Rückzug der Helfer von Chios "Unsere Mitarbeiter sind nicht mehr sicher"

Die Flüchtlingscamps auf Griechenlands Inseln sind überfüllt, es gibt Proteste und Randale. Dabei wurde auch ein Behandlungsraum der Hilfsorganisation Ärzte der Welt verwüstet. Die Mediziner ziehen nun ab.

AFP

Ein Interview von


Am Montag sollen erste Flüchtlinge von Griechenland in die Türkei abgeschoben werden, so sieht es das EU-Türkei-Abkommen vor. Die Betroffenen reagieren gereizt - viele Migranten haben Angst vor den sogenannten Rückführungen. Die Registrierungszentren auf den griechischen Inseln, sogenannte Hotspots, sind überfüllt, die Menschen dürfen die Lager nicht verlassen.

Immer wieder gibt es dort Ausschreitungen, in der Nacht zu Freitag waren sie auf Chios so heftig, dass zwei Männer nach einer Messerstecherei ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Bei der Randale wurde das Behandlungszelt der Organisation Ärzte der Welt zerstört - samt ihrer medizinischen Ausrüstung. Die Helfer ziehen sich jetzt zurück.

Der Präsident der Organisation in Griechenland, Nikitas Kanakis, erklärt die Entscheidung im Interview:

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich entschieden, das Lager auf Chios zu verlassen?

Kanakis: Freitagmorgen kamen unsere Ärzte zur Arbeit, und unser Behandlungsraum war verwüstet. Während der heftigen Auseinandersetzungen zwischen Migranten in der Nacht war er zerstört worden.

SPIEGEL ONLINE: In dem Lager werden die Flüchtlinge neuerdings eingesperrt, bis sie abgeschoben werden. Die Einrichtung wird von der Polizei bewacht. Wie konnten die Ausschreitungen so außer Kontrolle geraten?

Kanakis: Die Polizei hat nicht eingegriffen, jedenfalls nicht energisch genug. Daher auch unser Eindruck, dass unsere Mitarbeiter nicht mehr sicher sind. Wenn sie während solcher Zusammenstöße in dem Gebäude sind - was passiert dann mit ihnen? Wenn die Polizei eine solche Einrichtung nicht schützen kann, wie will sie dann die Menschen beschützen, die dort arbeiten? Ich bezweifle, dass sie das kann.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es solche Krawalle öfter oder war das ein Einzelfall?

Kanakis: Solche Ereignisse geschehen immer öfter. In Piräus haben wir auch Ausschreitungen gesehen. Schon der geringste Anlass genügt, und die Menschen hier sind wütend. Die Menschen hier sind frustriert und erschöpft. Keiner weiß, was mit ihm geschehen wird.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie die Gefühle der Randalierer verstehen?

Kanakis: Die Migranten tragen nicht die Schuld daran, was auf Chios passiert ist. Wenn so viele Menschen an einem Ort festgehalten werden, weiß man nie, wer ein Hitzkopf ist. Im Hotspot auf Chios sollen eigentlich nur 1000 Menschen unterkommen - jetzt leben hier 1500. Die Behörden sind verantwortlich dafür, die Dinge hier unter Kontrolle zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Schon vor den Ausschreitungen auf Chios haben sie beklagt, dass aus den Hotspots Abschiebezentren werden, in den Menschen festgehalten werden.

Kanakis: Ja. Die Menschen, die hier gefangen gehalten werden, sind keine Kriminellen. Sondern aus der Heimat geflohen, um ihr Leben zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie trotz Ihrer Vorbehalte so lange geblieben?

Kanakis: Weil sonst niemand die Menschen hier medizinisch versorgt. Wir behandeln sie, wir bringen ihnen Essen und Decken.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie über das EU-Türkei-Abkommen? Ab Montag sollen die ersten Flüchtlinge von Griechenland in die Türkei abgeschoben werden.

Kanakis: Das Abkommen behandelt Menschen ungerecht, die eigentlich internationalen Schutz verdient haben. Die Türkei ist kein sicheres Land. Und Europa verhält sich scheinheilig.

Übersetzung von Katharina Peters


Im Video: Flüchtlinge sind verunsichert vor der Rückführung

REUTERS

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.