Flucht nach Europa Der Hafen der Menschenschmuggler

In hölzernen Nussschalen mehr als tausend Kilometer übers offene Meer: Skrupellose Schlepper schicken täglich afrikanische Flüchtlinge von Mauretanien in Richtung Kanarische Inseln. Schon Hunderte haben die Fahrt ins gelobte Europa mit dem Leben bezahlt.

Aus Nuadhibu berichtet


Nuadhibu - Als Amadou in Nuadhibu ankam, war es für den 32-Jährigen aus dem Senegal wie der letzte Schritt eines langen Weges. "Jeden Tag saß ich am Meer, fühlte den kühlen Wind", erinnert er sich. "Wie die meisten dachte ich, wir sind schon ganz dicht an Europa." Amadous neue Freunde in Nuadhibu bestärkten ihn. In klaren Nächten könne man am Horizont Spanien sehen, erklärten sie ihm. So kniff er die Augen zusammen und fixierte den Horizont. Da schimmerten also die Lichter, Europa, der Reichtum. Zum Greifen nah schien der Traum des Senegalesen, ein Leben weit weg von der Armut.

Amadous neu gewonnene Freunde kümmerten sich auch sonst gut um ihn. Sie halfen ihm eine Unterkunft zu finden: eine karge Hütte in einem Armenviertel. Dort traf er Genossen aus vielen Ländern Afrikas. Alle hatten das gleiche Ziel. Europa. Die netten, hilfsbereiten Nigerianer wollten einfach alles über Amadou wissen - vor allem, wie viel Geld er gespart habe. Ganze 2000 Dollar waren es. Damit wollte er es irgendwohin in die EU schaffen, dort arbeiten und später reich in die Heimat zurückkehren.

Drei Monate sind seit seiner Ankunft in der Küstenstadt im Nordwesten Mauretaniens vergangen. Noch immer sitzt Amadou in der Wellblechhütte. Geld hat er jetzt nicht mehr. Wie Hunderte anderer afrikanischer Flüchtlinge ist er Opfer skrupelloser Banden geworden, die in Nuadhibu mit einer angeblich sicheren Überfahrt auf die mehr als 1000 Kilometer entfernten Kanarischen Inseln locken. 1500 Dollar zahlte Amadou. Doch der Holzkahn, der ihn und andere auf die spanischen Inseln bringen sollte, soff schon kurz nach dem Ablegen ab - und mit ihm die Träume der Flüchtlinge.

Verirrt, verdurstet oder ertrunken

Mittlerweile weiß Amadou, dass er Glück gehabt hat. Immerhin lebt er noch - mehrere Flüchtlinge bezahlten ihren Traum mit dem Leben. Ihre Boote hielten sich den ersten Tag noch über Wasser, dann sanken sie auf dem offenen Meer. Andere Flüchtlinge hatten nicht einmal die Küstenstadt erreicht. Sie verirrten sich in der Wüste, ohne Vorräte verdursteten sie. Wie viele Menschen allein dieses Jahr bei der Risiko-Fahrt von der Armut Afrikas in den scheinbaren Reichtum Europas starben, weiß niemand. Die Hilfsorganisation Roter Halbmond schätzt 1700, gefunden wurden bisher um die 600 aufgedunsene Körper.

Diese Zahlen werden steigen. Denn seit Marokko seine Kontrollen der Küsten Ende vergangenen Jahres mit Hilfe von EU-Geld massiv verstärkt hat und die spanischen Exklaven wie Ceuta zu Festungen umgerüstet hat, ist die Mauretanien-Route beliebt. Landeten 2005 auf den Kanarischen Inseln 4700 Illegale, kamen schon in den ersten Monaten dieses Jahres 3800 Illegale dort an. Die Schätzungen des Roten Halbmonds, die von 15.000 Ausreisewilligen allein in Nuadhibu sprechen, lassen kein Ende dieses Elendsstroms absehen.

