Flüchtlinge auf dem Weg in die USA Von Gangs verjagt, von Trump verachtet

Täglich machen sich Hunderte Zentralamerikaner auf den Weg Richtung Norden - trotz der Gefahren, trotz Donald Trumps Einwanderungspolitik. Denn was sie hinter sich lassen, ist oft viel schlimmer.

DPA

Von


Óscar Martínez fasst die Lage so zusammen: "Die Mittelamerikaner migrieren immer weniger und fliehen immer mehr." Zur Migration entschließe man sich aus Hoffnung auf das, was vor einem liege, sagt der Publizist und Reporter aus El Salvador dem SPIEGEL. Die Flucht hingegen trete man aus Angst vor dem an, was man hinter sich lasse.

Jedes Jahr verlassen Zehntausende Menschen aus El Salvador, Guatemala und Honduras - dem sogenannten Norddreieck Mittelamerikas - ihre Heimatländer Richtung Norden. Täglich sind es mehrere Hundert; bei den überwiegend honduranischen Migranten, die jüngst an der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala festsaßen, handelt es sich lediglich um das Aufkommen weniger Tage.

Tausende von ihnen ziehen inzwischen durch Mexiko weiter Richtung USA. Andere beantragten in Mexiko Asyl. Dies ist nur der jüngste Beleg für eine Entwicklung, die schon seit Längerem zu beobachten ist: Mexiko ist inzwischen nicht nur ein Transitland für Zentralamerikaner, die in die USA wollen; für immer mehr Menschen ist Mexiko das Ziel.

Laut Uno stieg die Zahl der weltweit registrierten Asylsuchenden und Flüchtlinge aus der Region 2017 auf 294.000 - 58 Prozent mehr als im Vorjahr und das 16-Fache des Kontingents im Jahr 2011. Zahlen, die Martínez' Aussage stützen. Auch in Mexiko nahm die Zahl der Asylsuchenden aus El Salvador, Guatemala und Honduras in den vergangenen Jahren deutlich zu.

Fotostrecke

9  Bilder
Flucht aus Mittelamerika: Immer in Richtung Norden

Der Weg Richtung Norden ist gefährlich. Verschärfte Kontrollen und ein härterer Gesetzesvollzug in Mexiko führen nicht nur dazu, dass immer mehr Zentralamerikaner aufgegriffen und abgeschoben werden. Sie veranlassen viele Migranten auch, auf teurere und riskantere Routen auszuweichen. Dort sind sie häufig kriminellen Gruppen ebenso ausgeliefert wie korrupten Staatsdienern. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen befragte in den Jahren 2015 und 2016 Hunderte Migranten aus Zentralamerika. Mehr als zwei Drittel berichteten von Gewalterfahrungen in Mexiko. Fast jede dritte Frau gab an, sexuell missbraucht worden zu sein.

Was sie hinter sich lassen, ist oft viel schlimmer

Dass sich dennoch so viele auf den Weg Richtung Norden machen, macht erst der Blick auf die Lage in ihren Heimatländern verständlich. Armut, fehlende wirtschaftliche Perspektiven, ein schwacher Rechtsstaat und Korruption prägen das Leben in Mittelamerikas Norddreieck. Eine entscheidende Migrationsursache jedoch: die eskalierende Gewalt in den Heimatländern.

Die Mordraten in Honduras und El Salvador zählen seit Jahren zu den höchsten der Welt. Sogenannte Maras oder Pandillas - Banden mit Zehntausenden Mitgliedern - kontrollieren ganze Viertel und Landstriche. Die größten und mächtigsten von ihnen, die Mara Salvatrucha (oder MS-13) und das Barrio 18, treiben mit Mord und Folter, Zwangsrekrutierungen und Schutzgelderpressung Zehntausende in die Flucht.

In El Salvador, erzählt Óscar Martínez, könne man mittlerweile das Leben allein deshalb verlieren, weil man sich in der falschen Gegend aufhalte. "Jemand, der aus einem Viertel unter Kontrolle der MS-13 kommt und zwischen 13 und 40 Jahre alt ist, riskiert sein Leben, wenn er ein Viertel betritt, das vom Barrio 18 kontrolliert wird - auch wenn er selbst kein MS-Mitglied ist." Politiker hätten deshalb bereits gefordert, die aktuellen Personalausweise durch solche ohne Adressen zu ersetzen.

