Lager in Calais Flüchtlinge wehren sich gegen Räumung

Am Montagmorgen soll die Auflösung des Flüchtlingslagers in Calais beginnen. Mit Flugblättern und Gesprächen bereiten Behörden die Bewohner vor - doch es gibt Widerstand.

Französische Polizisten in Calais, am Vorabend der Räumung
REUTERS

Französische Polizisten in Calais, am Vorabend der Räumung


In dem als "Dschungel" bekannten Flüchtlingslager im nordfranzösischen Calais haben die Vorbereitungen für die Räumung begonnen. Am Sonntag verteilten Behördenvertreter Flugblätter, mit denen Tausende Bewohner aufgefordert wurden, ihre Sachen zu packen und sich am Montag um 8 Uhr an einem Sammelpunkt einzufinden.

Die überwiegend aus Afghanistan, dem Sudan und Eritrea stammenden Flüchtlinge sollen auf etwa 160 Aufnahmezentren in ganz Frankreich verteilt werden. Dort sollen sie einen Asylantrag stellen können. Die improvisierte Zelt- und Hüttenstadt in Calais soll abgerissen werden.

"Wir müssen einige Menschen noch davon überzeugen, die Unterbringung zu akzeptieren und ihren Traum von Großbritannien aufzugeben", sagte Didier Leschi von der französischen Einwanderungsbehörde der Nachrichtenagentur AFP. "Das wird der schwierigste Teil sein." Mitarbeiter der Asylbehörde versuchten die Bewohner davon zu überzeugen, dass Calais "eine Sackgasse" sei, sagte Behördenchef Pascal Brice. Er versprach eine schnelle Bearbeitung der Asylanträge.

Insgesamt soll die Räumung nach Angaben der Präfektur eine Woche dauern. Aus Sorge vor gewaltsamem Widerstand sollen 1250 Polizisten im Einsatz sein. In der Nacht zum Montag kam es erneut zu Zusammenstößen zwischen Migranten und Sicherheitskräften. Bereits in der Nacht zuvor hatte es Ausschreitungen gegeben. Aus einer Gruppe von mehreren Dutzend Menschen flogen Steine auf Polizisten, die dann Tränengas einsetzten.

Video : Krawalle im französischen Flüchtlingscamp

Einige afghanische Flüchtlinge kündigten am Sonntag Widerstand gegen die Räumung an. "Sie müssen uns zwingen, zu gehen", sagte der Afghane Karhasi gegenüber AFP. "Wir wollen nach Großbritannien." Andere Bewohner äußerten sich positiver. "Man weiß nie, der Abriss kann auch etwas Gutes haben", sagte der Sudanese Faisal al-Adschab. "Alle wissen, dass es vorbei ist", sagte Hammudi aus dem syrischen Aleppo. "Heute ist der letzte Tag des 'Dschungels'."

Insgesamt halten sich im "Dschungel" nach offiziellen Schätzungen etwa 6400 Menschen auf, Hilfsorganisationen gehen sogar von mehr als 8100 Bewohnern aus. Die meisten von ihnen wollen weiter nach Großbritannien, wo viele von ihnen Kontakte haben. Immer wieder versuchen Flüchtlinge, auf Fähren über den Ärmelkanal oder durch den Eurotunnel heimlich nach Großbritannien zu gelangen.

Die französischen Behörden wollten das Lager schon seit geraumer Zeit auflösen. Hilfsorganisationen versuchten dies mit juristischen Mitteln zu verhindern, doch ein Verwaltungsgericht gab am Dienstag grünes Licht für die Räumung.

Ein spezielles Verfahren gibt es für Minderjährige, die sich ohne Verwandte in dem Camp aufhalten. Sie können zunächst in Containern in Calais bleiben. Bei Kindern, die Angehörige in Großbritannien haben, pocht Frankreich auf eine Familienzusammenführung. Allein in der vergangenen Woche sind nach Angaben der Präfektur fast 200 Minderjährige im Rahmen der Kooperation mit London nach Großbritannien gelangt.

aar/AFP/dpa

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