Flucht nach Algerien Asyl für Gaddafi-Clan empört Rebellen

Algerien gilt als einer der letzten Verbündeten des Gaddafi-Regimes. Das Land hat mehrere Verwandte des Diktators aufgenommen, darunter seine Frau und zwei Söhne. Die Rebellen sprechen von einem "Akt der Aggression". Über Gaddafis Versteck wird weiter spekuliert.
Flucht nach Algerien: Asyl für Gaddafi-Clan empört Rebellen

Flucht nach Algerien: Asyl für Gaddafi-Clan empört Rebellen

Foto: Ciro Fusco/ dpa

Algier/Tripolis - Ein Teil des Gaddafi-Clans hat sich aus Libyen abgesetzt - nach Angaben des Außenministeriums in Algier befinden sich Gaddafis Frau Safija, die Söhne Hannibal und Mohammed sowie die hochschwangere Tochter Aischa seit Montagmorgen in Algerien. Die libyschen Rebellen reagieren mit heftiger Empörung: In einer Mitteilung kritisierten sie das Nachbarland für die Gewährung des Asyls.

Gaddafis Familie zu "retten" sei ein Akt, den die Rebellen weder begrüßten noch nachvollziehen könnten, sagte Rebellensprecher Mahmud Schammam am Montagabend in Tripolis. Schamman betonte, die Rebellen wollten Gaddafis Familie und Muammar al-Gaddafi selbst festnehmen und in einem fairen Prozess vor Gericht stellen. Die Regimegegner würden in der Aufnahme der Familie einen "Akt der Aggression" sehen, hieß es in der Mitteilung weiter.

Unklar ist, ob der Clan dauerhaft in Algerien bleiben soll. Nach Informationen der Rebellen hat Algerien angegeben, der Familie die Ausreise in ein Drittland angeboten zu haben. Demnach habe Algier erklärt, die Verwandten des früheren Machthabers seien "aus humanitären Gründen" aufgenommen worden. Über den exakten Aufenthaltsort der Gaddafis hat das algerische Außenministerium bislang keine Angaben gemacht.

"Feind des libyschen Volkes"

Zugleich warnte Schammam laut einem Bericht des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira davor, Gaddafi selbst Unterschlupf zu gewähren. Jeder, der dies versuche, sei ein "Feind des libyschen Volkes".

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Nachbarland Algerien: Gaddafi-Clan auf der Flucht

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Das algerische Außenministerium hatte mitgeteilt, Gaddafis Ehefrau, seine Tochter sowie zwei Söhne seien gemeinsam mit deren Kindern am Montagmorgen nach Algerien eingereist. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und die libysche Übergangsregierung seien unmittelbar danach davon unterrichtet worden, berichtete die algerische Nachrichtenagentur APS unter Berufung auf das Ministerium.

Dass Teile des Gaddafi-Clans oder sogar der Diktator selbst nach Algerien flüchten könnten oder dies bereits getan haben, wurde seit Tagen als eine der möglichen Exit-Strategien für die libysche Machtclique diskutiert. Algerien stand als eines der letzten Länder noch voll zu dem Despoten.

Auch hatte in der vergangenen Woche ein libyscher Rebellenvertreter über die ägyptische Nachrichtenagentur Mena verlauten lassen, ein Konvoi aus gepanzerten Fahrzeugen habe die Grenze nach Algerien überquert. Dies hatten die algerischen Behörden aber zunächst bestritten.

Tot oder lebendig

Gaddafi hat mehrere Kinder. Er selbst ist seit über einer Woche untergetaucht. Das US-Präsidialamt teilte mit, es gebe keine Hinweise, dass Gaddafi Libyen verlassen habe. Er wird unter anderem in seiner Geburtsstadt Sirt oder in der Hauptstadt Tripolis vermutet.

Die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete unter Berufung auf "zuverlässige libysche Diplomaten", Gaddafi selbst halte sich mit seinen Söhnen Saadi und Saif al-Islam etwa hundert Kilometer südöstlich von Tripolis in Bani Walid auf. Der Rebellenrat hat eine Belohnung von 1,3 Millionen Dollar für die Ergreifung des Diktators ausgesetzt - tot oder lebendig.

Der Rebellenvormarsch auf die Geburtsstadt Gaddafis kommt unterdessen nur langsam voran. Für die Operation in der Küstenstadt Sirt fehlten erfahrene Kämpfer, berichtete eine Korrespondentin von al-Dschasira. Die Nato beschoss nach eigenen Angaben zuletzt Radarstationen sowie Abschussbasen für Boden-Luft-Raketen in der Umgebung von Sirt.

Verkohlte Leichen in Lagerhaus

Gut eine Woche nach dem Einmarsch der Aufständischen in Tripolis werden neben Sirt noch einige Ortschaften tief in der Wüste im Süden des Landes von Gaddafi-Getreuen gehalten. Die Rebellen zogen am Montag den Belagerungsring um Sirt enger. Gleichzeitig versuchten sie, die Unterstützer Gaddafis zur friedlichen Übergabe der Küstenstadt zu bewegen.

Die humanitäre Situation in Tripolis wird nach Angaben von Unicef unterdessen immer kritischer. Zwar kämen Medikamente oder Wasser in der libyschen Hauptstadt an, sagte Sprecher Rudi Tarneden. Bei der Verteilung werde aber die Hilfe von Behörden oder örtlichen Organisationen benötigt - und die sei schwer zu organisieren. Am Montag eröffnete die EU in Tripolis ein Büro für humanitäre Hilfe.

Trotz der schlechten Versorgungslage kehren bereits viele Libyer, die nach Tunesien geflohen waren, in ihre Heimat zurück. Anders als in der vergangenen Woche, als täglich Hunderte Familien über den Grenzübergang Wassan nach Tunesien gefahren waren, bildeten sich nun Warteschlangen in die andere Richtung.

Einen Tag nach der Entdeckung von bis zu 150 verkohlten Leichen in einem Lagerhaus in Tripolis, bei denen es sich um Opfer der Gaddafi-Truppen handeln soll, appellierte ein Sprecher der Übergangsregierung an die eigenen Anhänger, keine Rache zu nehmen. Gleichzeitig rief er alle Einwohner der Stadt dazu auf, sich am Wiederaufbau zu beteiligen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhebt indes schwere Vorwürfe gegen Gaddafi-Getreue. Es gebe Beweise für willkürliche Hinrichtungen von Häftlingen, als die Rebellen in die Hauptstadt Tripolis einrückten. Selbst medizinisches Personal sei getötet worden. Auch in Krankenhäusern waren zahlreiche Leichen entdeckt worden.

amz/dpa/Reuters/AFP
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