Die Gewalt: ein Erbe des Bürgerkriegs

Doch MS-13 steht nicht deshalb häufig im Fokus, weil sie die Bewohner Mittelamerikas terrorisiert. Auch in der Anti-Einwanderungs-Rhetorik von US-Präsident Donald Trump spielt die Gruppe eine zentrale Rolle. Auch unter den Migranten, die aktuell Richtung US-Grenze unterwegs sind, seien "viele Kriminelle", twitterte zuletzt der US-Präsident.

Doch in der Entstehungsgeschichte der Gang zeigt sich vor allem auch jene Zentralamerika seit Jahrzehnten prägende Wechselwirkung zwischen der US-Außen- und Einwanderungspolitik und der Sicherheitslage in der Region. Gegründet wurde die MS-13 in den Achtzigerjahren in Südkalifornien - von Einwandererkindern, die vor dem Bürgerkrieg in El Salvador flohen.

In den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren kosteten Kämpfe zwischen linksgerichteten Guerillas und dem Militärregime etwa 75.000 Menschen das Leben. Unterstützt wurde das mit äußerster Brutalität vorgehende Regime von der Regierung des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan. In den Neunzigerjahren schoben die USA viele der Salvadorianer, die vor dem Bürgerkrieg geflohen waren, wieder ab, unter ihnen Tausende Gangmitglieder. So verschärfte sich die Bandengewalt, die heute wieder Menschen aus Zentralamerika Richtung USA treibt.

Eine Lösung des Bandenproblems ist nicht in Sicht

Ein Kreislauf, der bis heute anhält und der durch Trumps Einwanderungspolitik weiter befeuert werden dürfte. Der US-Präsident behauptete zuletzt, dass Unbekannte aus dem Nahen Osten sich unter die Gruppe von Mittelamerikanern gemischt hätten, die derzeit Richtung US-Grenze unterwegs ist - musste dann aber einräumen, keine Belege für seine Behauptung zu haben. Der US-Präsident kündigte ferner an, die Hilfszahlungen an Guatemala, Honduras und El Salvador einzustellen oder drastisch zu kürzen.

Und auch eine Lösung des Bandenproblems ist nicht in Sicht. "Der Staat wird, in der einen oder anderen Form, den Dialog mit den Pandillas suchen müssen", sagt Martínez. Nachdem MS-13 und Barrio 18 im Jahr 2012, auch infolge staatlicher Vermittlung, einen Waffenstillstand schlossen, ist der Staat inzwischen wieder zu einer Politik der "Mano Dura", der harten Hand, zurückgekehrt. Diese funktioniere zwar nicht, sagt Martínez. Man könne mit ihr aber gut Wählerstimmen gewinnen. "Denn letzten Endes ist El Salvador eine gewalttätige Gesellschaft."

