Neue Fluchtbewegung Darum kommen so viele Tschetschenen nach Deutschland

In neuen Asylstatistiken liegt Russland überraschend weit vorn, mehr Flüchtlinge kommen aus der Unruheprovinz Tschetschenien. Steckt dahinter ein Kreml-Komplott? Oder die Gewaltherrschaft von Putins Statthalter?

Ramsan Kadyrow
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Ramsan Kadyrow

Von und , Moskau und Berlin


Syrien, Irak, Afghanistan, diese Länder lagen in den vergangenen Monaten ganz vorn in der deutschen Asylstatistik. Seit einigen Wochen aber ist auch eine andere Gruppe überraschend stark vertreten: Flüchtlinge aus Russland. Im Mai registrierten die deutschen Behörden 1260 Asylbewerber aus Russland - Platz vier unter allen Herkunftsländern, mehr als aus Iran.

Mehr als 80 Prozent der russischen Asylanträge seit Beginn dieses Jahres entfallen dabei auf Personen, die angeben, aus der Teilrepublik Tschetschenien geflohen zu sein. Russland hat zwei blutige Kriege gegen tschetschenische Unabhängigkeitskämpfer und radikale Islamisten geführt. Heute wird Tschetschenien von Ramsan Kadyrow regiert, einem brutalen Ex-Rebellenkämpfer, der sich im zweiten Krieg allerdings auf Moskaus Seite geschlagen hatte.

Die steigenden Asylzahlen von Tschetschenen haben in Deutschland Spekulationen ausgelöst, der Kreml setze die Flüchtlinge womöglich bewusst ein, um Deutschland zu destabilisieren. Moskau habe "die Tschetschenen-Tür" geöffnet, mutmaßte die "Welt". Und der "Münchner Merkur" fragt: "Steckt Putin dahinter?"

Ähnliche Vermutungen hatten deutsche Sicherheitsbehörden bereits früher geäußert. Im Frühjahr 2013 waren - ohne ersichtlichen Grund - die Flüchtlingszahlen aus Tschetschenien dramatisch in die Höhe geschnellt. Innerhalb weniger Monate machten sich damals Zehntausende Tschetschenen auf den Weg nach Deutschland, mehr als zu Kriegszeiten.

Tschetschenien hat nur rund eine Million Einwohner. Auslöser der Flüchtlingswelle waren damals im Kaukasus aufkommende Gerüchte, Berlin empfange jeden Tschetschenen mit offenen Armen - und üppigem Begrüßungsgeld.

Hochrangige Vertreter deutscher Sicherheitsbehörden hegten damals den Verdacht, hinter den Gerüchten könnten nicht nur Schleuserbanden, sondern auch der Kreml stehen. Ziel der Operation: Deutschland schwächen durch Problemexport. Nachdem eine hochrangige Delegation das Thema bei einem Besuch in Moskau angesprochen habe, sei die Flüchtlingsbewegung zurückgegangen.

Kadyrows Herrschaft fußt auf zwei Säulen: Geld und Gewalt

Die neue Fluchtbewegung aus dem Nordkaukasus weist Parallelen zu 2013 auf, aber auch deutliche Unterschiede. Bewohner der tschetschenischen Hauptstadt Grosny berichten von merkwürdigen Mitteilungen, die seit dem Frühjahr über Kommunikationsplattformen wie WhatsApp massenhaft Verbreitung fänden.

Darin ist die Rede von einer Verschwörung, deren Ziel sei es, alle Tschetschenen zu "verjagen, wie die Araber aus Palästina, und Juden anzusiedeln. Uns bleibt nur, wegzufahren oder an Hunger und Kälte zu sterben." Hinzu kommt: Tschetschenische Behörden sind im März und April dazu übergangen, vielen Haushalten das Gas abzustellen, angeblich wegen seit Jahren unbeglichenen Rechnungen.

Anders als 2013 hat sich allerdings auch die Menschenrechtslage in Tschetschenien merklich verschlechtert. Die Herrschaft des Kreml-Statthalters Ramsan Kadyrow fußt auf zwei Säulen: Geld und Gewalt. Moskau pumpt Jahr für Jahr Milliardensummen nach Tschetschenien. Kadyrow hat damit moderne Wolkenkratzer hochziehen lassen und neue Moscheen. Kadyrows Projekte künden von Größenwahn. Derzeit treibt er den Bau des Achmat Towers voran. Das nach Kadyrows Vater Achmat Kadyrow benannte Hochhaus soll mit 430 Metern Europas höchstes Gebäude werden.

Die zur Schau getragene Modernität steht in krassem Widerspruch zu den mittelalterlichen Methoden, mit denen Kadyrow gegen seine Gegner vorgeht. Weil sich noch immer junge Tschetschenen islamistischen Rebellen und sogar dem IS anschließen, hat der Republik-Chef damit begonnen, die Häuser von Angehörigen der Verdächtigen zu zerstören.

Als sich im April dieses Jahres ein Dörfler per Videopost darüber beschwerte, Kadyrows Elite lebe in Saus und Braus, die Häuser seines Dorfes aber seien Ruinen, wurde sein Haus von Unbekannten niedergebrannt. Der Mann floh in eine Nachbarprovinz, wurde aber von Kadyrows Häschern gefunden. Er musste um Vergebung bitten. "Ich entschuldige mich, es war ein sehr großer Fehler, das Volk zu provozieren", stammelte er vor den laufenden Kameras des Staatsfernsehens. Kadyrow sei "das Licht der Sonne".

Im Vergangenen Jahr steckte ein offenbar von den Behörden instruierter Mob in Grosny ein Büro einer russischen NGO an. Im März 2016 überfielen Schläger eine Gruppe von russischen Menschenrechtlern und westlichen Journalisten. Sie zündeten ihren Bus an und schlugen Passagiere und Fahrer krankenhausreif. Die Täter wurden nicht ermittelt.

Die russische Aktivistin Swetlana Gannuschkina schreibt seit Jahren Berichte über die Menschenrechtslage in Tschetschenien. Inzwischen herrsche dort "eine Atmosphäre vollkommener Angst". Gannuschkina berichtet von Müttern, die sich davor fürchten, ihre Töchter auf die Straße zu lassen - weil sie Angst haben vor Heiratsavancen von Kadyrows Männern, die sie nicht ablehnen können. Kadyrow habe mit dem Segen Putins ein neofeudales System errichtet. Wer ihn kritisiere, werde "sofort zum Volksfeind erklärt".

Anders gesagt: Tschetschenen haben offenbar gute Gründe, aus ihrer Heimat zu fliehen.



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