Nuadhibu hat sich zum Durchgangsbahnhof des Elends entwickelt. Wie faulige Pilze sprießen die Siedlungen der clandestines. Dort hausen die meist aus dem Senegal, Mali und den anderen westafrikanischen Staaten stammenden Flüchtlinge wie Tiere. Ohne Wasser und Strom vegetieren sie bis zur Abfahrt. Zwischen den fensterlosen Verschlägen verwesen Essensreste, tote Tiere. Tausende Fliegen laben sich an Kot und Erbrochenem. Dazwischen spielen Kinder, auch Schafe suchen nach Nahrung.

Mafia der Schlepper

Streng nach Nationalitäten getrennt werden die Ankommenden in Nuadhibu aufgeteilt, etwa 100 sind es pro Tag. Die Mafia der Schlepper wird zumeist von Nigerianern gelenkt, die wiederum die Fischer und deren Boote anmieten. Für umgerechnet drei Dollar pro Tag vermieten sie Plätze in Zimmern, in denen meist zehn Menschen auf die Abreise warten. Konkurrenz gibt es in diesem lukrativen Geschäft noch nicht.

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Wie wertvoll die Träume der clandestines sind, wird schon am wachsenden Fuhrpark in Nuadhibu deutlich: Immer häufiger parken dort große neue Mercedes- und BMW-Limousinen, meist vor dem halben Dutzend chinesischer Restaurants. Gegessen wird dort wenig, die Auswahl auf der Karte ist mager. In Nebenräumen bieten minderjährige Mädchen ihre Dienste an. Ausführlich reden will hier keiner der Herren, die mehrere Motorola-Klapptelefone benutzen und immer wieder in den Nebenraum verschwinden. Man mache Business, es gebe hier ja einen Hafen, heißt es nur.

Jede Nacht starten von der Küste große und kleine Boote, voll gepackt mit Flüchtlingen. Pro Boot lassen sich locker 30.000 Euro verdienen. Ob die armen Teufel letztlich ankommen oder nicht, ertrinken oder von der Polizei geschnappt werden, ist den Schleppern egal. Sie kassieren vor der Abfahrt. Scheitern die Kunden, ist dies für die Schlepper nicht unbedingt von Nachteil - schließlich versuchen es die meisten mindestens noch einmal. So mancher endet in einem lecken Boot, das es nicht mal aus dem Hafen schafft.

Vier Männer zur Kontrolle des Hafens

Bisher wird dem Treiben der Banden kaum Einhalt geboten. Die Polizei schaut hilflos zu, teils aber auch gut bestochen. Weder haben die lokalen Behörden ein funktionierendes Küstenwacheboot noch ausreichend Fahrzeuge, um die weitläufige Hafengegend zu kontrollieren. "Wir tun, was wir können", sagt Sicherheitsdirektor Yahivdhon Ould Amar, "doch wir können die Massen nicht aufhalten." Letztlich besteht sein Aufgebot aus einer vierköpfigen Wachmannschaft, die nachts im Hafen umherschleicht - wenn sie nicht schläft.

Hilfe soll nun von der EU kommen. Aufgeschreckt durch die wachsenden Zahlen von Immigranten und die Bilder von angeschwemmten Leichen auf den Kanaren hat die Gemeinschaft zwei Millionen Euro Hilfe für Mauretanien versprochen. Damit sollen Küstenboote gekauft und Kontrolleinrichtungen für den Hafen in Nouadhibou geschaffen werden. Bisher aber diskutiert die mauretanische Regierung noch, wo das Geld eigentlich landen soll.

Das lukrative Geschäft mit der Verzweiflung läuft unterdessen weiter. Jeden Tag ziehen sogenannte Werber der Schlepperbanden durch die Notquartiere und unterbreiten ihre Angebote. Die Preise richten sich streng nach den Regeln der Marktwirtschaft: Die günstigste Passage - in einem hölzernen Bötchen - kostet etwa 400 Euro. Am teuersten kommen Fischerboote mit Stahlrumpf: knapp 1500 Euro. Der Preis sei in Ordnung, rechtfertigen sich die Schlepper. Bei dieser Variante sei das Risiko fast gleich Null.



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