Video: Migranten stürmen Grenze zu Mexiko

insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
g.eliot 24.10.2018
1. Trump, der selbsternannte Nationalist
Es ist nicht Mexikos Aufgabe, den Treck zu stoppen. Trump diffamiert die Menschen, droht den armen Ländern, aus welchen die Menschen flüchten. Es sind Tausende, keine Hunderttausende. Diese Anzahl sollte ein riesiges, reiches Land wie die US wohl handeln können. Doch Trump und seine GOP Unterstützer tun mittlerweile so, als ob es in den USA gar keine Asylgesetze mehr gäbe. Am liebsten möchten sie niemandem mehr einen Asyl-Antrag stellen lassen geschweige denn einen Asyl-Status gewähren. Kein Wunder, denn gestern bezeichnete Trump sich als Nationalisten, was von den liberalen Medien scharf kritisiert wurde. Mit seiner neunmal klugen Art tat Trump so, als ob er die Bedeutung nicht kenne, sondern diese etwa Synonym für Patriotismus sei, sodass diese mit White Nationalists nichts zu tun habe, wurde als typisches Beispiel für Trumps Dog-Whistle eingeschätzt. Er meinte auch, dass er stolz drauf sei, Nationalist zu sein. Das ist exakt die gleiche Strategie, welche von Steve Bannon in Frankreiche gegenüber den Fans von Le Pen empfohlen wurde: Seid stolz drauf, dass ihr als Rassisten beschimpft werdet. Tragt es wie ein Ehrenabzeichen. Trump lügt wie gedruckt und schürt dauernd Hass. Die USA ist offenbar in der Hand der Neorassisten und Neonationalisten, die moderat Konservativen nur noch eine Randgruppe. In nur ein paar Wochen werden wir sehen, ob die Mehrheit der Amerikaner dahinter steht.
manno18 24.10.2018
2. Was heißt eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht?
Aus Deutscher Sicht ist was Flüchtlingsströme anbelangt egal, wo auf der Welt nie eine Lösung in Sicht. Für die USA und Trump hingegen schon. Trump hat den ersten Schritt schon getan und die Army zur Sicherung der Staatsgrenze angefordert. Die Amy wird mit üblicher Waffenlogistik - Schützenpanzer, gepanzerte, schwer bewaffnete Truppentrannporter - gepanzerte, schwer bewaffnete Humdies - Granatwerfer usw. an der Grenze aufmarschieren lassen. Der wirkungsvollste nächste Schritt wäre, wenn die USA - Trump der US-Army den Einmarschbefehl in El Salvador - Hunduras - Guatemala erteilen und sämtlich bewaffnete Guerillas - Banden - Terroristen - Kriminelle unter Androhung harter Strafen entwaffnen. Die Regierungen absetzen, entmachten, eine US-Militärregierung einsetzen und demokratische Neuwahlen festlegen. USA zusammen mit einigen willigen, fähigen südamerikanischen Staaten müssen zur Friedenssicherung - Erhaltung von Demokratie und Rechtsstaat als Schutzmächte verpflichtet bleiben. ZUnächst wären die bestehenden Probleme - Gewalt - Flüchtlingsströme - Gründe sofort gestoppt. In der Folge und mit der Zeit weiterer Maßnahmen blieben die Probleme aus, die Staaten könnten sich stabilisieren und die USA wären vor Flüchtlingsströmen aus diesen Regionen sicher. Ohne Gewalt wird es nicht gehen!
kraus_adam 24.10.2018
3.
Zitat von g.eliotEs ist nicht Mexikos Aufgabe, den Treck zu stoppen. Trump diffamiert die Menschen, droht den armen Ländern, aus welchen die Menschen flüchten. Es sind Tausende, keine Hunderttausende. Diese Anzahl sollte ein riesiges, reiches Land wie die US wohl handeln können. Doch Trump und seine GOP Unterstützer tun mittlerweile so, als ob es in den USA gar keine Asylgesetze mehr gäbe. Am liebsten möchten sie niemandem mehr einen Asyl-Antrag stellen lassen geschweige denn einen Asyl-Status gewähren. Kein Wunder, denn gestern bezeichnete Trump sich als Nationalisten, was von den liberalen Medien scharf kritisiert wurde. Mit seiner neunmal klugen Art tat Trump so, als ob er die Bedeutung nicht kenne, sondern diese etwa Synonym für Patriotismus sei, sodass diese mit White Nationalists nichts zu tun habe, wurde als typisches Beispiel für Trumps Dog-Whistle eingeschätzt. Er meinte auch, dass er stolz drauf sei, Nationalist zu sein. Das ist exakt die gleiche Strategie, welche von Steve Bannon in Frankreiche gegenüber den Fans von Le Pen empfohlen wurde: Seid stolz drauf, dass ihr als Rassisten beschimpft werdet. Tragt es wie ein Ehrenabzeichen. Trump lügt wie gedruckt und schürt dauernd Hass. Die USA ist offenbar in der Hand der Neorassisten und Neonationalisten, die moderat Konservativen nur noch eine Randgruppe. In nur ein paar Wochen werden wir sehen, ob die Mehrheit der Amerikaner dahinter steht.
