Fotostrecke

Flucht aus Mittelamerika: Immer in Richtung Norden

Foto: Arturo Monroy/ dpa

Flüchtlinge auf dem Weg in die USA Von Gangs verjagt, von Trump verachtet

Täglich machen sich Hunderte Zentralamerikaner auf den Weg Richtung Norden - trotz der Gefahren, trotz Donald Trumps Einwanderungspolitik. Denn was sie hinter sich lassen, ist oft viel schlimmer.

Óscar Martínez fasst die Lage so zusammen: "Die Mittelamerikaner migrieren immer weniger und fliehen immer mehr." Zur Migration entschließe man sich aus Hoffnung auf das, was vor einem liege, sagt der Publizist und Reporter aus El Salvador dem SPIEGEL. Die Flucht hingegen trete man aus Angst vor dem an, was man hinter sich lasse.

Jedes Jahr verlassen Zehntausende Menschen aus El Salvador, Guatemala und Honduras - dem sogenannten Norddreieck Mittelamerikas - ihre Heimatländer Richtung Norden. Täglich sind es mehrere Hundert; bei den überwiegend honduranischen Migranten, die jüngst an der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala festsaßen, handelt es sich lediglich um das Aufkommen weniger Tage.

Tausende von ihnen ziehen inzwischen durch Mexiko weiter Richtung USA. Andere beantragten in Mexiko Asyl. Dies ist nur der jüngste Beleg für eine Entwicklung, die schon seit Längerem zu beobachten ist: Mexiko ist inzwischen nicht nur ein Transitland für Zentralamerikaner, die in die USA wollen; für immer mehr Menschen ist Mexiko das Ziel.

Laut Uno stieg die Zahl  der weltweit registrierten Asylsuchenden und Flüchtlinge aus der Region 2017 auf 294.000 - 58 Prozent mehr als im Vorjahr und das 16-Fache des Kontingents im Jahr 2011. Zahlen, die Martínez' Aussage stützen. Auch in Mexiko nahm die Zahl der Asylsuchenden aus El Salvador, Guatemala und Honduras in den vergangenen Jahren deutlich zu.

Fotostrecke

Flucht aus Mittelamerika: Immer in Richtung Norden

Foto: Arturo Monroy/ dpa

Der Weg Richtung Norden ist gefährlich. Verschärfte Kontrollen und ein härterer Gesetzesvollzug in Mexiko führen nicht nur dazu, dass immer mehr Zentralamerikaner aufgegriffen und abgeschoben werden. Sie veranlassen viele Migranten auch, auf teurere und riskantere Routen auszuweichen. Dort sind sie häufig kriminellen Gruppen ebenso ausgeliefert wie korrupten Staatsdienern. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen befragte in den Jahren 2015 und 2016 Hunderte Migranten aus Zentralamerika . Mehr als zwei Drittel berichteten von Gewalterfahrungen in Mexiko. Fast jede dritte Frau gab an, sexuell missbraucht worden zu sein.

Was sie hinter sich lassen, ist oft viel schlimmer

Dass sich dennoch so viele auf den Weg Richtung Norden machen, macht erst der Blick auf die Lage in ihren Heimatländern verständlich. Armut, fehlende wirtschaftliche Perspektiven, ein schwacher Rechtsstaat und Korruption prägen das Leben in Mittelamerikas Norddreieck. Eine entscheidende Migrationsursache jedoch: die eskalierende Gewalt in den Heimatländern.

Die Mordraten in Honduras und El Salvador zählen seit Jahren zu den höchsten der Welt. Sogenannte Maras oder Pandillas - Banden mit Zehntausenden Mitgliedern - kontrollieren ganze Viertel und Landstriche. Die größten und mächtigsten von ihnen, die Mara Salvatrucha (oder MS-13) und das Barrio 18, treiben mit Mord und Folter, Zwangsrekrutierungen und Schutzgelderpressung Zehntausende in die Flucht.

In El Salvador, erzählt Óscar Martínez, könne man mittlerweile das Leben allein deshalb verlieren, weil man sich in der falschen Gegend aufhalte. "Jemand, der aus einem Viertel unter Kontrolle der MS-13 kommt und zwischen 13 und 40 Jahre alt ist, riskiert sein Leben, wenn er ein Viertel betritt, das vom Barrio 18 kontrolliert wird - auch wenn er selbst kein MS-Mitglied ist." Politiker hätten deshalb bereits gefordert, die aktuellen Personalausweise durch solche ohne Adressen zu ersetzen.

Die Gewalt: ein Erbe des Bürgerkriegs

Doch MS-13 steht nicht deshalb häufig im Fokus, weil sie die Bewohner Mittelamerikas terrorisiert. Auch in der Anti-Einwanderungs-Rhetorik von US-Präsident Donald Trump spielt die Gruppe eine zentrale Rolle. Auch unter den Migranten, die aktuell Richtung US-Grenze unterwegs sind, seien "viele Kriminelle", twitterte zuletzt der US-Präsident.

Doch in der Entstehungsgeschichte der Gang zeigt sich vor allem auch jene Zentralamerika seit Jahrzehnten prägende Wechselwirkung zwischen der US-Außen- und Einwanderungspolitik und der Sicherheitslage in der Region. Gegründet wurde die MS-13 in den Achtzigerjahren in Südkalifornien - von Einwandererkindern, die vor dem Bürgerkrieg in El Salvador flohen.

In den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren kosteten Kämpfe zwischen linksgerichteten Guerillas und dem Militärregime etwa 75.000 Menschen das Leben. Unterstützt wurde das mit äußerster Brutalität vorgehende Regime von der Regierung des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan. In den Neunzigerjahren schoben die USA viele der Salvadorianer, die vor dem Bürgerkrieg geflohen waren, wieder ab, unter ihnen Tausende Gangmitglieder. So verschärfte sich die Bandengewalt, die heute wieder Menschen aus Zentralamerika Richtung USA treibt.

Eine Lösung des Bandenproblems ist nicht in Sicht

Ein Kreislauf, der bis heute anhält und der durch Trumps Einwanderungspolitik weiter befeuert werden dürfte. Der US-Präsident behauptete zuletzt, dass Unbekannte aus dem Nahen Osten sich unter die Gruppe von Mittelamerikanern gemischt hätten, die derzeit Richtung US-Grenze unterwegs ist - musste dann aber einräumen, keine Belege für seine Behauptung zu haben. Der US-Präsident kündigte ferner an, die Hilfszahlungen an Guatemala, Honduras und El Salvador einzustellen oder drastisch zu kürzen.

Und auch eine Lösung des Bandenproblems ist nicht in Sicht. "Der Staat wird, in der einen oder anderen Form, den Dialog mit den Pandillas suchen müssen", sagt Martínez. Nachdem MS-13 und Barrio 18 im Jahr 2012, auch infolge staatlicher Vermittlung, einen Waffenstillstand schlossen, ist der Staat inzwischen wieder zu einer Politik der "Mano Dura", der harten Hand, zurückgekehrt. Diese funktioniere zwar nicht, sagt Martínez. Man könne mit ihr aber gut Wählerstimmen gewinnen. "Denn letzten Endes ist El Salvador eine gewalttätige Gesellschaft."

Video: Migranten stürmen Grenze zu Mexiko

SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.