Zwischenfall vor der Küste Libyens "Zu viele Probleme hier an Bord..."

Die Besatzung eines Tankers nimmt im Mittelmeer 108 Menschen in Seenot auf. Die Flüchtlinge rebellieren gegen ihre Rückführung nach Libyen. Italiens Innenminister spricht von "Piraterie", Malta schickt Soldaten.

Ein Boot mit Flüchtlingen an Bord wird am 19. März vor Lampedusa von der italienischen Küstenwache flankiert
Elio Desiderio/ ANSA/ AP

Ein Boot mit Flüchtlingen an Bord wird am 19. März vor Lampedusa von der italienischen Küstenwache flankiert


Mittwoch, 27. März 2019, gegen 20 Uhr: Auf "Vesselfinder" - so heißt die Internetkarte, auf der so gut wie alle Schiffe mit ihren aktuellen Positionen auf den Meeren zu finden sind - ist der Tanker "Elhiblu 1" mit dem Ziel Tripolis und dem voraussichtlichen Ankunftstermin 26. März, 20 Uhr eingetragen. Da war er demnach schon einen Tag überfällig. Und sonderbar: Er steuert, nur etwa 20 nautische Meilen von seinem Zielhafen entfernt, statt in Richtung Tripolis mit 10,4 Knoten in die Gegenrichtung, nach Norden. Warum?

Der unter türkischer Flagge fahrende Tanker sei von der libyschen Küstenwache angehalten worden, 108 Menschen aus Seenot zu retten und nach Tripolis zu bringen, meldeten italienische Medien, darunter "Avvenire.it", die Internetausgabe der katholischen Kirchenzeitung. Offenbar sei die Küstenwache selbst nicht nah genug gewesen, um die Aktion durchzuführen, hieß es.

Schon am Dienstag war die "Alan Kurdi", ein Schiff des Regensburger Vereins "Sea-Eye" zur Rettung schiffbrüchiger Migranten im Mittelmeer, in die libysche Hoheitszone eingefahren, um 41 Menschen zu suchen, die seit zwei Tagen dort irgendwo, irgendwie auf dem Meer treiben sollen. Das jedenfalls hatten die Behörden von Malta gemeldet. Die deutschen Helfer boten den Leitstellen in Rom, Malta und Tripolis Unterstützung an. Malta versprach, sich später zu melden. Rom verwies an Tripolis. Aber dort waren leider gerade alle sieben amtlichen Seenot-Telefonnummern unbesetzt.

Während die ehrenamtlichen deutschen Helfer noch die 41 Schiffbrüchigen suchten, wurden sie - nach eigenen Angaben - "Zeugen mehrerer Seenotfälle im Osten von Tripolis". Ohne zu wissen, wie diese endeten.

Es gibt vor Ort kaum noch Beobachter oder gar Helfer. Erst wurden die meisten privaten Hilfsorganisationen auf Druck der italienischen Regierung vertrieben. Jetzt hat auch die EU ihren Marineeinsatz vor der libyschen Küste gestoppt. Statt von Schiffen soll der Großraum künftig von Flugzeugen oder Drohnen überwacht werden. Die können natürlich keine Menschen aus dem Wasser ziehen.

Am Dienstagnachmittag hört die Crew der "Alan Kurdi" den Funk zwischen einem europäischen Marineflugzeug und der "Elhiblu 1" mit: Vom Flugzeug wird der Tanker-Kapitän aufgefordert, den Menschen auf zwei Schlauchbooten zu helfen. Sie seien in Lebensgefahr und die libysche Küstenwache sei "out of service", also: nicht einsatzbereit. Der Kapitän gibt sein Okay und nimmt wenig später 108 Männer, Frauen, Kinder auf - er muss es nach dem Seerecht auch.

Doch er gerät nun selbst in große Probleme. Sein Ziel ist Tripolis, auch die Schiffbrüchigen soll er dorthin bringen. Aber die weigern sich beharrlich, zurück in die Hölle der libyschen Lager zu gehen. Wo ihnen droht - wie inzwischen von vielen Seiten mit Fotos und Dokumenten belegt wurde - ausgeraubt, vergewaltigt, gefoltert oder als Sklaven verkauft zu werden. Sie haben es einmal überstanden, sie wollen kein zweites Mal dorthin.

Auf der "Alan Kurdi" hört man die Funksprüche des ratlosen Tanker-Kapitäns an seine Befehlsgeber im Flugzeug mit: "Die Menschen weigern sich, an Bord zu kommen"... "Sie wollen nach Europa"... "Die Leute hier sind völlig verrückt". Dann, später: "Es ist sehr schlimm"... "zu viele Probleme hier an Bord" ... "Wenn Sie können, senden Sie mir ein anderes Schiff". Aber es kommt kein anderes Schiff. Und der Kapitän soll ein Problem lösen, das er gar nicht lösen kann. Was soll er tun?

Er dreht und fährt gen Norden.

Italien und Malta: Wir lassen sie nicht an Land

Das ist der Startschuss für die nächste Profilierungsaktion des populären italienischen Innenministers und Chefs der rechtsnationalen Lega-Partei, Matteo Salvini. Er kann per Twitter, Facebook und sonstiger Medien bestätigen, dass etliche Migranten, die von der Besatzung eines Frachtschiffes aus dem Meer geborgen wurden, sich gegen die Besatzung aufgelehnt und die Kontrolle des Schiffes übernommen hätten - so gibt die Kirchenzeitung "Avvenire" seine Statements wieder - und dass das Boot nun nach Norden führe, Richtung Malta oder der italienischen Insel Lampedusa. Salvini spricht von "Piraten" und "organisierter Kriminalität" und droht, man werde die Menschen in Italien nicht an Land lassen.

Das erklärt auch Malta umgehend. Und droht zudem laut Deutscher Presseagentur, die maltesische Marine sei in Bereitschaft.

Und so wird es wohl wieder das mediterrane Polit-Spiel geben, bei dem die Menschen auf ihrem Rettungsschiff tage- oder wochenlang ausharren müssen, bis ein paar EU-Länder sich bereit erklären, einige von ihnen aufzunehmen - damit der italienische Lega-Sheriff noch ein paar Punkte für die Europawahlen sammelt. Dabei ist er da schon der große Favorit.

Dass auch ein Salvini diese Menschen gar nicht nach Libyen zurückschicken dürfte, spielt ohnehin keine Rolle mehr. Heißt es doch in der Genfer Konvention, dem internationalen Abkommen über die Rechtsstellung von Flüchtlingen, in Artikel 33: "Keiner der vertragschließenden Staaten wird einen Flüchtling auf irgendeine Weise über die Grenzen von Gebieten ausweisen oder zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit... bedroht sein würde."

Während des absehbaren, sich langsam anbahnenden politischen Hickhacks der europäischen Partner dampft der Tanker "Elhiblu 1" mit Crew und 108 Flüchtlingen an Bord weiter. Wann und wo er im Laufe des Donnerstags eintreffen wird, weiß derzeit niemand so genau. Manche Medien meldeten am späten Mittwochabend, ohne Quelle, das Schiff habe wohl gedreht und fahre jetzt wieder Richtung Libyen. Nach den "Vesselfinder"-Angaben tuckert es dagegen weiter nach Norden. Aber offenbar nicht besonders schnell.

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