Wozu sollten die USA das "händeln"? Warum sollten die USA tausende Migranten ohne gültiges Visum, ohne triftigen Asylgrund und ohne Not einfach so ins Land lassen? Die Außenwirkung wäre absolut fatal.
bollocks1 24.10.2018
4. Warum sollte Trump...
Zitat von g.eliotEs ist nicht Mexikos Aufgabe, den Treck zu stoppen. Trump diffamiert die Menschen, droht den armen Ländern, aus welchen die Menschen flüchten. Es sind Tausende, keine Hunderttausende. Diese Anzahl sollte ein riesiges, reiches Land wie die US wohl handeln können. Doch Trump und seine GOP Unterstützer tun mittlerweile so, als ob es in den USA gar keine Asylgesetze mehr gäbe. Am liebsten möchten sie niemandem mehr einen Asyl-Antrag stellen lassen geschweige denn einen Asyl-Status gewähren. Kein Wunder, denn gestern bezeichnete Trump sich als Nationalisten, was von den liberalen Medien scharf kritisiert wurde. Mit seiner neunmal klugen Art tat Trump so, als ob er die Bedeutung nicht kenne, sondern diese etwa Synonym für Patriotismus sei, sodass diese mit White Nationalists nichts zu tun habe, wurde als typisches Beispiel für Trumps Dog-Whistle eingeschätzt. Er meinte auch, dass er stolz drauf sei, Nationalist zu sein. Das ist exakt die gleiche Strategie, welche von Steve Bannon in Frankreiche gegenüber den Fans von Le Pen empfohlen wurde: Seid stolz drauf, dass ihr als Rassisten beschimpft werdet. Tragt es wie ein Ehrenabzeichen. Trump lügt wie gedruckt und schürt dauernd Hass. Die USA ist offenbar in der Hand der Neorassisten und Neonationalisten, die moderat Konservativen nur noch eine Randgruppe. In nur ein paar Wochen werden wir sehen, ob die Mehrheit der Amerikaner dahinter steht.
...die Marschierenden aufnehmen? Was bringt es den USA? Was hat das mit 'handeln (?)' zu tun? Genau wie wie wir nicht die verarmte Überpopulation Afrikas aufnehmen können, können die USA oder Kanada nicht die verarmten Südamerikaner aufnehmen. Aus Hunderten werden Tausende, aus Tausenden Hunderttausende...haben wir ja gesehen.
menefregista 24.10.2018
5. Mexico als Balkanroute Südamerikas
Also egal wie die USA es macht, die miserablen wirtschaftlichen und Gesellschaftlichen Zustände in den von Kommunisten aller Art ( mal mäßig bis zuletzt militant radikal ) regierten Zentralamerikanischen Ländern sind immer die USA Schuld daran. Allen voran Honduras ? Diese Schlussfolgerung ist etwas dürftig wenn man bedenkt, das Donald Trump nicht lange genug im Amt ist, um so die Destabilisierung vorangetrieben zu haben. Zu Obama's Zeiten, war weit und breit nichts zu hören vom Massenstrom in die USA. Seit Donald Trump muss ja die USA angesichts der aktuellen Wirtschaftserfolge ganz besonders attraktiv für Südamerika geworden sein. Wenn sich das in Brasilien herum spricht, dass man durch Mexico so ganz einfach ( wie bei uns die Balkanroute in Europa ) durchziehen kann und die Mauer in den USA kein echtes Hindernis für die illegale Einreise sind, dann werden es ja bald mehrere Hunderttausende werden. Wer sich da noch alles zugesellt zu den "Reisenden" das kann man vom TV-Sendungen her in Europa nicht wissen. Wenn Trump behauptet; " Criminals and unknown Middle Easterners are mixed in. " "So verschärfte sich die Bandengewalt, die heute wieder Menschen aus Zentralamerika Richtung USA treibt." Man sollte da schon konkrete Gegenbeweise haben, wenn man Unterstellt, dass da nur "Fachkräfte " Richtung USA auf der Jobsuche unterwegs sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.