt. Er sitzt an einer altertümlichen Nähmaschine in einer Seitengasse. Seinen ersten Fluchtversuch musste der Schneider abbrechen, drei Jahre ist das jetzt her. Noch bevor er die Sahara erreicht hatte, ging ihm das Geld aus, und er musste umkehren. Nun spart er für den nächsten Anlauf: "Hier gibt es gar nichts. Ich kann nähen, aber niemand kann noch bezahlen. Das ist das Problem."

Beim nächsten Versuch dürfte ihn noch eine weitere Schwierigkeit erwarten. Seit die EU ihre Bemühungen verstärkt, die Route über Libyen dicht zu machen, sind die Preise für Überfahrten gestiegen. (Zu den Zuständen in Libyen hier eine Reportage von "La Sampa".) Immer mehr Flüchtlinge versuchen es über die relativ gut überwachte Weststrecke nach Spanien. Das gestiegene Risiko lassen sich die Schleuser teuer bezahlen. (Hier geht es zu einer Reportage von "El Pais" über Flüchtlinge in Spanien)

Die Macht der Mütter

Diesen Umstand nutzen auch Hilfsorganisationen, die zusammen mit der Regierung Aufklärung betreiben. "Bisher stürzen sich die Menschen hier auf die fünf oder zehn Prozent, die es drüben in Europa schaffen", sagt Uno-Frau Ada Lekoetje. "Wir müssen die ganze Geschichte erzählen. Die Geschichte der 90 Prozent, die sich in Europa ausbeuten lassen." Abschrecken werde man auch damit die meisten eher nicht, da müsse man realistisch sein. Aber, so Lekoetje, "zumindest wissen sie dann, wie ihre Chancen stehen." Flüchtlinge, meist junge Männer, die an der Grenze abgefangen werden, werden über die Risiken auch einer erfolgreichen Überfahrt aufgeklärt.

All das nützt allerdings wenig, wenn die Familien ihre Sprösslinge aktiv zur Ausreise drängen. Und das passiert leider immer häufiger, sagt Fatou Fofene. Die Aktivisten arbeitet an einem Programm, das die Erfolge von jungen Gambiern bekannt machen soll. Aber eben jenen Gambiern, die daheimgeblieben sind.

Sie sieht besonders bei den Müttern eine problematische Einstellung. Viele manipulierten ihre Kinder. Das kann von subtilen Hinweisen auf die regelmäßigen Geldzahlungen an die Nachbarn bis zu öffentlicher, direkter Demütigung gehen. Der Einfluss der Mütter ist gigantisch. Fofene erklärt: "Es ist inzwischen eine Art Statussymbol, die Kinder nach Europa geschickt zu haben. Viele Mütter haben wenig übrig für junge Leute, die sich entscheiden, hier zu bleiben."

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